Die letzte Chance für die „Manifesto“-Ausstellung in Berlin

FOTO: Rosefeldt
13 Kurzfilme, eine Cate Blanchett, ein Berlin und die große Liebe zum Detail: Der Hamburger Bahnhof Berlin zeigt nur noch bis Sonntag Julian Rosefeldts umfassende Videoinstallation „Manifesto“. Es lohnt sich also, dem Museum in dieser Woche noch einen Besuch abzustatten!

Ein dunkler, weitläufiger Raum, erhellt durch 13 große Projektionen: Das erste sichtbare und einzige abstrakte Video der Arbeit zeigt eine langsam abbrennende Zündschnur, darüber die Stimme Cate Blanchetts, der Hauptdarstellerin der gesamten Arbeit, welche Teile des Kommunistischen Manifests vorliest – es gilt als das erste überhaupt, 1848/49 von Karl Marx und Friedrich Engels formuliert. Der Wegweiser aller folgenden und auch der 12 weiteren Filme in Rosefeldts Arbeit.

Das Manifest als Form öffentlicher Erklärung von Zielen und Perspektiven auf Welt und Gesellschaft wurde schnell auch von den Künsten als ein produktives Mittel erkannt. Künstler*innen und deren Gruppierungen verstanden es, ihre ästhetischen und gesellschaftspolitischen Ansichten in Forderungen zu verwandeln, die Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen.


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FOTO: Rosefeldt

Julian Rosefeldt
, 1965 in München geboren und gelernter Architekt, lebt mittlerweile in Berlin. Bereits seit den 90er-Jahren arbeitet er aktiv im medialen Bereich mit Fotografie, Film und Video – auffallend besonders durch die hochauflösende bildliche sowie narrative, liebevoll inszenierte Qualität seiner Werke. So auch in „Manifesto“.

Die Zündschnur brennt ab und gibt den Weg frei zur Wanderung zwischen den Zeiten – alle zusammengebracht durch die schauspielerische Hochleistung Cate Blanchetts.
Ein Stück Hollywood im gehobenen Kunstraum der Hauptstadt? Spätestens nach zwei Filmen vergisst man Blue Jasmine oder Galadriel, denn: Blanchett brilliert in der Technik der Verwandlung. Raffinierte Maske und Kostüm tun ihr Übriges zur schauspielerischen Leistung, welche vom Obdachlosen zur Börsenmaklerin zur Punkerin führt.

Nächstes Highlight ist, dass jeder Film in Berlin gedreht und die Stadt ein Stück weit verwandelt wurde: Das für seine Architektur bekannte Grimm-Zentrum wird zur Börse, eingebettet in das futuristische Manifest. Auch in den von den meisten Besucher*innen des Hamburger Bahnhofs so wohl nie gesehenen Aufnahmen einer Müllverbrennungsanlage und den Bildern des bekannten Teufelsbergs, zeigt Rosefeldt Berlin von seinen spannendsten Seiten.

Von der konservativen Mutter aus, die für ihre Familie vor dem Essen als Gebet Claes Oldenburgs „I am for an Art..“ (1961) vorträgt, kann man weiter zum Film der Trauerfeier, von welchem aus immer diese irgendwie kitschig-dramatische Musik ertönt.
So wird der dunkle Raum ein Ort, an dem etliche unterschiedliche Wahrheiten gleichzeitig existieren möchten und, letztendlich, tatsächlich existieren. Anstrengend ist dies allemal – nicht grundlos verlässt man die Ausstellung nach drei Stunden zwar äußerst bereichert, aber auch ganz schön erschöpft.

Höhepunkt der Arbeit sind die perfekt gesetzten Momente der Zusammenkunft: (Fast) jedes Video finalisiert seinen Loop oder Endpunkt durch den sich zur Kamera und in die Augen der Zuschauer*innen wendenden Blick Blanchetts, die von Film zu Film in unterschiedlicher Tonhöhe einige besonders manifeste Sätze roboterartig vorträgt, bevor sich wieder abgewendet wird und der Film weiterläuft. Hier kulminiert die Parallelexistenz der verschiedenen Perspektiven, wenn allen Stimmen gleichzeitig ihr Höhepunkt gegeben wird – und sie sich dabei ständig versuchen, zu übertönen.
FOTO: Rosefeldt

Natürlich kann „Manifesto“ polarisieren: Blanchetts spezielles Schauspiel kann für manche auch irgendwie anstrengend wirken. Die Momente der Überschneidung der Filme können zwischen positivem Raumgeben bahnbrechender Ideen und dem aggressiv anmutendem Verkünden vermeintlicher Wahrheiten variieren.

Diese übrigens, und das zieht sich durch (fast) alle der Manifeste, wurden einst von Männern der Kunst gedacht und dann mal eben als allgemeingültiger Anspruch für Alle formuliert. So wirkt es schon als Kommentar, dass Rosefeldt diese maskulin dominierten Worte alle von einer Frau darstellen lässt, in einer Zeit, in welcher die Fläche auf dem internationalen Kunstmarkt zwischen Männern, anderen Geschlechtern und Gendern noch immer äußerst unausgeglichen verteilt ist.

„Manifesto“ ist eine Arbeit, die in ihrem Ausmaß eine ganze Ausstellung alleine stemmen kann und in ihrer äußerst professionellen Ausführung sowie der mutigen Inszenierung durch die Kurator*innen Anna-Catharina Gebbers und Udo Kittelmann einen oder gleich mehrere Besuche wert ist. Also, bloß nicht entgehen lassen und unbedingt noch vorbeischauen!

Manifesto“ von Julian Rosefeldt, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart Berlin,
Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin.
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