#DirtyThirty: Sportskanone meets Sportmuffel – wenn zwei Welten aufeinander treffen

DirtyThirty: Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie selbst sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Wenn ich einen anstrengenden Arbeitstag hatte, dann gibt es für mich mehrere Optionen abzuschalten: Ich raffe mich auf und treffe mich noch mit Freunden, gehe zu einem Event, auf dem ich eingeladen bin und kriege meinen Kopf frei indem ich nach dem Home Office socialize. Ich gehe in irgendein nettes Restaurant und genieße gutes Essen und ein Glas Wein. Oder ich setze mich mit einem guten Glas Wein oder Champagner auf die Couch, lese oder entspanne einfach. Sex ist auch immer eine gute Sache. Wenn ich im Café eine Schokolade bestelle, habe ich schon ja gesagt, bevor die Kellnerin gefragt hat, ob sie eine mit Sahne bringen soll. Im Fitnessstudio bescheisse ich mich selbst: A) Bin ich seit Juni angemeldet und war genau zweimal da. (Okay, dreimal, aber einmal eigentlich nur wegen den Freigetränken) B) Betrüge ich mich selbst, indem ich die Zeit aufrunde, damit ich schneller wieder gehen kann.
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Als ich meinen Freund kennengelernt habe bzw. das erste Mal richtig bewusst wahrgenommen habe, wie er aussieht, ist mir natürlich aufgefallen, dass man jede Muskelfaser seines Körpers erkennen konnte. Und ich hab auch gesehen, dass das nicht das erste Mal ist, dass er am Strand mit anderen locker ein paar Bälle kickt. Mir war auch klar, dass man für so einen Body arbeiten muss, aber das ist ja nicht mein Problem. Dachte ich. Wie es ist mit einer echten Sportskanone zusammen zu sein, wenn die eigene Kondition unterirdisch und das Maximum an Sport das Tragen der Einkäufe ins Erdgeschoss ist? Ich sag es mal so, eher so semi.

Ich liebe Essen, guten Wein, ich koche mit Sahne anstatt mit Sahneersatz mit nur 7% Fett, ich lasse eine S-Bahn wegfahren und warte auf die nächste statt zu rennen und ja, ich wohne im Erdgeschoss. Und es ist toll.

Mein Freund geht – wenn es zeitlich machbar ist (weil vor Ort sein von Nöten ist) –zweimal die Woche abends Fußball spielen. Egal wo er ist, rennt er auch zwei bis dreimal die Woche ins
Fitnessstudio. Und ja, in unserem einzigen richtigen Urlaub in Malaysia im August ist er wie ein Bekloppter am Strand entlang gejoggt. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Ich bin auch einmal mitgelaufen. Aber nur eine Länge (wovon er drei macht) und mit der Folge völlig am Ende zu sein danach.
Ich weiß, ich weiß. Sport ist gesund. Ich weiß das fitte Menschen vieles einfacher haben: Reha und Recovery nach einer OP, Kinder kriegen, wegfahrende Busse einholen, Taschendieben das Diebesgut wieder abnehmen. Und ich weiß, spätestens seit diesem ganzen Fitnessinstagram-Kram und gesunden Bowls und Green Smoothies wird uns Frauen das Gefühl gegeben, wir müssten jeden Morgen quietschfidel in unseren sexy Sport-Outfits um den Block rennen. Aber ich hasse es. Viel mehr als viel anderes, außer vielleicht Nazis und so. Und zuhause habe ich diesen heißen Typen sitzen, der nach einem stressigen Tag aufspringt und sagt Ich geh jetzt auf jeden Fall noch mal ne Runde laufen oder ins Gym.
Hier prallen zwei Kosmen aufeinander: Ich liebe Essen, guten Wein, ich koche mit Sahne anstatt mit Sahneersatz mit nur 7% Fett, ich lasse eine S-Bahn wegfahren und warte auf die nächste statt zu rennen und ja, ich wohne im Erdgeschoss. Und es ist toll. Aber mein Liebster, der isst abends keine Kohlenhydrate mehr, der rennt so oft es geht zum Sport und manchmal, manchmal komme ich abends ins Schlafzimmer und da macht er noch ein paar Liegestütz um sich auszupowern. LIEGESTÜTZE.
Ich schwanke stetig zwischen es gut finden, dass wenigstens einer von uns a) Spaß daran hat und b) so diszipliniert zu sein und zu weinen. Ich finde nicht, dass man sportlich sein muss und auch wenn es gesund ist, geht mir dieser Trend des allzeitbereiten Fitnesshäschens unfassbar auf den Zeiger.
Aber wenn man in einer Beziehung mit jemandem ist, der nicht dem Trend folgt, sondern Sport einfach liebt, der im Abi Sport LK hatte und einfach alles weiß über Muskelaufbau und Ernährung, dann prallen da in jeglicher Hinsicht Welten aufeinander. Im Privatleben, bei der Urlaubsplanung, im Alltag, im Job.

Im Urlaub möchte er allerlei Dinge machen, die mit Anstrengung und Schweiß und Auspowern zu tun haben – und nein, damit meine ich gerade nicht Matratzensport.

Er kann sie sich nicht verkneifen, die ein wenig vorwurfsvollen Blicke, wenn ich mir eine Packung Rocher kaufe. Nicht weil ich zu Dick bin, denn danke Gene, das bin ich trotz zero Sport nicht. Sondern weil es ungesund ist und dem Fit-Sein im Wege steht. Im Urlaub möchte er allerlei Dinge machen, die mit Anstrengung und Schweiß und Auspowern zu tun haben – und nein, damit meine ich gerade nicht Matratzensport. Und im Job schleppt er munter seinen 20kg-Kamera Rucksack bei 30 Grad herum und dazu die schwere Cam auf der Schulter und ich laufe mit den Armen abgespreizt, damit sich keine Flecken abzeichnen und niemand merkt, dass mir der Schweiß rinnt, wenn ich den Berg hochrenne.
Ich bin stolzer Nicht-Sportler, aber ich muss zugeben, dass es schade ist, wenn irgendwo alle Basketball zocken und ich spontan nicht mitspiele – nicht weil ich es nicht kann, sondern weil ich eine Ausdauer von einem Käfer habe. Obwohl der vermutlich mehr hat. Oder das mir bei dem Programmpunkt Hiking to the top of Skeletton George, Table Mountain (6 hours) während einer Produktion in Südafrika im April fast das Herz stehen geblieben ist.
Ich hab es ja auch versucht, aber es macht mir keinen Spaß und ich bin kein Fan davon, sich zu Dingen zu zwingen, die man nicht mag. Also verbleibe ich unsportlich und schaue dem Mann, den ich liebe, zu, wie er sich quält und dabei ein breites Grinsen im Gesicht hat. Gewöhne mich daran, dass wenn er auf Dienstreise ist, er abends nicht anrufen kann, weil er noch ins Studio rennt. Und lasse zuhause den Champagner-Korken knallen. Cheers to life. Schön, dass wir nicht alle gleich sein müssen. Und nach 30 Jahren Sportmuffel, ändert mich auch die (Sports-)Kanone zuhause nicht mehr. #lifechoices
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