Wie es wirklich aussieht, 50 Kilogramm zu verlieren

Fotografiert von Jessica Peterson.
Dieser Gastbeitrag wurde von Elna Baker geschrieben, einer Autorin und Darstellerin, die ich lange bewundert habe. Seit Jahren teilt sie ihre Reise in Lebensbereichen wie Gewicht, Sexualität, Glauben und Familie mit aufrichtiger Ehrlichkeit und Humor. Sie ist eine der mutigsten, lustigsten Geschichtenerzählerinnen der Welt – Kelsey

Neulich nahm mich mein Freund mit auf einen romantischen Ausflug zum Esalen Institute in Big Sur. Er bezeichnete es als ein "Spa Resort". Keine andere Wortwahl hätte unzutreffender sein können. Esalen ist ein „Gemeinschaftsexperiment in geistiger Gesundheit", wo man mit Gruppentherapien und Meditation versucht, Menschen dabei zu helfen „Körper, Verstand, Herz und Geist zu integrieren". Das mag alles schön und gut sein, aber ich wollte mir doch nur die Nägel machen lassen. Es fühlte sich wie eine Intervention an.

In der ersten Nacht führte er mich an seinen Lieblingsort: Zum Gruppenpool im Freien, der auf Klippen gebaut wurde, die den Ozean überblicken – wie auf einer romantischen Postkarte. Als wir hineingingen erwähnte er ganz beiläufig: „Oh, es ist übrigens ein Nacktbad. Das ist doch in Ordnung, oder?" Ich erstarrte. Nackt? Ich zeige mich nicht nackt in der Öffentlichkeit. Niemals.

Es ging nicht nur um die üblichen Bodyimage-Probleme (obwohl ich auch diese habe). Ich sehe auch nicht so aus, wie man nackt aussehen „sollte". Ich war übergewichtig. Mein Maximalgewicht war 120 kg. In meinen frühen 20ern machte ich eine Diät und verlor insgesamt 50 kg. Ich dachte mir Gewicht zu verlieren wäre wie diese eine Szene in „Die kleine Meerjungfrau", als Ariel sich ihre neuen Beine über den Kopf hält und sie ungläubig anstarrt. Das war nicht der Fall.

Versteht mich nicht falsch: Ich war froh darüber, dass ich abgenommen habe. Schließlich habe ich etwas erreicht, was ich immer für unmöglich gehalten habe. Aber das bedeutete nicht, dass ich die Zeit zurückgedreht oder einen neuen Körper erhalten habe. Die Vorher- und Nachher-Bilder, die man auf Werbeplakaten sieht, sind eine Lüge. Nachdem ich das Gewicht verloren habe, hatte ich so viel überschüssige Haut, dass ich mich auf die Seite legen und sie 15 cm in jede Richtung ziehen konnte.
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Fotografiert von Jessica Peterson.
Lange Zeit versuchte ich, die Haut mit Hilfe von Lotionen und Training wegzubekommen. Schlussendlich blieb mir aber nichts anderes übrig, als eine Schönheits-OP machen zu lassen. Ich tat es nicht, weil ich mein natürliches Aussehen verändern wollte; ich wollte lediglich den Körper haben, den ich vielleicht haben würde, wenn ich nie zugenommen hätte.

Die meisten dieser Bilder wurden einen Monat vor meiner Operation aufgenommen und das letzte davon zwei Monate danach – mein "Nachher-Bild". Sie sind sieben Jahre alt. Ich habe sie für diesen Artikel herausgesucht. Nachdem ich die Bilder nach so langer Zeit wieder sah, musste ich mich sofort daran erinnern, wie es war, all diese Haut an meinem Körper zu haben. Wie verunsichert ich deswegen war. Und wie ich mir dachte, dass alles bestimmt viel besser werden würde, wenn ich nur diese Haut wegbekommen könnte.

