„Ich bin deutsche Schauspielerin, aber soll fast immer die Geflüchtete spielen"

BERND HELLWAGE
Es heißt, die Filmbranche habe ein Rassismus-Problem. Eine pauschale Aussage, die man sofort glauben will, wenn man hört, dass bei den gestrigen Oscars zum ersten Mal in 89 Jahren ein muslimischer Schauspieler einen Preis bekam. Mahershala Ali wurde als bester Nebendarsteller in „Moonlight" ausgezeichnet und geht damit nun in die Geschichte ein. Passend dazu las ich vor vier Tagen ein interessantes Stück: In der Online-Ausgabe des Independents schrieb ein Schauspieler mit arabischen Wurzeln, dass er aufgrund seines Aussehens mit seinen 26 Jahren bereits bei 30 Castings für die Rolle eines Terroristen war. Eine Geschichte, die mir sehr bekannt vorkommt: Meine Freundin Sonja Hurani ist ausgebildete Musical-Darstellerin und Schauspielerin – dass ihre Eltern aus Palästina und Tunesien kommen, ist auch bei ihren Vorsprechen ein Thema. Immer wieder erzählt sie mir, dass sie wegen ihres Nachnamens und ihres Aussehens für die Rolle der geflüchteten Frau angefragt wird. „Meist Kopftuch tragend, aber auf jeden Fall mit gebrochenem Deutsch", sagt sie. Der Stereotyp der Araberin in Film und Fernsehen eben.

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Ich bin eigentlich mehr deutsch als arabisch und würde daher auch gern ganz unspezifische Rollen spielen

Sonja Hurani
Racial Profiling bei der Besetzung in Deutschland?

„Hier in Deutschland ist dieses Hautfarben-Denken sehr ausgeprägt. Wer ausländisch aussieht wird immer nur für ganz bestimmte Rollen gecastet. Man ist nicht einfach nur das nette Mädchen von nebenan oder eine 0815-Person. Meistens wird der Hautfarbe ein ganz bestimmter Charakter zugeordnet", so die Hamburgerin. Auf viele Rollen braucht sie sich deshalb erst gar nicht bewerben oder wird auch gar nicht angefragt.

Lange hatte sie das Gefühl, dass es gerade für weibliche arabische Schauspieler besonders schwer ist: „Männer kriegen dann noch öfter die Bösewicht-Rollen, kriminelle Ausländer eben", erklärt sie. Mit dem Wort Rassismus will sie ihr Arbeitsumfeld nicht abstrafen, aber „es wird eben sehr in Schubladen gedacht: weiß oder schwarz, wenig Spielraum dazwischen. Oft habe ich mich ungerecht behandelt gefühlt, vor allem im Musical Business. „Dunkle" Rollen werden immer öfter auch von „Weißen" gespielt, aber die „weißen" Rollen werden andersrum nicht mit "Dunklen" besetzt. Ich finde das einfach nur ungerecht und traurig."

Wenn's gut läuft, dann bekomme ich ein 5-Minuten-Couscous aus dem Pennymarkt hin

Sonja ist so deutsch, dass sie nun sogar Islamwissenschaften studiert, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. Geboren und aufgewachsen in Karlsruhe hat sie sich niemals anders als ihre Schulkameraden und Freunde gefühlt. Warum auch? „Ich lebe ein europäisches Leben und habe mit Arabern in der Regel gar nichts zu tun, besser gesagt mein Freundeskreis ist so bunt gemischt, völlig egal welche Wurzeln wir alle haben, wir leben hier und sind Deutsche. Man wird meistens von außen zum Ausländer gemacht. Oft mit negativem Beigeschmack, aber nicht immer", erzählt sie. „Wenn ich gefragt werde, wo denn meine Herkunft sei und ich dann meine arabischen Wurzeln nenne, wird oft auch vom orientalischen Essen geschwärmt und dann heißt es immer gleich 'Du kannst bestimmt total lecker arabisch kochen!' Schön wär's! Ich hatte mal eine bayrische Mitbewohnerin, die so unglaublich gut arabisch gekocht hat. Ich kriege, wenn's gut läuft, ein 5-Minuten-Couscous aus dem Pennymarkt hin, wenn ich mich genau an die Packungsanweisung halte. Kurz gesagt: Ich bin eigentlich mehr deutsch als arabisch und würde daher auch gern ganz unspezifische Rollen spielen."

Das Leben schreibt doch den Stoff der Filme und Serien – müsste die Vielfalt an Menschen in unserem Land dann nicht bald auch auf dem Bildschirm zu sehen sein? Sonja ist positiv, was die Zukunft betrifft. „Ich denke schon, dass es sich so entwickeln wird, dass die Rollenvielfalt in Deutschland wächst. Aber das wird noch etwas dauern, hier tut man sich schwer mit Veränderungen."
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