Wieso ist deutscher Wahlkampf so unzeitgemäß?

Illustration: Abbie Winters.
In wenigen Tagen geht es bundesweit in die Wahlkabinen und außer flächendeckender Unentschlossenheit darüber, wer denn jetzt der oder die Auserwählte sein soll, um das Land in den nächsten vier Jahren zu führen, schleicht sich bei mir vor allem ein Gedanke leise, aber sicher ein: Wie schnöde war eigentlich dieser Wahlkampf?!
Ich sage es einfach mal ganz plakativ: Ich hätte mir tatsächlich ein bisschen mehr Populismus gewünscht – von allen Seiten. Ein bisschen mehr Pump, ein bisschen mehr Emotion, mehr Risiko, mehr „Wir schaffen das“!
Denn Populismus ist nicht per se schlecht – man muss ihn nur einzusetzen wissen. Warum lässt man die AfD brüllen, während alle um sie herum seelenruhig sitzen bleiben, die Augen verdrehen und mit rationalen Argumenten versuchen, die neuen Rechten zu beruhigen? Warum nicht einfach mal mitbrüllen? Klar, in der morgendlichen Konferenz ist das bestimmt nicht die optimale Lösung für effektive Kommunikation, aber es geht hier um Bundestagswahlen! Um die größte politische Kraft der Republik, verdammt nochmal!
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Was bitte sollen Sprüche wie „Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ oder „Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit“ für Emotionen in mir als Wählerin auslösen? Natürlich wollen wir alle ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben. Und ja, die meisten werden auch Gerechtigkeit wollen. Wie man „wir“ oder „Gerechtigkeit“ jetzt auslegt, ist eine ganz andere Frage, aber im Prinzip sind die Wahlsprüche der zwei größten Volksparteien nichts anderes als abgedroschene Floskeln. Ich glaube, generischer sind nur die Produkttexte in dem lokalen Einkaufskatalog, der wöchentlich in meinem Briefkasten landet.

Jede Partei hätte sich fragen müssen: Wie können wir komplexe politische Abläufe emotional und verbal leicht verständlich machen?

Rückblickend auf die vergangenen sechs Monate werde ich das Gefühl einfach nicht los, dass jeder Partei ein*e eloquente*r Feuilleton-Journalist*in gut getan hätte. Jemand, der ihnen noch einmal erklärt, woran sich Menschen reiben, was sie hören wollen und vor allem wie. Jede Partei hätte sich doch fragen müssen: Wie können wir unsere Ziele und die komplexen politischen Abläufe eines demokratischen Systems emotional und verbal leicht verständlich machen? Wer diese Kunst beherrscht, der kommt, genau, beim Populismus an.
2014 sagte die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe in einem Interview mit dem schweizer Tagesanzeiger, dass demokratischer Politik immer auch eine „notwendige populistische Dimension“ innewohnt. Und genau das verkennen die großen Parteien: Es gibt „keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Politik von Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien mehr“, so Mouffe. „Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien bieten eine Variante derselben Politik an.“ Deshalb braucht man Populismus – den guten! Den, der mit ein paar Worten greifbar macht, was in Talkshows und auf Plakaten nur seicht, abstrakt und schier meilenweit entfernt erscheint.
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Es wird zudem immer so viel über den vermeintlichen Politikverdruss der neuen Wähler*innen gejammert. Ja, in einer demokratischen Traumwelt liest jede*r Bürger*in alle Parteiprogramme und trifft dann eine sorgfältig informierte Entscheidung. Die Realität ist jedoch eine andere, war sie und wird sie auch immer bleiben. Auch deshalb braucht es den guten Populismus. Weil sich mit leeren Worten nicht viel bewegen lässt, nicht im Menschen und nicht im Land.
Der deutsche Wahlkampf ist bieder, kalt und langweilig – kein Wunder also, dass man irgendwo zwischen ausgelutschter Floskel und wütenden Schlagworten die Lust verliert. Deshalb hier schon mal ein Tipp für 2021 an die Parteien: Es gibt ihn, den goldenen Mittelweg zwischen stillschweigendem Nicken und gorillaähnlichem Gebrüll – bitte macht euch die Mühe und findet ihn. Dafür wählen wir euch.
Mehr Meinungen zur Bundestagswahl 2017 findest du hier:

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