Ich hatte insgesamt vier Eingriffe. Ich bekam Implantate in der Größe meiner alten Brüste und ein Körperlifting. Zwei Jahre später kam ich wieder für ein umlaufendes Körperlifting. Sie machten einen Einschnitt um meine ganze Taille herum, schnitten einen 15 cm Gürtel an Haut heraus und flickten mich anschließend wieder zusammen – insgesamt wurden 4,5 kg meiner Haut entfernt. Ich bekam außerdem ein Schenkellifting: Meine Beine wurden bis zur Leiste aufgeschnitten und die Ärzte entfernten so viel Haut wie sie konnten. Um es verheilen zu lassen, musste ich einen Monat lang mit gespreizten Beinen im Bett sitzen. Sorry an meine Mitbewohner. Heute habe ich eine Narbe, die sich um meine Hüfte zieht, als hätte ein Magier mich in zwei Hälften geschnitten. An meinen Beinen ziehen sich auch zwei Narben hoch, wie eine Innennaht. Aber selbst die Operation konnte die überschüssige Haut nicht vollständig entfernen. Wenn ich meine Arme und Beine ausstrecke sehe ich noch immer wie ein fliegendes Eichhörnchen aus. Ich habe Dehnungsstreifen, die von meinen Schultern hinunterlaufen, und überschüssige Haut, die von meinen Armen und Schenkeln herunterhängt. Wenn ich mich bücke, fallen meine Brüste heraus wie leere Taschen.

Daher mag ich es nicht wirklich, wenn man mich nackt sieht.

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Fotografiert von Jessica Peterson.
Aber ich tat es trotzdem. Ich lief auf die schwach beleuchtete Terrasse hinaus – nackt, in der Öffentlichkeit –, zum ersten Mal in meinem Leben als Erwachsene. Zu meinem Entsetzen war es kein Spa, wo man auf „alle Arten von Körpern" trifft. Statt dessen war ich umgeben von Leuten, die man wahrscheinlich in einem Yogakurs für Fortgeschrittene in Los Angeles antreffen würde. Als ich zwischen ihnen hindurch lief, war ich mir extrem meiner Selbst bewusst.

Wenn ich mich unbequem fühle, ziehe ich Grimassen – offensichtliche, auffallende Grimassen. Als ich mich auf eines der Gruppenbäder zubewegte, ein Planschbecken, um welches herum die gut aussehenden Leute saßen, war ich sofort in meine Zeit in der Mittelschule zurückversetzt und rollte meine Augen beim Anblick der attraktiven Frauen. Um mich selbst aufzuheitern, erfand ich ein kleines Lied, das ich in meinem Kopf vor mich her sang, wenn ich an Leuten vorbeilief: Ich hab den fliegenden Superkörper; ich hab den Okto-Mom Körper.

Mein Freund hat so ein Verhalten bei mir noch nie gesehen und fragte mich, ob alles in Ordnung wäre. Ich habe einfach nur mein Gesicht verzerrt; ich benahm mich wie eine mürrische Teenagerin. Nach etwa 10 Minuten konnte ich es nicht mehr ertragen und verabschiedete mich in eines der Einzelbäder. Ich tauchte im Becken hinab und versteckte meinen Körper im Wasser wie unter einer Decke. Alles war verdeckt, bis auf den perfekten, weißen Kreis meines Knies, das aus dem Wasser ragte.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Körper aus der Zeit, als ich dick war. Ich habe ihn mir nie aktiv angesehen. Wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich mir immer nur mein Gesicht an. Im ersten Jahr an der Highschool bin ich so dick geworden, dass ich beim Baden meinen Körper nicht mehr vollständig ins Wasser eintauchen konnte. Ich erinnere mich an das erste Mal, als das passiert ist: Mein gesamter Körper war vom Wasser bedeckt, bis auf einen weißen Kreis – meinen Bauch, der aus dem Wasser herausragte. Ich sah ihn und entschied, dass das kein Teil von mir war. Ich nannte es eine Insel. Dann nahm ich ein Mini-Shampoo und eine Spülung und stellte mir vor, es wären ein Junge und Mädchen, die sich auf der Insel in einander verlieben würden. Ich spielte in der Badewanne wie ein Kleinkind. Es ist keine traurige Erinnerung. Aber sie erinnert mich daran, wie es sich angefühlt hat ein dickes Mädchen zu sein – an das Gefühl, eine Insel zu sein.

Heute bin ich erfolgreich in der Welt der Menschen mit durchschnittlichem Gewicht angekommen. Als ich im "Spa" in diesem Becken saß, dachte ich an all die Dinge, die ich meinem Körper angetan habe: Ich habe ihn gehasst, versteckt, ausgehungert. Ich habe ihn aufschneiden lassen. Ihn verletzt. Ihn geheilt. Ich habe mir selbst versprochen, dass ich jedes Mal dankbar für meinen Körper sein werde, wenn ich diese Narben sehen würde – und habe dieses Versprechen jedes Mal wieder vergessen.

