Mein schlechtes Gewissen & ich: Was darf ich eigentlich noch?

Collage: Nina Nürnberg
Es war der gefühlt tausendste Tag, an dem das Thermometer auf meinem Balkon die 35-Grad-Marke knackte. Durch meine Wohnung wehte nicht ein Hauch von Luftzug, ganz im Gegenteil: Das, was ich noch nicht als Kohlendioxid wieder ausgeatmet hatte, stand bereits seit mehreren Tagen vor sich hin, ohne sich auch nur einen Millimeter zu rühren. In den See zu springen war leider keine Option, also ging ich in den Supermarkt um die Ecke und kaufte mir eine riesige Wassermelone.
An den frischen, saftigen Stücken konnte ich mich allerdings auch nur wenige Minuten erfreuen, bevor mich mein schlechtes Gewissen einholte. Woher kam eigentlich meine Melone? Doch nicht etwa aus Spanien! Erst vor Kurzem hatte ich eine ARD-Reportage über ausgebeutete Erntehelfer in Almería gesehen. Vor längerer Zeit einen Artikel im Spiegel gelesen, der davon handelte, wie wir mit unserem Obstkonsum den Südeuropäer*innen das Trinkwasser klauen. Und wahrscheinlich nicht nur denen.
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Jeder Gang zum Supermarkt wird zu einer griechischen Tragödie, ist mein Scheitern doch schon vorherbestimmt. Die Bio-Gurken sind eingeschweißt, die Äpfel eingeflogen aus Chile. Die Avocado hat mehrere hundert Liter Wasser versoffen und die Blaubeeren, immerhin aus Deutschland, warten in einer Plastikschale auf ihren großen Moment. Sind die Bananen gespritzt? Und was heißt eigentlich genau Bio, wenn wir von einer Mango aus Südamerika sprechen? Ich bin nach dem Durchschreiten der Gemüseabteilung im Prinzip schon fertig mit der Welt und ersaufe regelrecht in Schuldgefühlen.
Aber natürlich lasse ich mein schlechtes Gewissen nicht hinter der zu gleitenden Automatiktür des Supermarkts zurück. Nein, nein, es gibt immer etwas zu tun! So habe ich bereits mehrere Stunden Google-Recherche in die Frage gesteckt, wie umweltfreundlich Hundefutterdosen aus Aluminium sind und war enttäuscht, als ich herausfand, dass es in einer Stadtwohnung nicht möglich ist, selbst zu kompostieren. Während eines Kurztrips nach Stettin an meinem Geburtstag war ich kurz davor, trotz der herrschenden 37 Grad mein Wasser ohne Eiswürfel zu trinken, da diese in einem Eiswürfelbeutel aus Plastik im Tiefkühlfach lagen.

