Wenn alle anderen ihre Uni-Zeit feiern & du um 23 Uhr ins Bett gehst

Foto: Mallory Heyer
Vernunft ist ein guter Ratgeber. Stimmt das auch heute noch? Oder leben wir freier, wenn wir das Privileg haben, unvernünftige Entscheidungen treffen zu dürfen? In dieser Reihe erzählen Mütter, Selbstständige und Studentinnen, welche Rolle Vernunft in ihrem Leben spielt.
Ich bin alt geboren, könnte man meinen. Ich bin Benjamin Button, nur ohne den Twist, dass ich jünger werde. Ich war quasi schon als Kind eine fünfzigjährige Weltretterin, die Müll in den Gebüschen der Nachbarschaft aufsammelte und mit der Freundin Beschwerden an den Bürgermeister schrieb, wieso die großen alten Bäume gefällt wurden und warum in der Nachbarschaft eigentlich kein Kinderspielplatz existiert, obwohl unzählige Kinder davon profitieren würden. Was ein Bürgermeister war, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nur dank Benjamin Blümchen.
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Als ich mich vor einer Weile mit ehemaligen Schulfreundinnen traf, bemerkte ich plötzlich, dass man mich und dieses Leben, das ich seit Jahren führe, sehr langweilig finden könnte. Mich schauderte es vor dem Bild, das man nun bestimmt von mir hatte. Während sich die Gespräche um witzige Anekdoten zu One-Night-Stands und Dating drehten oder darüber gesprochen wurde, welche Drogen man schon einmal ausprobiert hatte, fühlte ich mich plötzlich wieder in die Pubertät zurückversetzt: Sind alle cooler als ich? Sind alle weiter? Ich hatte nichts beizutragen und lachte gespielt, weil ich nicht wusste, ob dieser Begriff, der gerade fiel, eine venezuelanische Stadt oder ein Club war.

Mein Basilikum in der Küche gedeiht bereits seit über einem Jahr und trägt sogar fucking Blüten.

Ich bin nie pleite, habe etliche Pläne und Ziele und jobbe nebenbei. Ich bin seit fünf Jahren in einer Beziehung, die zwar das eine oder andere Erdbeben bestehen musste, aber letztlich all das überdauert hat. Ich trinke nur noch selten, schlafe genug und habe einen sortierten Ordner mit all den wichtigen bürokratischen Unterlagen. Mein Basilikum in der Küche gedeiht bereits seit über einem Jahr und trägt sogar fucking Blüten. Ich würde fast sagen, ich habe mein Leben im Griff und schäme mich trotzdem, weil ich das Gefühl habe, ich müsste in meinem Alter ganz andere Dinge tun. Zumindest mal das Studium abbrechen, MDMA nehmen, auswandern wollen oder all mein Geld für etwas verprassen, das mir für einen kurzen Moment gefällt. „Das Y in Generation Y steht doch schließlich für Yolo!“, heule ich in meine selbstgemachte Kürbiscremesuppe und lege mich um 23 Uhr ins Bett. Ich fühle mich unnormal: Bin ich die Einzige, die kein Abenteuer braucht? Bin ich zu vernünftig?
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Nach dem Abitur herrschte Aufregung unter meinen Freunden. Alle waren neugierig und auch mir selbst ging es so. Was würde man jetzt nur tun? Was macht man mit all dieser Freiheit plötzlich? Man erwartete nie von mir, eine Sparkassenausbildung zu machen oder Jura zu studieren. Man erklärte mir von klein auf, dass das nichts wert sei, wenn es nicht das ist, wofür ich einstehen kann und brenne. Und während nicht wenige meiner Freunde sich in einem Gap Year verwirklichten oder auf Weltreise gingen und ein Jahr später mit hundert Erzählungen, neuen Sprachkenntnissen und Tattoos nach Hause kamen, hatte ich bereits ein Jahr Studium hinter mir. Ich liebe Reisen und andere Kulturen, aber ein Auslandsjahr reizte mich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Sind alle cooler als ich? Sind alle weiter? Ich hatte nichts beizutragen und lachte gespielt, weil ich nicht wusste, ob dieser Begriff, der gerade fiel, eine venezuelanische Stadt oder ein Club war.

