Warum „vorteilhaft“ für mich kein Maßstab für meinen Look ist

Vor einigen Wochen stand ich nach dem dritten Glas pfälzischen Spätburgunders mit meiner Freundin Amelie im Badezimmer, zeigte auf eine sehr stumpfe kleine Nagelschere im Regal und sagte ihr: „Los, tu‘s einfach!“ Knappe zwei Minuten später hatte ich einen gar nicht mal so angenagt aussehenden Pony, bei dessen Anblick mein Friseur Oliver sicher rückwärts ins Haarpflegeprodukteregal seines Berlin-Mitte-Salons gefallen wäre. Oli nämlich hat während des gesamten letzten Jahres jeden Funken Mut meinerseits mit den Worten zerschmettert, ein Pony wäre bei meiner Gesichtsform „totaaal unvorteilhaft“. Einmal vom Gegenteil überzeugt, waren dann alle Sinne gespitzt und ich begann, das Konstrukt „vorteilhaft“ als Stylingprämisse, wann immer es mir begegnete, ziemlich kacke zu finden.
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Haare
Besonders häufig begegnet uns das Wort „vorteilhaft“ in an weibliche Zielgruppen gerichtete Online- und Printmedien. Im ersten Schritt sollen die eigenen Features, Formen, Farben und Besonderheiten durch Tests herausgefiltert werden. Nach einigen Klicks dann die Einordnung in Kategorien, verbunden mit einer schier endlosen Liste an Do’s und Don’ts. Beim Gesicht zum Beispiel werden wir, abhängig vom Abstand der Augen, Größe der Wangen und Form des Kinns den Formen in oval, rund, herzförmig und rechteckig zugeordnet. Unter Bildern von Taylor Swift, Kylie Jenner und Reese Witherspoon stehen dann Hinweise dazu, in welcher Länge wir die Haare tragen, wo den Scheitel platzieren und wie sehr wir einen Pixie-Haarschnitt bereuen sollten.
Farben
Ein Thema, das nicht nur Olis Herz, sondern auch die von Tubberpartys gestählten Best-Agerinnen höherschlagen lässt, dreht sich um Farben(beratung). Entsprechend dem Unterton unserer Haut sowie unserer Haar- und Augenfarbe werden wir in einem Schema, benannt nach den Jahreszeiten verortet. Mal abgesehen von der unumstritten kritikwürdigen Zentriertheit des Modells auf kaukasische Hauttypen, glaube ich durchaus, dass es sinnvoll sein kann, zu wissen, ob mein Rouge mir in orange oder pink besser steht und warum mich das mintgrüne Sweatshirt blass aussehen lässt. Trotzdem möchte ich deshalb doch noch lange nicht, dass der Inhalt meines Kleiderschranks aussieht, wie ein Waldweg im Oktober.
Formen
Noch wichtiger als die Farbe unserer Kleidung kann nur eines sein: ihre Form. A,H,O,X,V ist nicht etwa die chemische Formel eines neu entdeckten Atoms, sondern die Auflistung der gängigen fünf verschiedenen Figurtypen. Wie diese aussehen, ist nach genauem Blick auf die einzelnen Buchstaben relativ selbsterklärend. A-Frauen, auch als „Birnen“ bekannt, sollten beispielsweise die Blicke möglichst auf ihr Dekolleté lenken, stets auffallenden Schmuck tragen und bloß keine gemusterten Unterteile shoppen. X-Frauen dagegen sind am besten mit hochgeschnittenen oder taillierten Röcken und Jeans beraten, Kleidungsstücke, die Frau H wiederum unbedingt meiden sollte. Nun habe ich (Typ H) jedoch keine Lust, meine Marlenehosen und Rollkragenpullover bei Kleiderkreisel zu verticken. Wir sollten uns das Wort „vorteilhaft“ vielleicht ein bisschen genauer anschauen.
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Vorteil, der
„Vorteilhaft“, das bedeutet laut Synonymwörterbuch so viel wie „förderlich, positiv, Erfolg bringend, hilfreich, attraktiv“. Synonyme, die sehr „Mad Men“-mäßig nach einer Zeit klingen, in der Frauen ihr Aussehen als ihr Kapital, ihre Währung oder ihre Waffe einsetzen mussten. Nach einer Gesellschaft, in der einzig unser Aussehen darüber entscheidet, ob wir den Job, den Mann oder beides bekommen. In solch einer Gesellschaft kann es unbedingt von Vorteil sein, vorteilhaft auszusehen. Denn sich vorteilhaft zu stylen, bedeutet in erster Linie, die eigenen Vorzüge in Szene zu setzen und alle Makel zu kaschieren, damit man beim Gegenüber besser ankommt. Aber das will ich gar nicht.
Mein neuer Pony lässt mein Gesicht zweifelsohne mindestens zwei Kilo schwerer aussehen. Trotzdem möchte ich mir jedes Mal, wenn ich reflektierende Oberflächen passiere, am liebsten selbst zuzwinkern. Weil mein Haarschnitt, der nach einer Mischung aus Alexa Chung und den den wilden Siebzigern aussieht, gerade einfach perfekt zu meiner Laune passt. Letztlich kollidieren alle Ratschläge und Tipps und Richtlinien rund um ein vorteilhaftes Styling mit etwas sehr Wichtigem: der Freiheit und der Freude daran, sich mit der eigenen Kleidung, der Schminke und dem Haarschnitt auszuprobieren. Als Mittzwanzigerin im Jahr 2017 möchte ich nicht vorteilhaft aussehen, sondern interessant, und zwar in allen Formen und Farben, nach denen mir eben gerade der Sinn steht.
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