Warum lesbische Frauen weniger ernst genommen werden als schwule Männer

Foto: Lula Hyers.
Ist Feminismus in der Homosexualität noch nicht angekommen? Diese Frage kommt auf, wenn ich mich mit lesbischen Freundinnen unterhalte, die Medien betrachte und Foren durchforste. Einerseits fühlen sich Erstere oftmals nicht so ernst genommen, wie schwule Männer, ihre Beziehungen werden belächelt. Andererseits finde ich im Internet Artikel und Beitrage, die sich dem Leid des schwulen Mannes widmen, der um gesellschaftliche Anerkennung kämpft – im Gegensatz zur lesbischen Frau, die diese wohl bereits gewonnen hat. Und genau hier liegt die Ironie: denn einerseits sind Lesben zunächst gesellschaftlich akzeptierter als Schwule, gleichzeitig werden sie weniger ernst und wahrgenommen. Eine Spurensuche…
Zum Überlegen brachte mich Dr. Marco Pulver von der Schwulenberatung in Berlin. Im Gespräch mit „Refinery29“ erzählte er: „Das Grundsätzliche ist, dass es sich auf der einen Seite um Männer und auf der anderen Seite um Frauen handelt. Männer werden in der Gesellschaft immer noch ernster genommen als Frauen. Ich glaube, das ist bei lesbischen Beziehungen auch so.“ Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie diese Wahrnehmung von der Geschichte geprägt wurde: Vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994 existierte im deutschen Strafgesetzbuch der § 175. Dieser stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe – 140.000 Männer wurden verurteilt. Von Frauen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen pflegten, war allerdings nicht die Rede. Der Nachteil, gesellschaftlich nicht wahrgenommen zu werden, kam ihnen an dieser Stelle zugute. Da es sich um Frauen handelte, waren sie nicht bedrohlich und somit lastete auf ihnen der Stempel von Bedeutungslosigkeit. Sexuelle Handlungen unter Männern waren laut „Zeit Online“ hingegen im alten Griechenland gang und gäbe. Auch viele Künstler und Dichter befassten sich damals mit dem männlichen Geschlechtsakt. Über die gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen in der Antike ist allerdings wenig bekannt – nur über die Insel Lesbos, welcher Lesben ihren Namen verdanken. Auch im Alten Testament wurden explizit Männer angesprochen: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau, es ist ein Gräuel“, heißt es dort.
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Wenn Frauen bei Frauen liegen ist das ein fantasievolles Bild, welches heutzutage als beliebtes Mittel für Werbung und Film genutzt wird – natürlich nur solange die Damen in das gesellschaftliche Schönheitsideal passen. Tatsächlich haben schon Hersteller von pornografischen Schriften im 17. Jahrhundert speziell den lesbischen Sex als Faszination angesehen. Dieses Bild ist bis heute geblieben. Zwei schlanke Frauenkörper, die sich nebeneinander räkeln, sich küssen und liebkosen – es ist eine ästhetische Vorstellung. Nicht zuletzt, weil Frauen in der Wahrnehmung unserer Gesellschaft immer noch als das zarte Geschlecht gelten. Und während schöne, miteinander intime Frauen auf Plakaten und in Werbe- sowie Hollywood-Filmen als sexy Fantasie genutzt werden, bleibt dieser Beigeschmack auch im Alltagsleben hängen. Die sexuelle Beziehung sei nur ein Abenteuer, der richtige Mann ist eben noch nicht gekommen, heißt es da. Ein Empfinden, das sich auch durch das offene Ausprobieren von Frauen entwickelt hat. Schon in der Jugendzeit ist es normal, wenn sich Mädchen einen Kuss auf den Mund geben, sich umarmen, wenn Frauen sich austesten und nur aus Spaß mit der besten Freundin rumknutschen. Lesbisch sein wird als Trend suggeriert, das schwul sein als harte Realität. Bei Männer ist dieses Verhalten nämlich seltener zu sehen – entweder sie identifizieren sich klar als homo- oder heterosexuell. Auch Dr. Pulver von der Schwulenberatung fiel hierbei auf: „Männer sind sich sicher, dass sie im Leben immer nur mit Männern Kontakt haben wollten. Aber bei manchen Frauen gibt es tatsächlich Phasen, in denen sie mit einer Frau eine Partnerschaft eingehen, danach aber wieder mit einen Mann. So etwas kenne ich von Männern überhaupt nicht. Diese Frauen bezeichnen sich dann auch gar nicht gerne als lesbisch, weil es wirklich nur phasenweise im Leben ist.“
Spricht man von Homosexualität, werden damit überwiegend Schwule in Verbindung gebracht. Auch dieses Denken wurde von den Medien geprägt. Lesbische Paare werden dort weitgehend weniger gezeigt als homosexuelle Männer, die in Beziehungen leben. Der Film „Blau ist eine warme Farbe“ aus dem Jahr 2013 widmete sich zwar der romantische und tragischen Liebesgeschichte zweier junger Frauen – doch diese funktionierte wohl nicht ohne eine intensive siebenminütige Sexszene. Letztendlich war es genau diese, die in Artikeln fokussiert wurde. Der Blick auf die zwischenmenschliche Beziehung blieb somit auf der Strecke. Genau so wie die Bemühungen von Lesben, für voll genommen zu werden.
Traurigerweise leben Menschen heutzutage immer noch nach Klischees und Schubladendenken. Dieses führt dazu, dass der Mann als das stärkere und mächtigere Geschlecht gehandelt wird – auch wenn die Feminismusbewegung in dieser Hinsicht schon einiges geschafft und geändert hat. Doch in vielen Köpfen ist es eben im Unterbewusstsein verankert: Männer werden in der Gesellschaft immer noch ernster genommen als Frauen. Und so müssen sich Lesben nicht nur aufgrund ihrer Sexualität, sondern auch aufgrund ihres Geschlechts behaupten. Hallo 2017, lesbische Frauen sind weder ein Stück Fleisch noch eine Fantasievorstellung und schwule Männer keine Bedrohung! Sie haben das gleiche Recht auf gesellschaftliche Anerkennung und Wahrnehmung wie jeder heterosexuelle Mensch.
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