Warum ich mich nicht traue, kurze Hosen zu tragen

Illustration: Anna Sudit.
Ich war nie eines dieser Mädchen, die im Sommer stundenlang mit ihrer Clique im Freibad in der prallen Sonne rumlagen, um sich dann gelegentlich zum Erfrischen von den süßen Jungs unter Wasser tunken zu lassen. Ebenso hatte ich nie eine nennenswerte Auswahl an cuten Bikinis, bei der ich hätte mich für einen entscheiden müssen, der meine Kurven am besten betont. Um ehrlich zu sein, ich hatte damals keinen einzigen Bikini. Wenn man mich im Schwimmbad traf, dann eher im Sinne von “Erwischen” und mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem dieser funktionalen, schwarzen Adidas Schwimmanzüge, die möglichst viel Körper bedeckten. Geschweige denn, dass mich jemals ein Boy auf die Schultern genommen, zum Beckenrand getragen und dann ins kalte Wasser geworfen hätte. Ich war schon immer zu schwer - groß - sportlich - oder wie auch immer man es denn sehen mag.
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Auf jeden Fall konnte man mich nicht einfach mal so heben, es sei denn man war zwei Meter groß und trainierte gerade das LKW-Ziehen, was zufälligerweise kein Junge in meinem Ort tat. Und hier fing das Problem und meine ernsthafte Sehnsucht nach einem unrealistischen Miniaturkörper an, die mich auch heute noch daran hindern, unbedarft meinen Körper zu zeigen. Ich schäme mich nämlich und alles begann damit, dass ich mich zu dieser Zeit nach weniger Körpergröße sehnte.
Meine 1,75m kamen mir als Jugendliche schier unendlich vor und ich beneidete ernsthaft die Mädchen, deren Körper eher denen eines Kindes glich, obwohl ich im Sport unschlagbar war und gerade eine Karriere als Profi-Skaterin anstrebte. Ich hielt mich dennoch für einen grobschlächtigen Riesen und tat nichts außer mich aus Scham vor meiner vermuteten Unansehnlichkeit tagtäglich zu verstecken und somit die potenziell schönsten Jahre meines Lebens zu verschwenden, um diejenigen Klamotten zu finden, die mich am unsichtbarsten und schlanksten machten. Ich scheute keinen Aufwand, um alle jene Situationen zu meiden, in denen jemand meinen Körper hätte zu Augen kriegen könnte. Ich hielt mich und meine Lebensfreude unter strengem Verschluss und perfektionistischer Kontrolle, weil ich glaubte, das Verstecken wäre mehr wert, als ein unbedarfter Sommertag im Schwimmbad oder mit kurzen Klamotten in der Schule nicht ganz so viel schwitzen zu müssen. Ich fokussierte mich wahnhaft darauf, niemandem einen Eindruck von meinem Körper zu gewähren, denn ich fürchtete das Urteil der anderen sehr. Ich hatte Angst dann als Konsequenz nicht dazu gehören zu dürfen.
Wenn ich im Schwimmbad war, dann in der Regel nur zu Uhrzeiten, an denen ich sicher sein konnte, niemanden zu treffen, den ich kannte. Meistens zog es mich dann auch eher in die Cafeteria, wo es eine riesige Schale mit matschigen Pommes für zwei Mark gab, die ich mit doppelt Mayo aß, um meinen Schmerz etwas zu lindern. Das setzte dann mit der Zeit natürlich auch an den Hüften an. Nicht viel, ganz normal halt, wie ich es heute sehen würde. Ich habe damals auf jeden Fall mehr gewogen, als die anderen Mädchen der Klasse, was mich dazu gebracht hat, verschämte und boshafte Notizen über mich selber in meinem geheimen Tagebuch zu hinterlassen. Schlägt man heute die Jahre dort nach, in denen ich gerade mitten in der Pubertät stand, findet man hämische Worte, die ich selbst über meinen Körper notiert habe: “Ich bin einfach zu fett. Ich muss abnehmen, sonst bekomme ich nie einen Freund!”
