Wenn die Eltern älter werden und Verantwortung zur moralischen Pflicht wird

#DirtyThirty: Maren AlineMerken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie selbst sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Meine Eltern haben mich – für ihre Generation – ziemlich spät bekommen: Meine Mutter war 33 als ich geboren wurde, mein Vater 37. Und ich bin die Erstgeborene. Heißt: Da kam noch eine noch später. Vier Jahre um genau zu sein. Im Kindergarten und der Schule gehörten meine Eltern tendenziell zu den Ältesten. Aber eben auch zu den Coolsten. Sie waren irgendwie flippig und lustig und nicht so steif wie andere Eltern.
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Heute bin ich 30 und meine Eltern sind 63 und 67. Sie sind immer noch ganz schön cool: Recht modern, sehr liberal und bis zu einem gewissen Maß fit. Meine Mutter fährt auch mit über 60 noch mit dem Rucksack nach Indien oder besucht mich auf Backpackreisen in Asien. Mein Vater ist früher Motorrad gefahren, hat Tennis gespielt, ist mit mir zu Konzerten von Jan Delay gefahren und war in Berlin auch mal mit in abgewrackten Kneipen wie dem Kptn in Friedrichshain oder – aus Mangel an Alternativen unter der Woche – im Muschi Obermaier in Mitte. Im vergangenen Jahr hatte er einen schweren Unfall und ist seitdem leider nicht mehr so fit. Nichts war mehr wie vorher nach diesem rabenschwarzen Tag. Nichts ist mehr wie vorher.
Ich bin in meine Heimat Düsseldorf geflogen um meine Eltern zu unterstützen, vorrangig meine Mutter, denn mein Vater konnte recht wenig außer im Krankenhaus liegen und ab einem gewissen Punkt ziemlich verrückt spielen. Ich habe versucht zu helfen wo es ging, habe mit Ärzten gesprochen, mit Rehas telefoniert, habe meine Mutter gestützt, mich mit meiner jüngeren Schwester um meinen Großvater gekümmert, der ebenfalls im Haus wohnt, und versucht irgendwie da zu sein. Das geht natürlich an die Substanz. Ich habe dann schnell auf Teilzeit umgestellt, weil ich mich ausgelaugt gefühlt habe. Und weil beides auf 100% nicht zu gewährleisten war: Im Job powern, sich sorgen und zuhause mit anpacken, das geht einfach nicht – vor allem nicht, wenn Wohnort der Eltern und eigene Basis rund 570 km auseinanderliegen.
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Für mich ist klar, ich bin da. Wenn auch oft nicht physisch vor Ort, möchte ich dennoch immer Ansprechpartner für meine Eltern bleiben.

Und damit stellte sich mir die Frage: Wie viel Verantwortung tragen wir als Kinder? Unsere Eltern werden älter und uns stellen sich Fragen, die zuvor nicht präsent waren: Was tun, wenn ein Elternteil ein Pflegefall wird? Was, wenn ein Elternteil verstirbt und der andere allein zurückbleibt?
Meine Mutter ist vorbereitet aufs Altwerden. Sie hat eine Patientenverfügung, das Haus ist an uns Kinder überschrieben und seit jeher hat sie gesagt: Ich möchte nicht, dass ihr später euer Leben aufgebt, um mich zu pflegen, wenn ich nichts mehr kann. Doch das ist einfacher gesagt als getan: Meine Eltern haben mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern auch dafür gesorgt, dass ich werde, wer ich heute bin. Sie haben mit ihren kleinen Gehältern eines Schreiners und einer Arzthelferin dafür gesorgt, dass ich und meine Schwester Musikunterricht hatten, ich durfte reiten gehen und Tanzstunden besuchen. Nach meinem Abitur haben sie mir meinen Studienstart ermöglicht und wenn ich mal knapp bei Kasse war, haben sie mir Geld vorgestreckt. Und ja, das kam mehr als einmal vor. Ich hätte nie nach Indien fliegen können und dort meine Leidenschaft fürs Reisen entdecken können, hätte ich nicht den teuren Laptop versetzt, den sie sich vom Mund abgespart und mir geschenkt haben. Meine Eltern haben viel geopfert und sich krumm gemacht, um uns Kindern ein sorgloses Leben zu ermöglichen. Was also ist meine Aufgabe, jetzt, da sie langsam älter werden?
Für mich ist klar, ich bin da. Wenn auch oft nicht physisch vor Ort, möchte ich dennoch immer Ansprechpartner für meine Eltern bleiben. Und doch merke ich, wie nach dem Unfall viele Dinge einfach schwierig sind. Oder vielleicht nicht nur nach dem Unfall, sondern im Kontext des Alterns meiner Eltern. Wie ich genervter bin, dünnhäutiger. Weil ich nicht verstehe, wieso ich die Funktionen des MacBooks zum 6. Mal erklären muss. Weil sie doch so logisch und intuitiv sind. Oder wieso mein Vater das mit seinem Handy nicht geregelt bekommt. Es kann doch nicht so schwer sein, Fotos zu speichern, verdammt.
