Ein männlicher Versuch, die Bedeutung von Schönheit einer Frau zu verstehen

FOTO: Perlstein Lauren
Ich sprach mit einer blinden Frau über Schönheit. Sie versicherte mir, dass für sie jeder Mensch, dessen Stimme von Zufriedenheit und Ausgeglichenheit erfüllt ist, schön sei. Dessen Lachen so herzhaft ist, dass man trotz fehlenden Augenlichtes die freudig lächelnden Augen dazu glänzen sieht und dessen Worte so gewählt verwendet werden, dass man auf eine gute Ausbildung und geschulten Intellekt schließen kann. Diese Art der Schönheit ist langlebig und intensiv.

Wir Sehenden können davon lernen, wird doch der so schön geschwungene Mund langweilig, weil er nichts zu erzählen hat. Die hoch erotische Frau wird zum Albtraum, wenn man mit ihr nicht lachen kann und die bejubelte Favoritin der angehenden Topmodelshow verliert ihren Reiz, weil man mit ihr keine Pferde stehlen kann. Äußere Schönheit ist langweilig und ihre Verlockung brennt ab wie ein kurzes Streichholz, dass vorher mit einer großen Flamme entzündet wurde.

Täglich wird man von den Medien mit Schönheit bebombt. Supermodelcastingshows im Fernsehen, dauerlächelnde, vermeintlich wichtige Leute in den Boulevardzeitungen, makellose Mannequinnes auf den Covern der Hochglanzmagazine oder auf den städtebildbestimmenden Leuchttafeln. All das nimmt Einfluss auf uns. Und die Bildung unserer Ideale.

Dabei ist die Schönheit ein zufällig vergebenes Gut. Man kann sie sich weder durch große Anstrengung, noch Ausdauer zu eigen machen. Vielmehr bekommt man ein kleines Bonbon mit auf den Lebensweg gegeben. Sie ist ein Geschenk Gottes.

Diese äußere, hoch gepriesene Herrlichkeit, wird bedroht von ihren Feinden Alter und Zeitgeist. Das Alter hinterlässt seine Zeichen und Linien auf den einst so wohlgestalteten Körpern, es kratzt am biologischen Lack der Zeit, verunstaltet ihn. Der viel größere und gefährlichere Feind jedoch ist der Zeitgeist, da er die Macht besitzt, die Schönheit erst zu definieren und zu lenken.

Denken wir an die Ideale vergangener Zeiten. So waren füllige Frauen die Objekte der Begierde französischer Kaiser, wurden Damen mit einem Hüftumfang von weniger als achtzig Zentimetern gar nicht erst zum barocken Casting zu Hofe eingeladen. Chinesische Herrscher erfreuten sich nur an Tanzdamen mit kleinen Füßen und für Homer konnte das weibliche Becken kaum kräftig genug gebaut sein.

Wir visuellen Lebewesen nehmen die Schönheit hauptsächlich über das Ertasten und Betrachten der Formen mit unseren Augen wahr und beurteilen innerhalb von Sekundenbruchteilen, ob diese mit unserem Ideal kongruent sind. Einem Ideal, das von unserem Zeitgeist bestimmt und vorgegeben ist. Uns gefallen Formen und Farben, die wir gewöhnt sind, oder die uns durch ihre Omnipräsenz auf Werbetafeln ins Gedächtnis gebrannt sind.

Nehmen wir Abstand von den Idealen, die uns von den Postern entgegenstrahlen und unsere Augen blenden, feiern wir lieber handfeste Kriterien der Schönheit, um sie uns länger zu erhalten

Was kümmern uns junge Fältchen um die Augenpartie, tragen wir die ersten grauen Haare mit Anstand und Würde und zeigen der Welt, was in uns steckt. Zeigen wir ihr, wie schön wir wirklich sind. Erst wenn Frauen mit Orangenhaut und Lebensspuren, Männer mit Bauchansatz und fliehender Stirn, nackt und fröhlich singend durch die Wohnung tanzen oder mit einem stolzen und zufriedenen Lächeln die Muskeln spielen lassen, werden sie zur Venus und zum Adonis unserer Zeit werden.
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