Ich bin überzeugte Vegetarierin, aber würde gerne mal wieder in ein Steak beißen

Vernunft ist ein guter Ratgeber. Stimmt das auch heute noch? Oder leben wir freier, wenn wir das Privileg haben, unvernünftige Entscheidungen treffen zu dürfen? In dieser Reihe erzählen Mütter, Selbstständige und Studentinnen, welche Rolle Vernunft in ihrem Leben spielt.
Meine ersten Worte waren, der Reihe nach: Mama, Papa, Wurst. In der bayerischen Provinz großwerden, das heißt, mit Fleischwaren in Hülle und Fülle großwerden. Gab es kein Weißwurstfrühstück, dann gab es Mamas Rührei mit Sucuk und auf dem Pausenhof wurde unter der Hand das lausige Käsebrot gegen das Salamibrot von Susi eingetauscht. Zum Schlachttag des Schützenvereins zu gehen war so selbstverständlich wie von Elisabeth, der netten Verkäuferin der Dorfmetzgerei, eine Scheibe Gelbwurst in die kleinen Kinderhände gedrückt zu bekommen. Der Vegetarier war ein Fabelwesen, über das zwar hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, das aber auf dem Land noch nie jemand mit eigenen Augen erblickt hat. Auf Kindergeburtstagen gab es Halsketten aus kleinen Wiener Würstchen oder matschige Cheeseburger in der Juniortüte. Mein Lieblingstier war einst der Mettigel, bis zu jenem Tag, als ich aufgehört habe, Fleisch zu essen.
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Es geschah nicht aus einer Laune heraus und auch nicht, weil mir Fleisch nicht mehr schmeckte. Es war pure Vernunft und der Wunsch, dass kein Tier mehr für meine Ernährung leiden und sterben musste. Überhaupt: Ist das dieses Erwachsenwerden, wenn man plötzlich rational denkend einkaufen geht und ausschließlich gesunde Nahrungsmittel im Korb landen, während man wenige Jahre zuvor noch wie ein überzuckerter Schimpanse all das Taschengeld für Süßwaren und Fertiggerichte ausgegeben hat?

Jede Handlung ist politisch, das hört auch auf meinem Teller nicht auf.

Um das klarzustellen: Ich liebe nach wie vor Wurst. Und Süßes. Und Fertiggerichte. Trotzdem habe ich all das nahezu komplett aus meiner Ernährung gestrichen, weil es mir und meiner Umwelt nicht gut tut. Jede Handlung ist politisch, das hört auch auf meinem Teller nicht auf. Gab es ein großes Familiendrama, als ich Weihnachten nicht mehr Omas Truthahn essen wollte? Oh ja. Streichle ich manchmal wehmütig im Supermarkt die Tüte Instant-Käsespätzle, die nur noch heißes Wasser und fünf Minuten meiner Zeit benötigen? Auf jeden Fall. Schließe ich manchmal die Augen und stelle mir vor, mit der ganzen Faust in ein Glas mit Nussnougataufstrich zu tauchen, während ich mir einen bunten Rohkostmix auf dem Teller arrangiere? Immer.
Ich bilde mir nicht ein, mit meinem Handeln die Welt retten zu können – aber ich kann sie zumindest ein klitzekleines bisschen besser machen. Denn wo fange ich an, wenn nicht bei mir selbst? Jeder Mensch ist sich selbst am nächsten und ich schließe mich da nicht aus. Heißt also, wenn ich darauf achte, dass es mir in meiner körperlichen Hülle gut geht, kann mein Kopf auch richtig arbeiten. Entscheidungen treffen, Konsequenzen abwägen, Vernunft überwiegen lassen. Manchmal verlangt besagter Kopf dennoch die halbe Packung Schokoriegel nach dem Mittagessen, um mich zumindest für eine halbe Stunde aus dem Mittagstief zu reißen; ich gebe dem nach, dem Power Nap der kleinen Lohnarbeiter*innen im Kapitalismus.
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Ich werde nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Teller anderer Menschen deuten, es sei denn dort liegt etwas Schmackhaftes und ich möchte davon ein Stück haben.

Ich finde Zucker und Fertiggerichte eine ganz fantastische Sache. Auch kenne ich es nur zu gut, wenn man nach der Arbeit keine Lust mehr hat, sich länger als eine halbe Stunde in die Küche zu stellen, um sich etwas Frisches zu kochen – das dann womöglich aufgrund fehlender Geschmacksverstärker gar nicht so schmeckt, wie man es von Fertiggerichten gewohnt ist. Dinge verlernen ist ein langer, oftmals zäher Prozess. Davon sind auch die konstant überreizten Geschmacksnerven nicht frei. Unser Gehirn verlangt nach Zucker und Fett als sei es Opium und wir geben uns diesem Verlangen freimütig hin. Doch wie gesund kann sie sein, die Nahrung aus Plastikbehältern und künstlichen Zusatzstoffen? Spoiler: Gar nicht.
Nun bin ich weder die Ernährungspolizei noch ein Paradebeispiel dafür, wie man es richtig macht. Das muss ich zum Glück auch gar nicht sein, denn das Internet ist voll von freien Ressourcen, was Nahrung mit uns macht, wo sie herkommt, wie man sie zubereitet, wer dafür leiden musste und wer davon profitiert. Ich werde nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Teller anderer Menschen deuten, es sei denn dort liegt etwas Schmackhaftes und ich möchte davon ein Stück haben. Isst du das noch?
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