„Two Neighbors“: Dieses Label macht Mode für den Nahost-Frieden

Dass sich eine Israelin und eine Palästinenserin ausgerechnet in Jerusalem friedlich an einen Tisch setzen, um über Mode zu sprechen, klingt zunächst ziemlich unwahrscheinlich. Und doch machen Adeem Amro und Segal Kirsch genau das. Alle zwei Wochen treffen sich die zwei Frauen, um über Schnittmuster, Stoffe und die neuesten Trends zu reden.
Die Palästinenserin Adeem und die Israelin Segal sind Mitbegründerinnen des Modelabels „Two Neighbors“. Auf den ersten Blick kreiert das Unternehmen vor allem schöne, minimalistische Kleider, verziert mit aufwendigen Stickereien. Schaut man allerdings genauer hin, beweist das Label, dass Frieden im Nahen Osten schwierig, aber möglich ist. Hinter „Two Neighbors“ steht ein Kollektiv aus über 50 israelischen und palästinensischen Frauen, die gemeinsam Verbindendes schaffen wollen, wo andere nur Mauern bauen.
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Mode als internationale & grenzübergreifende Sprache

Seit Jahrzehnten stehen sich Israelis und Palästinenser unversöhnlich im Nahostkonflikt gegenüber. Jede Seite beansprucht das heilige Land für sich und versucht mit Terror, illegalen Siedlungen und militärischen Muskelspielen ihren Interessen Nachdruck zu verleihen. Das Klima ist vergiftet, ein Dialog fast unmöglich.
Adeem, Segal und die anderen Frauen von „Two Neighbors“ wollen diese Realität nicht länger akzeptieren. Sie wollen keinen Krieg, sondern Versöhnung. „Wir glauben, dass Mode eine internationale Sprache ist“, sagt Segal. „Sie kann eine Brücke zwischen den Kulturen bauen und unsere Vision von Frieden und gemeinsamen Werten verbreiten.“
Noam Moskwitz
Ihre Fashion-Initiative funktioniert so: Eine israelische Designerin entwirft die Kleider in ihrem Studio in Tel Aviv. Sie wählt Stoffe aus und schneidet das Material. Am Anschluss verzieren palästinensische Frauen im Westjordanland die Schnitte mit aufwendigen, traditionellen Stickmustern. Zurück in Tel Aviv nähen israelische Schneiderinnen die Kleider zusammen. Kaufen kann man die Kollektionen im Onlineshop oder in Pop-up-Stores in Tel Aviv und Jerusalem.
Tina Remiz
Dass Israelis und Palästinenser zusammenarbeiten, ist nicht neu. Viele junge Menschen aus dem Westjordanland arbeiten dank einer speziellen Genehmigung in Israel oder schlagen sich illegal mit Gelegenheitsjobs durch. Sie sind beliebte Arbeitskräfte – auch, weil sie im Vergleich zu ihren israelischen Kollegen häufig viel weniger Geld verlangen. Fair und auf Augenhöhe sind solche Deals natürlich selten. Bei „Two Neighbors“ verfolgt man eine andere Strategie. „Wir sind eine Partnerschaft und keine israelische Firma mit palästinensischen Mitarbeitern“, sagt Adeem, „die Löhne, die wir zahlen, sind fair und richten sich nach dem israelischen Mindestlohn. Auch für die palästinensischen Frauen.“ Die ersten zwei Kollektionen finanzierte das Unternehmen über ein Crowdfunding-Projekt, die nächste wollen Segal und Adeem aus eigener Kraft stemmen. „Wir sind noch nicht wirklich profitabel, aber auf dem besten Weg dorthin. Sobald wir schwarze Zahlen schreiben, werden aus unseren Mitarbeitern Eigentümer. Jede Frau, die für uns arbeitet, bekommt einen Anteil am Unternehmen.“
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Ans Aufhören denken die Palästinenserinnen nicht

Einfach ist die Zusammenarbeit nicht. Bürokratie und der schwelende Konflikt legen den Frauen immer wieder Steine in den Weg. So musste „Two Neighbors“ in den Vereinigten Staaten gegründet werden, weil es noch keine Option gibt, ein gemeinsames israelisch-palästinensisches Unternehmen im Nahen Osten zu registrieren. Und auch die gemeinsamen Treffen zwischen den palästinensischen und israelischen Mitarbeitern sind eine logistische Herausforderung.
Die Frauen aus dem Westjordanland benötigen eine Genehmigung, um nach Israel zu reisen. Die ist schwer zu bekommen. Selbst wenn sie von den israelischen Behörden ausgestellt wird, behindern Straßensperren und Kontrollpunkte die Fahrt. Israelis wiederum dürfen die palästinensisch kontrollierten Gebiete nicht betreten. Tun sie es doch, müssen sie um ihr Leben fürchten.
Nicht überall bekommt das Kollektiv Zuspruch. Besonders die Menschen in der Westbank stehen dem Unternehmen kritisch gegenüber. Wer dort mit dem Feind kooperiert, gilt schnell als Verräter. Einige der Frauen wurden angegriffen und bedroht. Zu ihrem Schutz verraten Adeem und Segal weder Namen, noch den genauen Ort, wo sie arbeiten. „Es ist immer noch zu gefährlich.“
Ans Aufhören denken die Palästinenserinnen trotzdem nicht. Einige verdienen zum ersten Mal in ihrem Leben ihr eigenes Geld. „Diese finanzielle Unabhängigkeit verändert alles“, sagt Adeem, „nicht nur die Sicht aufs Leben, sondern auch auf sich selbst.“ Eine junge Mitarbeiterin im Westjordanland bezahlte von ihrem ersten Lohn einen Fotografiekurs. Statt zu heiraten und Kinder zu bekommen, will sie nun als erste Frau in ihrem Dorf einen Führerschein machen. „Genau diese Art von Wandel wollen wir mit ‚Two Neighbors‘ erreichen“, sagt Segal, „und das geht nur, wenn wir als Nachbarn zusammenarbeiten.“
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