Wie schaffe ich es noch immer, mit all dem fertig zu werden? Ich dachte nach. Wie kommt es, dass ich wieder ganz am Anfang bin und versuchen muss, eine Beziehung zu meinem Körper aufzubauen?
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Fotografiert von Jessica Peterson.
Ich denke, dass es so eine Art Vorstellung gibt, dass man seinen Körper entweder liebt und akzeptiert oder man ständig versucht ihn zu verbessern. Ich falle in keine der beiden Kategorien. Oder vielleicht bin ich auch nur beides gleichzeitig. Ich versuche mich selbst zu akzeptieren, aber es fällt mir schwer. Ich möchte in besserer Form sein (aber ich möchte nicht ins Fitnesszentrum gehen). Und mein Gewicht schwankt ständig, was auch keine Hilfe ist.

Eine Freundin wies mich neulich darauf hin, dass wir, wenn wir uns alte Fotos ansehen, normalerweise denken, die glücklichsten Zeiten unseres Lebens wären diejenigen gewesen, in denen wir am dünnsten waren. Und sie hat vollkommen recht. Der Sommer, den ich für die verdammt nochmal glücklichste Zeit meines Lebens halte, war eigentlich eine riesige Katastrophe. Ich durchlebte eine schreckliche Trennung und hatte viele Ängste. Aber ich sah großartig aus. Ich war nicht glücklich; ich war nur froh darüber, dass ich dünn war – darüber, dass es einen eingefrorenen Moment gibt, den ich hochhalten und der Welt zeigen kann, einen Moment der sagt "ich war hier und ich war schön". Für zwei Sekunden.

Ich verließ das Bad in Aufruhr. Am nächsten Tag gingen wir zu einer Veranstaltung namens „Offener Sitz", bei der Menschen auf einem Stuhl vor einer Gruppe Fremder sitzen und mit einem professionellen Therapeuten über etwas reden, mit dem sie Probleme haben. (Was man in einem Spa eben so tut, nicht wahr?). Ich war zuvor noch nie in einer Therapie, aber ich mach Comedy und dachte mir daher, dass das im Grunde das Selbe ist, wie ein Stand-up. Ich stand auf und sprach über meinen Körper. Es war wirklich brutal. Aber das merkwürdige daran war, dass der ganze Raum voll gut aussehender Leute, mit denen ich letzte Nacht nackt war, sagten, dass sie die selben Probleme hätten.

Ich bekam folgenden Ratschlag: Benutze nicht die Vergangenheit dazu, um die Gegenwart zu vergiften. Erlaube nicht, dass dein früheres Selbst dich daran hindert, nach den Dingen zu streben, die du heute erreichen kannst.

Fotografiert von Jessica Peterson.
Es traf mich wie ein Blitz. Ich kann meinen Körper sehen wie ich will. Aber ich entscheide mich, ihn nicht zu mögen. Und ich tue das, weil es nach all den Jahren ein Teil meiner Identität geworden ist, mein Aussehen nicht zu mögen. Anstatt Herrin meines eigenen Körpers zu sein, erlaube ich es der Welt mit zu sagen, wer ich zu sein habe und wie ich aussehen soll. Ich bin gefangen im Teufelskreis aus Scham und Selbsthass, weil er mir etwas gibt, wonach ich streben kann.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin es verdammt leid nach Schönheit zu streben. Ich habe diesem Problem in den letzten 20 Jahren jeden Tag 10 bis 20% meiner Gedanken gewidmet. Es hat mich daran gehindert wichtigere, aufrichtigere, bessere Dinge zu tun. Und nach all dieser Zeit bin ich nicht einmal wirklich gut darin geworden.

Sicher, man sieht hier ein "Nachher-Bild" von mir und ich sehe darin okay aus (denke ich). Aber ich habe nicht erlaubt, neue Bilder von mir für diese Geschichte aufnehmen zu lassen, weil ich inzwischen etwa 9 Kilogramm mehr wiege als damals. Deshalb fühle ich mich scheinheilig dabei, etwas zu schreiben, was anderen sagen soll, sich selbst zu akzeptieren, während ich selbst es nicht kann. In Wirklichkeit denke ich, dass jeder sich selbst akzeptieren sollte – jeder außer mir. Dies ist die Krankheit, die ich noch immer versuche zu besiegen.
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