Was, wenn Frauen Männer wären?

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Screenshot aus Kein Mann für leichte Stunden / Netflix
„Sei nicht so hysterisch“, „Du übertreibst“, „Schon wieder so eine Feministin“, und so weiter und so fort. Das sind nur sehr wenige Beispiele an Parolen und vernichtenden Worten, die sich eine Frau in der westlichen Welt im Laufe ihres Lebens anhören muss. Verständnis für das Problem der ungerechten Geschlechterrollenverteilung bekommt man bis heute eher selten.
Doch wie auch in vielen anderen Konfliktsituationen, gibt es bei Unverständnis des Gegenübers eine ganz simple Regel, die ich vor allem in Beziehungen des öfteren erfolgreich angewendet habe: den Spieß umdrehen. „Wie würdest du dich fühlen, wenn…?“, Genau das hat der neue, französische Netflix-Film Kein Mann für leichte Stunden getan, den ich letzten Sonntag eher halbherzig anklickte und mich auf zwei Stunden seichte Liebeskomödien-Unterhaltung einstellte. Ich wurde überrascht von einem Film, der mich am laufenden Band an meinem wunden Punkt traf und das Problem, das ich als Frau habe, konsequent und sehr leicht verständlich im Deckmantel eines netten Unterhaltungsfilm, aufdeckt.
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Der Film „Kein Mann für leichte Stunden“ ist von Eleonore Pourriat, die schon vor vier Jahren einen Kurzfilm mit gleicher Besetzung und Thematik auf Vimeo veröffentlichte: Oppressed Majority ging aufgrund seiner verstörenden Wahrheit, die sich leider tagtäglich in umgedrehter Form im Alltag jeder Frau abspielt, viral. Vier Jahre nach Veröffentlichung ihres Kurzfilmes, folgt nun „Je Ne Suis Pas Und Home Facile“, auf deutsch „Kein Mann für leichte Stunden“.
Der Film beschreibt das Leben eines erfolgreichen Start-Up-Unternehmers, der die Frauen liebt. Also die schönen Frauen, er selbst ist nämlich eigentlich nur ein Chauvinist, der sich selbst als Charmeur bezeichnet und Frauen nur auf ihr Äußeres reduziert. In einem Unfall gerät der Protagonist in eine Parallelwelt, in der die Geschlechterrollen umgekehrt sind. Frauen sind plötzlich das dominierende Geschlecht, das Erfolg im Job hat und den Ton angibt.

Männer übernehmen die Rolle des Hausmannes und achten auf ihr Äußeres

Man sieht perfekt durchgestylte Männer auf den Straßen, die ihre aalglatt gewachsten Beine mit winzigen Bermudashorts zum Besten geben und ungeschminkte Frauen in Anzügen, die ihnen Komplimente machen und hinterher pfeifen. Damien, der Protagonist, versucht sich zunächst seiner neuen Rolle zu widersetzen, in dem er in seinem Job weiterhin den Ton angeben will. Er wird deshalb kurze Zeit später von seiner Chefin gekündigt. Er weigert sich, seinen gesamten Körper zu wachsen und zu rasieren, doch muss schmerzlich anerkennen, dass sich mit behaarter Brust keine Frau dazu erbarmt, mit ihm zu schlafen. Sie ekeln sich vor seinem haarigen Anblick, was ihn dazu zwingt, seinem neuen Schönheitsideal zu entsprechen. Nach und nach beugt er sich dem neuen System, da er merkt, dass Widerstand zu nichts führt. Er wachst sich die Beine und Brust, passt sich dem Schönheitsbild an und nimmt einen Job als Sekretär einer erfolgreichen Autorin an.
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Das alles hat nicht nur Schlechtes: Zum Beispiel lernt Damien, dass man mit dem Zulassen seiner Emotionen echte Freunde gewinnen kann. So begegnet er seinen Geschäftskollegen in der neuen Parallelwelt auf ganz neue Art und Weise. Auch passiert es, dass Frauen zugeben „Ihr Männer seid eigentlich schon viel weiter als wir Frauen“, da die Frauen in ihrer Welt weniger Zeit haben, zu reflektieren – und da sie gelernt haben, immer die Starken zu sein und keine Gefühle zuzulassen. Damien macht neue Freunde und schließt sich einer Maskulisten-Gruppe an, die für Männerrechte kämpfen und von der Gesellschaft als „melodramatisch“ geächtet und lächerlich gemacht werden.

Die Geschlechterumkehrung ist in dem Film nicht wertend – sie ist ein Spiegel der Realität

Der Protagonist verliebt sich in seine Chefin, die ein ähnliches chauvinistisches Arschloch ist, wie er einer war. Die zwei beginnen eine leidenschaftliche Beziehung und fühlen sich davon angezogen, dass der jeweils andere nicht seiner klassischen Geschlechterrolle entspricht und sich ab und zu widersetzt. Sie fühlen sich beide von der Stärke und dem Charakter des jeweils anderen angezogen und begegnen sich auf Augenhöhe, was für beide ein völlig neues Erlebnis ist.
Bei einem heftigen Streit zwischen den beiden, fällt seine Freundin Alexandra in Ohnmacht – und wacht in der Realität auf. In der Welt, in der die Frau das schwächere Geschlecht ist und auf ihr Äußeres reduziert wird. Verstört und verwirrt taumelt Alexandra durch die Straßen, die sich entlang sexistischer Werbung bahnt, in denen halbnackte Frauen zu sehen sind, während ihr hübsch gemachte Frauen in kurzen Röcken entgegen spazieren. Die Realität wirkt nach einer zweistündigen Kehrtwendung, die so radikal das Problem der festgefahrenen Geschlechterrollen auf so vielen Ebenen thematisiert, so dystopisch, tragisch und unreal wie noch nie. In der letzten Szene beobachtet sie eine Gruppe Feministinnen, die für ihre Frauenrechte kämpfen, bestellt sich ein Bier und versteht die Welt nicht mehr.
Gerade für Personen, die die Problematik der ungleichen Geschlechterrollen noch nicht so ganz sehen können, oder aber auch für Frauen und Männer, die schon genau wissen, was das Problem ist, möchte ich diesen Film heute wärmstens ans Herz legen. Denn manchmal funktioniert das Argument bei Unverständnis: Dreh den Spieß doch einfach mal um.
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