Wollen wir uns wirklich immer noch anziehen wie Street-Style-Stars?

Photographed by Cris Fragkou.
Es gab Zeiten, da war es interessant zu sehen, was Leute abseits des Catwalks getragen haben. Diese Leute waren meist gutangezogene Menschen in den Metropolen, die ihrem Großstadtleben nachgingen und dabei auf der Straße von Fotografen entdeckt wurden, denen ihr besonderer Stil aufgefallen war. Das war einzigartig, das war persönlich und vor allen Dingen war es inspirierend. Doch dann kam Street Style. Weit gefehlt, wer glaubt, es handelt sich dabei um den Stil, den Leute auf der Straße tragen. Es handelt sich um die sorgfältig orchestrierten Outfits von Influencern, mit denen wir heute auf Instagram überflutet werden. Im Laufe der Zeit näherten sich all diese Fotos einander ziemlich stark an. Ein Mädchen springt in den neuesten Trendschuhen gazellengleich über die Straßen von Paris / Mailand / London / Tokyo / Seoul / Moskau, während die Ärmel ihrer Bluse ihr scheinbar nachlässig übers Handgelenk fallen.
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„Es gibt einen Riesenunterschied zwischen den Bildern [des Pioniers der Street Style Fotografie] Bill Cunningham und dem, was man heute so zu sehen bekommt.“, sagt Gio Staiano, ein erfahrener Fashionshow-Fotograf, der unter anderem für die New York Times und Nowfashion.com arbeitet. „Bill hat auf den Straßen nach Leuten Ausschau gehalten, die einen besonderen Stil und irgendwas Spannendes an sich hatten. Daraus erstellte er Collagen, auf denen beispielsweise alle Leute eine bestimmte Farbe auf unterschiedliche Arten trugen. Das war wirklich interessant.“
Photographed by JOANNA TOTOLICI.
Vor allem aber war es authentisch. Die Frauen, die Cunningham fotografierte, waren tatsächlich gerade auf dem Weg zur U-Bahn, die Männer warteten wirklich vor einem Café auf einen Freund oder telefonierten gerade mit jemanden. Es ging darum, ehrliche Momente einzufangen. Das japanische Magazin „Fruits“ beispielsweise zeigte, wie Leute in Tokyo sich um die Jahrtausendwende kleideten. Anders als heute, wo ein Großteil der Bilder inszeniert ist. Sobald die Fashion Week in der Stadt ist, sieht man jede Menge Leute, die darum gebeten werden, immer und immer wieder das gleiche Stück Straße lang zu stolzieren, bis der vermeintliche Street Style Shot im Kasten ist.
„Der Einfluss von Social Media ist riesig. Und die Globalisierung lässt wenig Raum für Individualität.“ Zu dieser Beobachtung kommt Dvora, die in der Vergangenheit oft Street Styles für die britische Onlineausgabe der Vogue geschossen hat. Und tatsächlich: Wie viele Street-Style-Fotos sieht man dieser Tage in seinem Social-Media-Feed, die nicht nur die gleiche Art von Outfit zeigen (entweder elegant, aufeinander abgestimmt und makellos oder laut, edgy und gelayert), sondern auch darüber hinaus ganz schön ähnlich aussehen?
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Das führt so weit, dass man in vielen Onlineshops mittlerweile ganze Abschnitte findet, in denen man die Klamotten, die auf Street-Style-Fotos abgebildet sind, direkt nachkaufen kann. Nicht besonders originell. Und sogar in Modestrecken und Anzeigen sah man eine Zeit lang diesen Street-Style-Look, der den Anschein von „echten“ Leuten im „realen“ Leben vermitteln sollte. Aber ist ein Editorial nicht oftmals das Gegenteil vom Alltag, und ist das nicht auch irgendwie okay so? Als Riccardo Tisci der Designer bei Givenchy war, shootete er Kampagnen oft auf den Bürgersteigen New Yorks, und auch auf den Laufstegen sah man mehr und mehr „echte“ Menschen. Komplette Runwaylooks waren früher maximal in Magazinen zu sehen, als Street Styles werden sie nun reihenweise auf den Straßen zur Schau gestellt. Auch hier kann von persönlichem Stil ja wohl kaum die Rede sein.
Wann wurde Street Style, also die Darstellung individueller Stilkultur interessanter Menschen, so austauschbar, dass er nun ohne Probleme in verschiedene aktuelle Trendsparten einsortiert werden kann? Wieso laufen die fotografierten Personen wie eine Herde Fashion-Schafe dem neuesten heißen Scheiß hinterher, statt einfach zu tragen, was ihnen so in den Sinn kommt?