Stattdessen war ich zu neugierig auf das, was mich an der Uni erwartete, und schrieb mich für Philosophie ein. Das Paradebeispiel einer unvernünftigen Wahl. Das Fach, von dem alle glaubten, es würde mich letztlich zur Taxifahrerin machen. Nichtsdestotrotz fing ich an, mein Studium zu lieben: Ich liebe Verstehen, ich liebe Denken, das Dazulernen und das Reflektieren von Fragen, die man sich zuvor so noch nie gestellt hat. Ich merkte zwar, dass es auch andere gab, die ihr Leben an der Uni mochten, aber verstand schnell, dass das klischeehafte Bild des wilden Studentenlebens mit Dauerkater nicht das war, was ich führte.
Ich zog in eine WG, weil ich mir einredete, dass das „zu dieser Erfahrung“ gehöre und ging auf Ersti-Parties, weil „man das dann doch so machte.“ Und natürlich stellte sich heraus, dass ich meine Mitbewohner und mein WG-Leben hasste und trotz aller Bemühungen und Hoffnungen auch keinen Spaß an der Ersti-Party und ihren Wiederholungen hatte.
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Jahre später hat sich daran kaum etwas geändert. Nach dem Treffen mit meinen Freundinnen träume ich ängstlich, dass mein nächster Schritt ist, mir einen Thermomix zu kaufen, während meine Freund*innen auf einer Swinger-Party Magic Mushrooms nehmen. Und obwohl ich immer schon als ein wenig anders wahrgenommen wurde, fühle ich mich auf einmal wie eine unglaubliche Spießerin. Als sei ich im negativen Sinne anders. Als müsste ich mich dafür rechtfertigen, an Dingen Spaß zu haben, bei denen andere anfangen zu gähnen, und wiederum nichts als Unverständnis gegenüber Dingen empfinden, von denen andere voller Euphorie sprechen.

Dieses zweifelnde Gefühl, dass vielleicht etwas nicht mit mir stimmen könnte, bekomme ich immer erst, wenn ich mich mit anderen vergleiche.

„Man muss doch mal gelebt haben!“, höre ich und verstehe nicht, wieso ich gerade nicht richtig leben sollte. Ich fühle mich nicht so, als würde ich etwas versäumen, das unter meinen Fingern kribbelt und ich eigentlich tun möchte, sondern eher, als würde man manche Dinge und Ausbrüche von mir erwarten. Und dieses zweifelnde Gefühl, dass vielleicht etwas nicht mit mir stimmen könnte, bekomme ich immer erst, wenn ich mich mit anderen vergleiche.
Dabei bin ich nicht auf der Suche nach dem neuen Kick. Zum einen, weil ich schon gegen Duftstoffe in Waschmitteln allergisch bin und zum anderen, weil ich nicht das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Vielleicht bin ich bereits irgendwie angekommen. Angekommen auf dem Weg, der sich bisher als richtig erweist. Der mich auch herausfordert und zum Umkehren zwingt, weil das Leben selbst schon oft genug nicht so läuft, wie man es sich vornimmt und auf dem Weg zum Ziel schreckliche und großartige Dinge passieren. Weil ich mich mittlerweile kenne. Weil immer Neues und Großes passiert. Und weil ich mich lieber in der Bib, mit Freund*innen in einem Café oder bei einer Diskussion befinde als auf einem Festival.
Ich habe nicht den Eindruck, irgendwo durchbrechen zu müssen oder mit Zwängen zu leben, die mir konventionell auferlegt wurden. Die einzigen Erwartungen, die ich spüre, kommen von den Menschen, die glauben, ich müsse mit diesem Leben doch unzufrieden sein. Vielleicht habe ich ja bloß das Glück, recht schnell auf den Pfad gestolpert zu sein, der mir schon allein das Gefühl von Ekstase gibt? Im Zweifel ist es doch der rebellischste Akt, einfach genau das zu tun, was man selbst tun will. Here I go.
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