Warum der Opfer-Begriff bei Vergewaltigung abgeschafft gehört

Wie reden wir über Vergewaltigung? Und warum reden wir so darüber, wie wir es tun? Diesen Fragen geht die Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal in ihrem Buch „Vergewaltigung“ nach – unaufgeregt, sachlich. Sie stellt fest: Beim Thema Vergewaltigung halten sich immer noch mittelalterliche Männer- und Frauenbilder.

Die Silvesternacht in Köln, der Prozess um Gina-Lisa Lohfink, die Reform des Sexualstrafrechts: Die Diskussionen über sexualisierte Gewalt sind oft emotional aufgeladen und polarisierend. Vergewaltigung ist eben nicht irgendein Verbrechen. In ihrem neuen Buch Vergewaltigung schreibt Mithu M. Sanyal, das Thema Vergewaltigung habe mehr Auswirkungen auf unser Leben als andere Verbrechen: „Es gestaltet unsere inneren Stadtpläne und bestimmt, an welchen Orten wir und zu welchen Zeiten aufhalten oder eben nicht aufhalten. Die Informationen, die wir über Vergewaltigung bekommen, sind nicht nur Informationen über Vergewaltigung, sondern immer auch über unser Geschlecht, das Verhältnis der Geschlechter zueinander und sogar über Sexualität.“

Vergewaltigung ist, das liegt in der Natur der Sache, ein schwieriges, ein trauriges Thema. Sanyals Buch liest sich trotzdem erstaunlich gut: Die Autorin nimmt ihr Thema ernst, ihre Sprache aber bleibt leicht, unterhaltend. An vielen Stellen blitzt Ironie auf, Humor, Sarkasmus. Vergewaltigung, so paradox das klingt, ist ein warmes Buch. Ein Buch, nach dessen Lektüre man sich besser fühlt, weil man gut informiert und schlauer ist. Weil es Fragen beantwortet: Wie reden wir über Vergewaltigung? Und warum reden wir so darüber, wie wir es tun?

„In Deutschland fehlt der Diskurs über Vergewaltigung. Es gibt einen Konsens, dass Vergewaltigung böse ist – und danach ist das Thema beendet“, erklärt Mithu M. Sanyal am Telefon. Mit ihrem Buch will die Kulturwissenschaftlerin eine Diskussionsgrundlage schaffen. Denn es gibt nicht einmal eine einheitliche Definition davon, was eine „echte“ Vergewaltigung ist. Bei manchen braucht es dafür den Fremden, der nachts im Park hilflosen Frauen auflauert, bei anderen reicht schon der „innere Widerstand“ eines Partners, um aus Sex Vergewaltigung zu machen.

Genauso, wie es Vorstellungen von der „echten“ Vergewaltigung gibt, so gibt es auch Vorstellungen davon, wie ein „echtes“ Opfer auszusehen hat. Stichwort: Gina-Lisa Lohfink. „Bewiesen wurde doch letztendlich gar nichts“, stellt Sanyal fest. „Hat Gina-Lisa bewusst gelogen? Darum hätte es ja eigentlich gehen müssen, stattdessen wurde nur gesagt, sie hätte keine K.O. Tropfen bekommen. Aber sie ist ja keine Toxikologin.“ Von der Berichterstattung über den Fall war Sanyal entsetzt, genauso wie über den Umgang mit der Angeklagten vor Gericht: „In den letzten Jahren hat in den Gerichten ja durchaus ein Sensibilisierungsprozess stattgefunden, wenn es um den Umgang mit Vergewaltigung geht. Der Gina-Lisa-Prozess war allerdings wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.“ Das Model galt als „Hure“, ihre Sexualität als Grund, sie als mögliches Vergewaltigungsopfer nicht ernst zu nehmen.

Gina-Lisa Lohfink passt nicht gut in das Schema, das unsere gesellschaftlichen Diskurse über sexualisierte Gewalt schon seit Jahrhunderten bestimmt: Frauen haben eine passive Sexualität und müssen deswegen mit Charme und Schokolade verführt werden. Männer hingegen können immer, wollen immer. Penisse werden so zu Waffen, das weibliche Genital zum Einfallstor für feindliche Mächte. Mithu M. Sanyal seufzt: „Beim Thema Vergewaltigung halten sich Frauen- und Männerbilder, die wir sonst nicht auszusprechen wagen würden.“ Vergewaltigung ist somit ein stark gegendertes Verbrechen: Automatisch denken wir Frauen als Opfer und Männer als Täter. Vergewaltigung ist deshalb auch ein empathisches Plädoyer dafür, den Opfer-Begriff zu erweitern und nicht mehr in alten Geschlechterkategorien zu denken. Vorstellungen von weiblicher Sexualität haben sich geändert – nicht aber die von männlicher Sexualität, wie die oft rassistisch geprägte Diskussion über die Silvesternacht zeigte.
Foto: PR
„Je selbstbewusster wir sind, je mehr wir über unsere Sexualität wissen, desto mehr Grauzonen-Fälle können wir vermeiden“, sagt die Autorin Mithu M. Sanyal.
Was Deutschland also braucht, findet Mithu M. Sanyal, ist eine Debatte über Sexualitätskultur: „Die Aufnahme des Prinzips ‚Nein heißt nein‘ in das deutsche Sexualstrafrecht ist ein wichtiger Schritt, aber alleine natürlich noch keine Basis für erfreuliche Sexualität. Wir müssen lernen, nicht nur über das zu sprechen, was wir nicht wollen, sondern auch über das, was wir wollen.“ Wenn ich selber nicht weiß, was ich will und mag, wie soll es denn mein Gegenüber wissen? Sanyal ist sich sicher: „Je selbstbewusster wir sind, je mehr wir über unsere Sexualität wissen, desto mehr Grauzonen-Fälle können wir vermeiden. Das ist schon viel wert.“ Vergewaltigung ist kein Sex – Überschneidungen gibt es aber eben dennoch. Insgesamt findet Mithu M. Sanyal die Reform gelungen, allerdings: „Die Möglichkeit zur schnelleren Ausweisung von straffällig gewordenen Migranten ist ein Problem. Im Prinzip geht es wieder nur darum ‚unsere‘ Frauen zu schützen – nicht aber die anderen.“

Wie lässt sich also sexualisierte Gewalt verhindern? Eine definitive Antwort hat Mithu M. Sanyal natürlich nicht, aber: „Studien zeigen: Je egalitärer eine Gesellschaft ist, desto weniger Grenzüberschreitungen, auch sexuelle, gibt es.“ Bedeutet, jeder Schritt in Richtung einer gerechteren Gesellschaft ist wichtig. Es sind manchmal doch die kleinen Dinge, die zählen.

„Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens" erschien bei Edition Nautilus, 2016.
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