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Heute fahren meine Eltern getrennt in den Urlaub und ich frage mich immer wieder, wäre es meine Pflicht mit dem jeweils einen eine Woche in der Sonne zu verbringen? Das muss ich sicherlich nicht, aber dennoch möchte ich meinen Teil leisten – vor allem weil meine kleine Schwester, die heute auch schon 26 ist, so viel näher dran ist und deswegen so viel mehr leistet. Ich habe mich in meinem Freundeskreis umgehört, wie andere Freunde ihre Eltern entlasten und habe dabei Dinge zu hören bekommen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Weil sie für uns Kinder so selbstverständlich sind, dass wir sie im Kreise unserer Freunde vielleicht schlichtweg nicht äußern.
Eine Bekannte kümmert sich einmal die Woche einen ganzen Tag und eine Nacht um ihren Vater, der nach einem Schlaganfall ein Pflegefall ist. Natürlich um ihm etwas Gutes zu tun, aber auch um die Mutter zu entlasten, die ihn seither pflegt. Eine Kollegin hat mir verraten, dass sie für ihre Eltern jedes Jahr die Steuererklärung macht und ihnen bei der Nebenkostenabrechnung und anderem Papierkram hilft. Weil das immer alles so klein geschrieben ist, dass sie dafür sonst ewig brauchen würden.
Ein enger Freund von mir, der vor zwei Jahren seinen Vater verloren hat, fährt seitdem einmal im Jahr eine Woche mit seiner Mutter in den Urlaub. Weil er ihr eine Freude machen will, sie die Zeit mit ihm liebt, und weil er weiß, sie ist einsam. Und weil er sagt, ihnen wird nicht ewig Zeit bleiben, die sie gemeinsam verbringen können.
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„Verantwortung übernehmen ist in Ordnung und auch wichtig – aber nur bis zu einem gewissen Maß. Man darf darüber nicht sich selbst vergessen oder gar in ein Verpflichtungsgefühl abrutschen. Jeder hat sein eigenes Leben und ist in erster Linie dafür verantwortlich.“, sagte eine Therapeutin mit der ich zuletzt zu dem Thema sprach. Das stimmt natürlich, dennoch sind wir in einem Alter, in dem man vorsorgen muss – zumindest gedanklich. Man sollte sich überlegen, wie etwas im Ernstfall zu regeln ist oder welche Optionen es gibt.
Eine ehemalige Kollegin von mir hat ähnliche Probleme mit ihrem Vater, der nach einem Fahrradunfall sehr verändert und durchaus anstrengend ist. Sie ist in dem Fall diejenige, die näher dran ist als ihr Bruder, und diejenige, die sich demnach mehr kümmern muss. Aber muss sie das wirklich? Sie ist in letzten Jahr zum zweiten Mal Mutter geworden, hat ihre eigene kleine Familie und ihre Position recht schnell formulieren können. Ihrer Meinung nach sind wir einfach noch zu jung. Wir positionieren uns gerade selbst im Leben, wir finden unseren Weg, gründen Familien und damit unseren eigenen kleinen Kosmos. Und irgendwie hat sie vielleicht Recht. Unsere Eltern haben uns spät geboren, sie werden demnach alt, wenn wir noch recht jung sind. In früheren Zeiten, in denen Frauen oft schon mit Anfang 20 Mutter geworden sind, hat das bedeutet, dass ihre Kinder viel weiter waren, wenn die Eltern in ein Alter kamen in dem sie Hilfe benötigten. Auch weiter in der eigenen Beständigkeit und der Organisation ihres Lebens. Aber wie soll man sich mit einem Säugling und vielen anderen Verpflichtungen auch noch um einen Vater kümmern, der einfach deutlich mehr Aufmerksamkeit braucht?
Ich weiß, dass meine Eltern nicht um Hilfe bitten, noch sind sie auch kaum darauf angewiesen. Sie haben mich ebenso erzogen: Es fällt mir schwer um Hilfe zu bitten, ich versuche oft Dinge mit mir allein zu regeln. Und dennoch waren sie immer da, oft ungefragt. Also will ich so gut es geht, das Gleiche für sie tun. Und das fängt nun mal damit an, das MacBook zum 7. Mal zu erklären. Zum 8. Mal und vielleicht sogar zum 9. Mal. Und damit, dass ich meinem Vater ein neues Handy besorge. Dieses Mist-Huawei-Ding ist auch einfach nicht zu verstehen. Heißt auch: Ich werde ein iPhone erklären müssen. Vermutlich mehr als 10 Mal. Nicht weil es meine moralische Verpflichtung ist, sondern weil ich es gern tu.
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