„Ich wurde zur Frau – doch meine Vagina ist nicht das, was ich erwartet habe“

Dieser Artikel ist zuerst bei The Queerness, einem kritischen Kollektiv für queere Stimmen erschienen.
Ich möchte hier über Vaginen sprechen. Über Trans-Vaginen, um ganz genau zu sein. Über meine Vagina, die ich in meinen späten Vierzigern bekam. Ich möchte darüber sprechen, wie sie aussieht, wie sie sich anfühlt, wie es sich wirklich anfühlt zwischen meinen Beinen. Und ich möchte über meine Vagina als Ort der Lust sprechen.
Wenn Menschen erfahren, dass ich transsexuell bin, lauten die ersten Fragen meistens:
„Hast du eine?“
„Funktioniert sie?“
„Hast du Sex?“
Ich beantworte diese Fragen nie, außer natürlich mein Gesprächspartner und ich sind im Bett und gerade dabei, intim zu werden. Weil das selten der Fall ist, finden solche Gespräche nie oder zumindest nicht in einem vertrauten Rahmen statt.
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Ich finde, es ist eine Schande, dass ich selten die Möglichkeit habe, über meine Vagina zu sprechen und dass andere Transfrauen nicht über ihre reden können. Es sollte „Post-OP-Vagina“-Gesprächskreise geben und „prä-vaginale“ Klassen.
Unsere Vaginen sind anders, unentdeckt, kreiert, operiert, magisch, mystisch und viel zu oft von Außenstehenden unberührt. Ich habe viele Jahre damit verbracht, von meiner Vagina zu träumen. Ich stellte mir vor, nach unten zu greifen und eine Öffnung zu fühlen – mich richtig anzufühlen. Bereits seit meiner Teenagerzeit hatte ich sexuelle Träume davon, wie es ist, eine Vagina zu haben.
Ich träumte, dass eine Hand in mein Höschen gleiten und einen feuchten Spalt ertasten würde. Dass erst ein Finger eindringen würde und dann ein Phallus – aus Plastik oder echt – langsam und tief und mir ein Stöhnen entlocken würde.
Bis zur Nacht vor meiner Operation träumte ich immer wieder diesen Traum. Genauso, wie ich mir etwas naiv vorstellte, dass meine Vagina exakt so funktionieren würde, wie die einer Geburtsfrau.
Mein Chirurg sagte mir, er würde mich echt aussehen lassen. Mit einer vaginalen Öffnung, einer empfindsamen Klitoris sowie inneren und äußeren Schamlippen. Mir wurde gesagt, dass ich für mindestens drei Monate nach der OP keinen Sex haben könne.
Vier Tage nach dem Eingriff, mit einem vom Morphium betäubten Bewusstsein, war ich von Sexträumen weit entfernt. Ich fragte mich nur, wie meine Vagina wohl aussähe, wenn der Verband abgenommen würde. Es gibt Leute, die Fotos posten, aber diese Vaginen erinnern in ihrer Form meistens an Schmetterlinge.
„Schau mich an, ich bin eine wunderschöne Pussy!“, sagen sie. „Fick mich.“
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Am fünften Tag nach meiner OP kam der füllende Verband raus und eine Krankenschwester gab mir einen kleinen Handspiegel, mit dem ich die Arbeit der Spezialisten begutachten konnte.
„Zufrieden?“, fragte sie mich.
„Das sieht aus wie der Arsch eines wütenden Affen!“, heulte ich.
„Die Schwellung wird abklingen“, antwortete sie.
Die Schwellung klang ab, aber ich hatte monatelang Probleme. Verengung, Weitung, vernarbtes Gewebe, erektiles Gewebe, Pinkeln, Infektionen. Die Liste geht weiter. Aber sie zeigt bei Weitem nicht das ganze Bild, denn ich liebe meine Vagina. Ich meine, ich liebe meine Vagina wirklich. Ein Glück, denn sie ist einmalig.
Aber ich habe mich mit ihr nie selbstbewusst genug gefühlt, um Sex zu haben. Jahre nach der Operation ist es immer noch schmerzhaft, sie zu weiten. Sie ist mit der Zeit viel enger geworden und nicht mehr so tief. Manchmal blutet sie und meine Träume vom einfachen, unkomplizierten Sex gehören der Vergangenheit an.
Manchmal masturbiere ich, dann fühlt sie sich feucht an. Aber woher kommt das? Und warum hat mir niemand von der Feuchtigkeit erzählt? Warum wird die Mitte meiner Vagina so hart, dass mir eine Penetration unmöglich vorkommt?
Ich vereinbarte einen Termin mit meinem Chirurgen und das Team schaute sich meine Vagina nochmal an. Dafür spreizten sie sie auf und ich fühlte mich wie eine alte Kuh, ein Rind also, bei dem gecheckt wird, ob es trächtig ist.
Ich habe keine Sexträume von meiner schönen, weichen Vagina mehr, die um einen Finger oder einen Penis herum anschwillt.
Stattdessen gebe ich jetzt zu viel Geld für Handtaschen aus – wahrscheinlich als Ersatz und bestimmt ist es nur eine Zwischenlösung.
