Warum trauen wir uns eigentlich selbst so wenig zu?

Artwork: Ira Bolsinger/Fotos: Lorenna Gomez-Sanchez.
Mein Berufsleben startete spät. Nicht, weil ich faul war, sondern weil ich es mir einfach nicht zugetraut habe, mit meiner Leidenschaft Geld verdienen zu können. Ich fand mich schlichtweg nicht gut genug und hatte Angst vor dem Scheitern. Selbst heute habe ich noch vor jeder Abgabe einen kleinen Nervenzusammenbruch, setze Preise zu niedrig an und kann es oft gar nicht glauben, wie unfassbar toll sich mein Leben entwickelt hat, und dass es wirklich Menschen gibt, die mich für meine Arbeit entlohnen. Besonders Verhandlungsgespräche sind knifflig. Neulich musste ich einen Tagessatz festlegen und obwohl ich wusste, dass mein Angebot viel zu niedrig war, hatte ich trotzdem schweißnasse Hände. Aus Angst, das Angebot könne abgelehnt werden. Aus Angst, meine Arbeit und mein Können würden für diesen Tagessatz nicht ausreichen. Es handelte sich nur um einen winzigen Job, nur ein Tag, trotzdem lässt mich das Thema nicht mehr los.
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Das zweischneidige Schwert
Es war einmal eine wunderbare talentierte junge Frau, nennen wir sie Anna. Sie schrieb auf Facebook immer sehr gewitzte und kluge Kommentare, verfasste längere Posts und war immer top informiert, was die aktuelle politische Lage, Popmusik oder das Internet betraf. Auf die Frage einer Bekannten, ob Anna gerne regelmäßig für ein Onlinemagazin schreiben wolle, reagierte sie ziemlich heftig. Nicht mit Freude, sondern mit Ablehnung. “Das kann ich nicht! Ich bin nicht gut genug!”
„Einzelfall!”, wird die ein oder andere jetzt denken, aber genau so ist es unzählige Male passiert. Anna hat eine unglaubliche Chance verstreichen lassen, weil sie sich zu wenig zugetraut hat. Anstatt eine neue Herausforderung anzunehmen, wird aus Angst vor dem Versagen eben jene Herausforderung gar nicht erst angenommen. Die Frage, die sich hier ganz dringlich stellt ist doch, wer diese Angst in unseren Köpfen platziert hat. Wurden wir als Kinder nicht oft genug gelobt? Fakt ist, dass sich negatives Feedback viel tiefer in unsere Seele frisst als Lob und dort tiefe Wunden hinterlassen kann. Besonders übel wird es, wenn wir für eine Sache brennen, ein Scheitern also den Verlust unserer Träume bedeuten würde. Und so stehen wir uns selbst im Weg. Zum Einen, weil wir Angst vor dem Scheitern haben und zum Anderen, weil wir uns oftmals nicht bewusst sind, was unsere Arbeit eigentlich wert ist. Denn unsere Angst zu überwinden heißt nicht, dass dann automatisch alles flutscht.
Das liebe Geld
Die Pay Gap, die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, kann nicht nur mit der eigenen Selbstunterschätzung von Frauen begründet werden, da sie zum Beispiel in Lohnverhandlungen öfter abgeschmettert werden als Männer, wie eine Studie aus Großbritannien belegt. Ja, sie sind einem viel stärkeren Gegenwind ausgesetzt, müssen also viel stärker um gute Bezahlung kämpfen als ihre männlichen Kollegen. Allerdings habe ich in meiner beruflichen Laufbahn zuhauf erleben müssen, dass sich Frauen in Personalgesprächen oft schlechter einschätzen als ihre männlichen Kollegen. Auf die Frage „Was sind denn Ihre Gehaltsvorstellungen?” kamen ziemlich oft, allerdings nicht immer, sehr niedrige Zahlen. Zu niedrig, meiner Meinung nach. Die Geschäftsführung hat es natürlich gefreut. Wieso schätzen also so viele Frauen den Wert ihrer Arbeit so schlecht ein? Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um ein falsches Verständnis von Bescheidenheit handelt. Mädchen und jungen Frauen wird noch immer beigebracht, dass Bescheidenheit eine gute Charaktereigenschaft sei, was, wenn wir mal ehrlich sind, in einer kapitalistischen Gesellschaft aber ein ziemlich sinnfreier Ratschlag ist. Blöd ist halt, dass genau dieses Verhalten im Zweifel belohnt wird, da energische Frauen oft als unsympathisch wahrgenommen werden und im Zweifel entscheidet in einem Jobinterview eben die Sympathie.
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Foto: Lorenna Gomez-Sanchez.
Die tollen Aufgaben als Chance
Mangelnder Mut, Selbstunterschätzung, all das nützt Arbeitnehmer*innen wenig, Arbeitgeber*innen viel. Mit Phrasen über “tolle Chancen” wird eine ganze Generation in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrückt und das Schlimmste daran ist, dass wir denken, wir hätten es nicht anders verdient. Ich habe mich neulich mit einer sehr talentierten Person unterhalten, die nach insgesamt acht Jahren Studium nun seit vier Jahren als “Anfängerin” in einer renommierten Werbeagentur für einen Hungerlohn den Job von vier Menschen macht. Uns das sogar richtig gut! Neulich brachte sie tatsächlich den Mut auf, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, mit reichlich dürftigem Ergebnis. Als ich sie fragte, ob sie das gerecht finde, antwortete sie mir nur, dass es schon okay sei, sie wolle die Chance nutzen. Wieso war sie nicht wütend? Ich war es jedenfalls. Sind die Windmühlen, gegen die wir täglich kämpfen, Schuld an unserer Zurückhaltung?
Einfach machen!
Vielleicht sollten wir den blöden Stimmen einfach nicht mehr so einen gigantischen Platz in unseren Köpfen einräumen. In einer leistungsorientierten Gesellschaft stellt Scheitern so ziemlich den Supergau dar, was aber, ganz nüchtern betrachtet, totaler Quatsch ist. Scheitern gehört zum Leben dazu und ist sogar ziemlich wichtig! Durch unsere verlorenen Kämpfe lernen wir am meisten und nur diese Kämpfe bringen uns letzten Endes weiter. Ja, es ist schwierig, sich immer wieder beweisen zu müssen. Ja, manchmal möchte man sich einfach nur verkriechen und heulen, wenn schon wieder Sexismen greifen, gegen die man absolut nichts machen kann. Sich deswegen aber ganz zurückzunehmen, mit gesenktem Kopf durch die Welt zu gehen und seine Träume eben deswegen nicht zu verfolgen, kann nun aber wirklich nicht die Antwort sein. Mehr Mut! Und wenn es nicht klappt, einfach den Staub abschütteln und weitermachen – oder auch nicht. Was soll’s.
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