„Der Wandel vollzog sich mit dem sinkenden Absatz von Printmagazinen.“, sagt Phillip Bodenham von der PR-Agentur Spring London. Etwa um das Jahr 2013 herum schien es einen regelrechten Boom um das Phänomen zu geben. Die berühmte Modekritikerin Suzy Menkes verfasste für die New York Times ein Stück namens „The Circus of Fashion”. Darin beschrieb sie die Entwicklung der Mode, die sich von den Laufstegen hin zu den Bürgersteigen vollzog, und all die Eitelkeiten außerhalb der Shows, die diese neue Phase mit sich brachte. War die Mode früher eine abgeschlossene Welt gewesen, zu der nur Insider, Presse und Einkäufer Zutritt hatten, öffnete sie sich jetzt weiter. Dank der digitalen Medien brauchte es keine Kontakte mehr, um sich selbst zu promoten und einen Kult um die eigene Person zu kreieren. Dank Street-Style-Fotografen wie Scott Schumann von The Sartorialist oder Tommy Ton erreichte das Konzept der „Kleidung aus dem echten Leben“ ungeahnte Höhen. Auf einmal wusste jeder, wer Anna Dello Russo war. Und zwar nicht unbedingt wegen dem, was sie so beruflich machte, sondern wegen dem was sie trug, denn das war nun wirklich beeindruckend. Zu jeder Tageszeit wurde sie wie selbstverständlich mit Federn und Ballkleidern gesichtet.
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„Es ist schwierig eine scharfe Trennlinie zu ziehen zwischen persönlichem Stil und Outfits, die darauf abzielen, andere zu beeindrucken. Ich verstehe, dass sich die Fashion Crowd für bestimmte Anlässe besonders anzieht, und die Resultate sind zugegebenermaßen oft faszinierend. Aber als Inspirationsquelle für die Looks, die ich im Alltag trage, halten sie schon lange nicht mehr her.“, sagt die 25 Jahre alte Ema Janackova, die als Projektmanagerin im Eventbereich arbeitet. Auch die 20-jährige PR-Assistentin Kalisha Quinlan zieht ihre Outfitinspiration eher aus der Musik, den Subkulturen, Filmen und Serien. „Viele der Outfits, die man im Street Style sieht, zeigen einfach nur schon bestehende Trends. Alle scheinen auf Nummer sicher zu gehen.“
Schon fast ironisch, dass ein Phänomen, das mal dazu diente, tolle, originelle Outfits zu zeigen, bei denen Leute sich trauten, etwas zu wagen oder einen Look auf die Spitze zu treiben, zu einer weiteren Vermarktungsoption verkommen ist, bei der es vorrangig darum zu gehen scheint, dass Leute sich selbst promoten und weitere „Shop The Look“-Bilder zu produzieren. Die Nebeneffekte dieser Entwicklung sind Übersättigung und Homogenisierung.
Photographed by Cris Fragkou.
In ihrem New-York-Times-Artikel schrieb Suzy Menkes: „Es gibt einen sehr deutlichen Unterschied zwischen den Leuten, die wirklich Stil haben und denjenigen, die sich einfach nur präsentieren wollen.“ Damit brachte sie das damalige Problem auf den Punkt. Heutzutage ist die Fragestellung aber eine andere. Sie lautet: Haben wir Street Style mittlerweile satt? Die PR-Assistentin Kalisha Quinlan sagt: „Man kommt gar nicht drumrum, sich einige Inspirationen auf Instagram zu holen. Aber in meinen Augen ist es ganz eindeutig, was authentisch ist, und was Influencer Marketing. Mich schreckt es eher ab, wenn ich das Gefühl habe, jemand wir ohne Ende gesponsert.“ Man muss auch kein Wahrsager sein, um vorherzusagen, welche Brands und Designer wir besonders oft in den Street Styles gefeatured sehen werden. Die Teile aus diesen Kollektionen haben Wiedererkennungscharakter, sind oft farbig und auffällig. Und irgendein Detail an ihnen macht irgendeine Art von unverkennbarem Statement. Kurzum, eine persönliche, diverse, individuelle, kreative Modelandschaft sieht genau so nicht aus.
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Photographed by JOANNA TOTOLICI.
Die Vogue-Modekritikerin Sarah Mower merkte in ihrer Besprechung der Pre-Fall Kollektion von Balenciaga an: „Ist nur ein Gedanke, aber sind diese langweiligen Hosenanzüge aus Tweed eventuell die spannendsten Teile in dieser Balenciaga-Kollektion?“ Sie meinte das keinesfalls als Affront, vielmehr wollte sie zum Ausdruck bringen, dass „diese emotionale Anziehungskraft hin zu aufgeräumtem Design derzeit deutlich spürbar ist. Unkomplizierte, sorgfältig geschnittene Sachen, die einfach gut aussehen.“ Clare Waight Keller fährt diese Linie übrigens bei Givenchy genauso (erfolgreich).
Wieso sich Leute dazu hingezogen fühlen? Weil es sich echt anfühlt. Weil es echt ist. Leute tragen zur Arbeit einen Hosenanzug, kein Slipdress zu meterhohen Plateauschuhen.
Zum Schluss ihrer Besprechung sagt Mower: „Vielleicht ist es an der Zeit, dass langweilig das neue interessant wird.“ Und vielleicht hat sie damit auch schon die Antwort auf die Frage gegeben, wie relevant Street-Style-Stars im Jahr 2018 eigentlich noch sind.
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