Viele Produkte und Marken sind meinem Ehrgeiz bereits zum Opfer gefallen

Ich esse seit bald sieben Jahren kein Fleisch mehr, bin jedoch am Versuch, vegan zu leben, gescheitert. Der Grund? Ich möchte mein Umfeld nicht mit meinen Prioritäten belästigen und jedes Genussmittel mit zahlreichen Fragen nach den genauen Zutaten kaputt reden. Abends sitze ich dann am Küchentisch und rege mich über meine Inkonsequenz auf. Mehrere Marken und Produkte sind meinem Ehrgeiz, es möglichst richtig zu machen, bereits zum Opfer gefallen. Ritter Sport, alles von Nestlé, alles, was in PET-Flaschen daherkommt. Strohhalme, Plastikbecher, jedes Obst aus Spanien oder Italien, Alu- und Frischhaltefolie, Wegwerfrasierer, nicht nachhaltige Kosmetik- und Pflegeprodukte und eigentlich alles, was für den einmaligen Gebrauch hergestellt wurde. Tendenz? Steigend.
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Von A nach B komme ich seit jeher mit meinem Hollandrad und ich verspüre nicht im Ansatz das Bedürfnis, jemals ein Auto zu besitzen. Ich blicke auf Menschen herab, die, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren Einkauf in die kleinen, dünnen Plastiktüten packen und die sich ihr Essen in Styropor- und Aluminium-Verpackungen von einem ausgebeuteten (aber immerhin) Fahrradkurier nach Hause bringen lassen. Auf Grillpartys bekomme ich eine Krise, wenn ich Plastikbesteck und Pappteller sehe und stelle mir bei Schüsselchen aus Palmblättern gleichzeitig die Frage, woher genau diese Palmblätter bitte kommen und wie sinnvoll es ist, sie um den halben Globus zu transportieren.
Gleichzeitig bestelle ich meine Kleidung fast ausschließlich online, weil es eben bequemer ist und man bessere Deals schießt. Ich besitze ein iPhone und ein MacBook und rauche hier und da eine Zigarette. Der Stummel landet zwar zumeist im Mülleimer, aber die Tabakindustrie als solche ist ja nicht für ihre Nachhaltigkeit oder gar Fairness bekannt. Ich kaufe mir manchmal diesen Salat bei Rewe, den man sich selbst in eine Plastik-Schale füllt und traue mich bisher nicht zu fragen, ob ich auch meine Tupperdose mitbringen könnte, weil ich mir dann wie der Ober-Gutmensch vorkomme. Ich bin im Besitz einer Drive-Now-Karte, obwohl ich weiß, dass Carsharing die Straßen in Deutschland noch mehr verstopft, als dass es für nennenswerte Verbesserungen sorgt. Regelmäßig mache ich Ausnahmen. Weil es in diesem Moment der einfachere Weg ist. Später am Tag dann haue ich Suchanfragen in den Browser, um das Ausmaß meines Fehltrittes herauszufinden.

Je richtiger du es machen möchtest, umso mehr greifst du in Scheiße

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Ich tappe jeden Tag, bewusst und unbewusst, in tausend kleine Fallen und verwende inzwischen wirklich eine Menge Zeit darauf, mein Gewissen, mein Umwelt- und Verantwortungsbewusstsein und meinen großstädtischen Hedonismus zu streamlinen. Und das ist nicht nur eine sehr zeitintensive, sondern ernüchternde und bisweilen deprimierende Angelegenheit. Denn je mehr man darüber nachdenkt und sich vornimmt, mit gutem Beispiel voranzugehen, umso mehr, so scheint es, macht man falsch. Es ist wie ein Jo-Jo-Effekt des Gewissens. Je richtiger du es machen möchtest, umso mehr greifst du in Scheiße. Oder ist es wie mit den Terroranschlägen in den Medien? Es sind nicht wirklich mehr geworden, wir lesen nur mehr darüber, weshalb der Eindruck entsteht, dass wir in einer Welt voller Gewalt leben. Mache ich vielleicht gar nicht unbedingt mehr falsch, sondern meine vermeintlich falschen Entscheidungen fallen dank meiner nagenden Gewissensbisse einfach mehr ins Gewicht?
Was die Melone anbelangt, so trieb mich mein schlechtes Gewissen gar dazu, meinem Freund eine WhatsApp-Nachricht zu schicken mit der Information, dass ich diese verbotene und so erfrischende Frucht sehr genossen habe, mich aber ob ihrer potenziell problematischen Herkunft sehr schäme. Seine Antwort war ebenso schlicht wie vollkommen plausibel: „Richtig kannst du es nicht machen. Bewusst ist schon gut.“ Er hatte recht. Allein die Tatsache, sein eigenes Handeln zu hinterfragen, ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Komplett ohne Verzicht geht es meiner Meinung nach zwar nicht, aber dieser Verzicht kann auch zu einer Steigerung der eigenen Standards führen. Selbst gekochtes Essen ist nicht nur nachhaltiger, sondern auch gesünder als Convenience-Food. Der Aperol-Spritz macht ohne Strohhalm genau so besoffen. Mit dem Fahrrad stehst du nie im Stau und Wasserflaschentragen ist ein super Workout!
Du machst all diese Sachen für die Umwelt, klar, aber in erster Linie profitierst vor allem du selbst!
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