Was der Darm mit einem Superbrain zu tun hat

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Von „Dumm wie Brot“ zu „Scheiß schlau“. So heißt jedenfalls das neue Buch von US-Neurologe und Bestseller-Autor Dr. David Perlmutter. Eine gewagte These, der zufolge unsere Darmgesundheit maßgeblich am Wohlbefinden unserer grauen Zellen beteiligt ist. Liegt der Schlüssel zum Einstein'schen Superbrain also im Kühlschrank verborgen? Wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Also sind wir der Sache mal genauer nachgegangen …

Wer kennt das nicht? Das Gehirn, also der vermeintliche Verstand, sagt das eine, das Bauchgefühl aber will etwas ganz anderes. Letzteres hat meistens Recht. Und tatsächlich ist es viel mehr als nur ein Gefühl, darüber sind sich Naturheilkundler und viele Schulmediziner einig, weshalb sie es auch längst nicht mehr nur als subjektives Gefühl einstufen. Das Bauchhirn ist mittlerweile ein etablierter Ausdruck für ein für sich stehendes, lebenswichtiges Organ, das eigentlich gar keins ist, jedenfalls nicht im Sinne von Leber, Niere, Herz oder Lunge: die Darmflora. „Etwa anderthalb bis zwei Kilo guter Darmbakterien bilden das Organ Darmflora“, erklärt Dr. David Perlmutter. „Dieses Organ ist an so gut wie allen Stoffwechselprozessen im Körper beteiligt und hält uns somit am Leben. Unter anderem produzieren die Bakterien Vitamine, regulieren und stoppen Entzündungsprozesse, halten unser Immunsystem im Gleichgewicht und bilden sogar die Chemikalien, die unsere jeweiligen Launen bestimmen.“

Dr. Perlmutter und viele andere Mediziner gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie behaupten, ein gesundes Bauchhirn, also die Darmflora, könne unsere genetische Veranlagung beeinflussen. „Ich würde zwar nicht so weit gehen zu sagen, dass eine gesunde Darmflora wichtiger ist als unsere Gene“, betont Perlmutter. „Aber 99 Prozent unserer DNA besteht aus Bakterien, die einen wunderschönen Tanz mit unseren Darmbakterien führen. Die beiden wirken zusammen, können sich stärken, aber auch schwächen.“ Heißt: Ist unser Bauchhirn gesund und kräftig, kann es genetische Prädispositionen zu Erkrankungen des Gehirns wie zum Beispiel die familiäre Veranlagung zu Depressionen oder Alzheimer, gewaltig mindern, viele Krankheiten sogar komplett unterbinden. Ein gesundes Bauchhirn ist also essentiell für ein gesundes Gehirn.

Doch woran erkennt man, ob das Gehirn gesund ist, wenn man nicht gerade an einer diagnostizierten Krankheit leidet? „Ein gesundes Gehirn ist eins, auf das man sich vollkommen verlassen kann“, sagt Perlmutter. „Eins, das bei Bedarf, sei es, um wichtige Entscheidungen zu treffen, sich zu erinnern, sich etwas bildlich vorzustellen oder etwas zu bewerten, auf höchstem Level funktioniert. Ein gesundes Gehirn ist widerstandsfähig gegen Krankheiten wie Depressionen oder Alzheimer.“ Auf den Glauben, man habe ein gut funktionierendes Gehirn und auf das Wissen, dass man keine diagnostizierte Erkrankung hat, sollte man sich allerdings nicht verlassen. Hier soll niemandem Angst gemacht werden, „aber wir alle müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, ab dem 85. Lebensjahr bei 50 Prozent liegt“, warnt Perlmutter. „Mit der Gesunderhaltung des Gehirns sollte man also beginnen, solange es noch gesund ist, und nicht erst, wenn es schon zu spät ist.“

Wie nun aber werden wir zum nächsten Superbrain, zum Einstein des 21. Jahrhunderts? Nun, den IQ kann man sich leider nicht dick futtern. Durchaus aber die Funktionstüchtigkeit des Gehirns. Das, was schon da ist, kann also optimiert werden. „Ein gesunder Darm liefert dem Gehirn alle Nährstoffe, die es braucht, um optimal zu funktionieren“, so Perlmutter. „Entzündungsprozesse werden reduziert, was extrem wichtig für die Gehirnleistung ist.“ Das Problem: Unsere moderne Lebensweise mit einem Zuviel an künstlicher Industrienahrung und einem Zuwenig an körperlicher Bewegung, trägt nicht gerade dazu bei. „Eine Ernährung, die aus viel raffiniertem Zucker und Kohlehydraten besteht, erhöht zum Beispiel das Alzheimer-Risiko um das Vierfache“, sagt der Neurologe. „Bewegung, vor allem aerobe Aktivitäten wie Joggen, hingegen reduziert das Risiko um die Hälfte.“ Mehr noch: Bewegung aktiviert die körpereigene Produktion von BDNF, des sogenannten brain-derived neurotrophic factors. Ein Wachstumsfaktor, welches ein Protein ist, zur Gruppe der Neurotrophine gehört und eng verwandt mit den Nervenwachstumsfaktoren ist. Heißt übersetzt: „BDNF lässt Gehirnzellen wachsen“, so Perlmutter.

Durch das richtige Nerven- bzw. Gehirnfutter lässt sich zudem auch die Stimmung beeinflussen. Stichwort: Serotonin. Von dem Glückshormon hat jeder schonmal gehört. Schokolade soll besonders viel enthalten. Sorry, meine Damen, es folgt jetzt kein Freifahrtschein zur Vollmilch-Göttin. Zum einen ist Schokolade, wenn es sich nicht gerade um unbehandelte Rohkostschokolade handelt, ein Industrieprodukt, das mit echtem, durchaus gesundem Kakao gar nichts mehr zu tun hat. Zum anderen enthält es kein Serotonin. Und selbst wenn: Serotonin kann die berüchtigte Blut-Hirn-Schranke nicht passieren, sondern muss im Gehirn aus verschiedenen Molekülen zusammengesetzt werden. Womit wir wieder beim Darm wären, unserem Lieferanten für alle wichtigen Nährstoffe. „Die Darmbakterien produzieren kurzkettige Fettsäuren, die für die Serotoninproduktion unabdingbar sind“, erklärt Perlmutter. „Außerdem braucht der Körper die Aminosäure Tryptophan, die in Milch, Feigen und Putenfleisch reichlich vorhanden ist.“

Wenn wir also nicht ohnehin schon scheiß-schlau sind, können wir das durch Ernährung nur bedingt ändern. Klar, wir können unserem Körper die Neubildung von Gehirnzellen ermöglichen, aber ob wir dadurch der nächste Einstein werden, wage ich einfach mal zu bezweifeln. Definitiv aber können wir unser vorhandenes geistiges Potential erhöhen und unser Gehirn vor degenerativen Krankheiten schützen. „Idealerweise sollten wir wenig Zucker und Kohlehydrate, dafür mehr gesunde Fette zu uns nehmen“, erklärt Perlmutter. „Dazu zählen Oliven- und Kokosöl, Nüsse, Saaten, Fleisch von grasgefütterten Tieren und sogar Eier. Außerdem brauchen wir mehr Ballaststoffe, die im Darm probiotisch, als bakterienfördernd, wirken: Spargel, Knoblauch, Zwiebeln, Lauch und grüne Kräuter wie Löwenzahn oder Brennnessel.“ Und das ist mal ein richtig schlauer Ansatz.
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