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Man kann erkennen, dass Tränen das Papier aufgeweicht haben, denn zu dieser Zeit redeten alle wie verrückt über ihr Gewicht, als hinge ihr gottverdammtes Leben daran. Man muss dazu wissen, dass es Mädchen wie mir, egal wie emanzipiert sie aufgewachsen sind, trotz ihrem Bewusstsein dafür, dass sie alles werden könnten, was sie nur wollen, immer wieder in den Kopf gesetzt wurde, dass es das eigentlich größte Ziel im Leben sei, einen Mann zu finden, der einen liebt. Eigentlich vollkommen bigott. Aber so war es nunmal. Ich musste also damit dealen, dass vermutlich niemand eine Frau haben wollen würde, die man nichtmal heben und in ein Pipiwasser-Außenbecken eines Kleinstadt-Schwimmbads werfen konnte.
Illustration: Anna Sudit.
Rückblickend würde ich mich gerne wachrütteln und mich an die harten Fakten erinnern: Damals war ich wirklich nicht dick. Das ist eine Tatsache. Ich unterlag dem Logikfehler mich nicht an den Möglichkeiten meines eigenen Körpers zu messen, sondern an denen meiner Klassenkameradinnen. Die durchschnittliche Frau ist nämlich in Deutschland gerade mal (aus meiner Sicht) 165cm groß. Statistisch gesehen sind nur 6,9% der Frauen genauso groß wie ich und nur 2% noch größer.
Aber wie kommt es eigentlich, dass wir dazu neigen, uns vorsorglich zu verstecken und uns aus dem Verkehr zu ziehen, bevor es zu einer eventuellen Konfrontation mit dem Thema kommt, das offenbar unser größter wunder Punkt ist? Ich war damals meine größte Kritikerin, das wird mir heute bewusst und ich habe dadurch nicht nur Lebensqualität eingebüßt, sondern auch jede Menge Selbstbewusstsein.
Aber zurück zur Gegenwart: Es hat sich einiges verändert, denn heute lachen sie manchmal wirklich. Das hat mit meinem Umzug mit Anfang Zwanzig in die Großstadt begonnen und wird lauter und wahrnehmbarer, je weiter man sich in die angesagten Bezirke, Cafés und Locations wagt. Im Unterschied dazu geht es in der Kleinstadt geradezu harmonisch zu. Wenn ich heute hin und wieder mal dort bin, um meinen Vater zu besuchen, falle ich nicht auf. Hier ist man es gewöhnt, dass die Menschen ihr Leben leben und dabei nicht alle schön aussehen. Es geht um Broterwerb, einkaufen, kehren und Kinder großziehen, und weniger darum geschmackvoll gekleidet und erfolgreich zu sein.
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Das eigentliche Bodyshaming scheint in der sogenannten “Bubble” stattzufinden, die sich durch Extinktion nach außen abgrenzt, was meistens eher unbewusst abläuft, dennoch Menschen wie mich, ohne nennenswertes Selbstbewusstsein, tief verletzen kann. Da geht es dann meistens um sekundenschnelles Abchecken der Kleidungswahl, der potenziellen Coolness und eben auch des Körpers des Gegenübers. Wie gesagt, es ist eine Art Programm, das bei Menschen abläuft und ich glaube aufrichtig, dass es viele der Leute gar nicht wahrnehmen. Beidseitig. Jemand mit einem guten Selbstbild, wird die Blicke vielleicht anders deuten, geschweige denn, sie überhaupt wahrnehmen, als jemand, der sehr kritisch mit sich selbst ist. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich sehr kritisch begutachtet werde, wenn ich es wage mit Leggings in ein Third Wave Café zu gehen oder in Hamburg auf den Street Food Markt. Gleiches gilt für kurze Hosen. Man starrt mich ununterbrochen an, was dafür sorgt, dass all die Wunden von damals, die ich mir selbst zugefügt habe, wieder aufreissen. Aber dieses Mal sind andere schuld, und das nichtmal bewusst. Es ist eine Scheiße mit den Schönheitsidealen! Eine wahre Krankheit der Gesellschaft, die so viele Menschen daran hindert ihr Potenzial zu entfalten und sich gut zu fühlen. Das wirklich Tragische daran: Ich habe so viel Lebenszeit verschwendet, weil weder ich, noch andere sich im Griff hatten, beziehungsweise haben. Können wir das wirklich nicht ändern?
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