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Dennoch wir lieber über uns, unsere Vaginen und unser Sexleben sprechen und ehrlich davon erzählen, anstatt etwas vorzutäuschen. Und zwar in einer Art und Weise, die zu einem besseren Verständnis für unsere Körper, die Operationen, unsere Wünsche und den Möglichkeiten und Grenzen bezüglich Sex führt. Ich denke es ist unsere Pflicht, die Diskussion für eine jüngere Transgender-Generation zu eröffnen, die zu uns aufblicken und sich auf die immer länger werdenden Wartelisten für diese Operation setzen lassen. Sie tun das, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was es bedeutet, keinen Orgasmus zu haben. Was es bedeutet, seine Vagina jede Woche aufs Neue zu weiten und sich von ungezählten Menschen – auch medizinischem Personal – sagen zu lassen, dass sie sich mit deiner Vagina nicht auskennen. Es mag merkwürdig klingen, aber es scheint keine Landkarte unserer Sexuallandschaft zu geben, kein gemeinsames Wissen, das einfache Fragen beantworten könnte.
Zum Beispiel die Frage, was passiert, wenn jemand zu tief eindringt – reißt die Vagina? Kann sie reißen? Wird sie zuwachsen, wenn ich aufhöre, sie zu weiten? Und woher kommt die Feuchtigkeit?
Schon lange denke ich, dass wir ein besseres System haben sollten, in dem wir unsere Vaginen kennenlernen können, bevor wir sie bekommen. Ein System, das Fragen beantwortet und in dessen Rahmen Probleme besprochen werden. Das Bedürfnis, ein auf Schranken aufgebautes System schnellstmöglich zu befriedigen, lässt uns niemals innehalten, um uns zu fragen, wie es sich anfühlen wird, wenn sich Träume zu erfüllen.
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Ich muss nochmal wiederholen, dass ich meine Vagina liebe. Ich meine, ich liebe meine Vagina wirklich. Ein Glück, denn sie ist einmalig.
Ich muss das immer wieder sagen, denn die Wahrheit ist, dass wir als Transfrauen in größtenteils transphobischen Chatrooms und in von Cis-Männern und Frauen dominierten Sozialen Medien lernen, dass wir uns unser Geschlecht nicht zugestehen dürfen, nicht einmal unsere Vaginen. Wir müssen beweisen, dass wir eine brauchen; beweisen, dass wir eine verdienen, und dann müssen wir belegen, dass uns die Vagina eine Authentizität in Bezug auf unsere Weiblichkeit gibt. Und weil es so stressig ist, sich durch dieses Minenfeld zu bewegen, sollten wir niemals aufhören, uns einen guten, gesunden Raum zu schaffen, in dem wir unser Sexleben, unsere Wünsche und unsere Operationen diskutieren können.
Auf jeder Station, auf der Geschlechtsumwandlungen durchgeführt werden, sprechen Frauen über ihre Ängste, ihre Hoffnungen und Wünsche. Sie lachen, weinen und unterstützen sich gegenseitig. Sie hören zu und werden gehört.
Und dann werden wir entlassen und kämpfen um unser Existenzrecht. Wir gehen ins Schweigen und schämen uns, keinen Sex und eine schwierige Zeit zu haben.
Anfang des Jahres habe ich angefangen zu recherchieren. Ich habe Transfrauen einige Fragen über ihre Vaginen gestellt (Teil einer Arbeitsreihe namens „Den T-Spot finden“), eine atemberaubende Zahl von Frauen hat mir öffentlich (in den Soziale Medien) gesagt, ganz und gar glücklich zu sein, dass sie zahlreiche, tief gehende Orgasmen haben und Gefühle erleben, die sie nie zuvor erlebt haben – eine Menge Sex.
Damals dachte ich, nur ich hätte ein Problem. Die Studie würde zutage fördern, dass nur meine Erfahrung so sei, dass nur ich eine harte Zeit habe.
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Aber dann begannen dieselben Frauen anonym Geschichten von stillem Leid und so niedrigen Erwartungen zu erzählen, davon, dass sie das Gefühl hätten, sich nicht beschweren zu dürfen. Frauen, unheimlich viele Frauen, sprachen davon, nur wenig zu spüren und von Problemen mit der Weitung ihrer Vaginen. Sie erzählten von Schmerzen, Ausfluss und endlos vielen Nachuntersuchungen.
Letztendlich hatte also nicht nur ich solche Erfahrungen gemacht, trotzdem waren wir alle alleine und isoliert mit unseren Gefühlen.
Ich wiederhole es noch einmal: Ich liebe meine Vagina. Ich liebe sie wirklich. Ein Glück, denn sie ist einmalig.
Ich weiß oder habe zumindest sehr stark das Gefühl, dass meine Erfahrung weit verbreitet sein muss, dass meine Träume, die auf einer angeborenen Vagina basierten und die Worte des Chirurgen vor der OP (Sie wird so echt wie möglich aussehen), mich nicht auf die Realität meiner eher einzigartigen Pussy vorbereitet haben.
Meine Pussy (Seht ihr ich „owne“ sie jetzt auch umgangssprachlich) braucht Weitung und operative Dehnung, sie sondert Feuchtigkeit von einem mir unbekannten Ort ab und sie tut ein bisschen weh, wenn ich stehe – das könnten innen wachsende Haare sein oder vernarbtes Gewebe. Ich sage all das in der Hoffnung, dass wir uns nicht mehr so sehr schämen oder uns so isoliert fühlen, wenn unsere Träume Realität werden. Ich habe einfach das Gefühl, dass diese Worte laut ausgesprochen werden müssen.
Aber ich wiederhole es noch einmal: Ich liebe meine Vagina. Ich liebe sie wirklich. Ein Glück, denn sie ist einmalig. Und ich will noch meinen T-Punkt finden.
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