Mehr als nur schneller Sex – Warum redet niemand über die guten Seiten des Onlinedating?

Illustration: Gabriela Alford.
Onlinedating ist die Hölle: Niemand will sich festlegen, jeder hat Angst etwas zu verpassen. Statt großer Liebe nur schneller Sex und überhaupt ist das alles doch so schrecklich oberflächlich. So und so ähnlich ist der Tenor aller Texte über Tinder, OkCupid und Co. Worüber aber seltener gesprochen wird, sind die Möglichkeiten: Neben unverbindlichen Abenteuern und ernsthaften Beziehungen bieten die Onlinedating-Plattformen vor allem die Chance, Menschen kennenzulernen, die man sonst nie getroffen hätte.
Konservative Menschen - überraschenderweise über alle Altersstufen verteilt - gehen immer noch davon aus, dass es nur Nerds oder seltsame Einzelgänger sind, die das Internet brauchen, um einen Partner zu finden. Erwähnt man vor diesen Menschen, dass man selbst Tinder nutzt, hört man oft: „Aber das hast du doch gar nicht nötig!“. Als würden Onlinedating-Plattformen nur von Menschen genutzt, die verhaltenstechnisch zu schlecht aufgestellt sind, um das mit dem Liebesleben allein hinzukriegen. Aber selbst liberalere Zeitgenossen sind nicht unbedingt begeistert vom Internet als Amor-Ersatz. Liest man Feuilleton-Artikel oder Kolumnen zum Thema, ist der Grundtenor klar: Onlinedating zerstört die Beziehungskultur. Im besten Fall eignet sich etwa Tinder nur für schnelle Sexabenteuer, im schlimmsten Fall ist es aber ein Zeichen dafür, dass die Menschen heutzutage zu bequem für alles sind, ja sogar für die Liebe.
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Dazu kann ich nur sagen: Erstens ist an unverbindlichem Sex nichts auszusetzen, solange erwachsene Menschen tun, was sie für richtig halten.
Onlinedating ist besser als sein Ruf
Zweitens liest sich der Punkt mit der Bequemlichkeit immer so, als wären alle zu faul, um „in der Realität“ Menschen kennenzulernen. Die Realität ist aber, dass die meisten den Großteil ihres Tages auf der Arbeit verbringen und abends zu müde sind, um auszugehen. Eine Onlinedating-Plattform spart Zeit, wäre doch eine Alternative, sich zeitaufwendig aufzubrezeln, in einem Club herumzustehen und zu hoffen, dass man jemanden kennenlernt, der nett (genug) ist. Die viel realistischere Alternative zu Onlinedating ist aber nicht “klassisches” Verabreden, sondern eher das Dösen auf der eigenen Couch, weil man zu geschafft für alles andere ist.
Der Grund, der für Onlinedating spricht und viel zu wenig Beachtung findet, ist die Tatsache, dass man Leute kennenlernt, die man sonst nicht getroffen hätte. Jetzt kann man sagen: „Aber diese ganzen Onlinedating-Plattformen werben doch gezielt damit, dass man spannende, hippe Leute kennenlernt!“. Der Punkt ist jedoch gar nicht, dass man herausragende Leute kennenlernt, sondern eher, dass man Leute kennenlernt, die aus dem eigenen, gewohnten „Beuteschema“ herausragen. Onlinedating hat nämlich nicht unbedingt den Vorteil, dass man coole Typen à la Hipster-Journalist Dave kennenlernt, sondern vielleicht eher den Buchhalter Heiko. In beiden Fällen hätte man die Herren nicht getroffen, wären sie nicht auf derselben Onlinedating-Plattform wie man selbst.
Die Wahrheit ist nämlich, dass egal, was romantische Komödien einem erzählen, man sehr selten offen auf Leute zugeht. Oder wie oft spricht man wirklich mal jemanden in einem Café, der Bibliothek oder beim Einkaufen an? Und sogar wenn man der Typ „Ich würde sogar einer Wache des Buckingham Palace seine Telefonnummer abquatschen“ ist, ist es doch sehr wahrscheinlich so, dass man an all den Orten, an denen man verkehrt, dieselbe Art von Mensch anspricht. Damit ist nicht mal zwingend ein „Typ“ Mensch gemeint, den man toll findet. Eher, dass man automatisch in einer Komfortzone datet, die stark von der eigenen sozialen Herkunft bestimmt wird. Diese Komfortzone kann örtlich sein: Während sich die eine am wohlsten in Fußballkneipen fühlt, geht der andere am Wochenende lieber in hippe Clubs. Wiederum andere können sich häufiges Ausgehen gar nicht leisten und hängen deshalb eher in Parks rum oder machen Dinge, die weniger teuer sind. Die Komfortzone kann aber auch Persönlichkeitsmerkmale betreffen: Das Auftreten, die Ausdrucksweise, aber auch ganz oberflächliche Dinge wie Kleidung und Stil können Dinge sein, die wir bewusst oder unbewusst an Menschen toll finden, weil unser sozialer Hintergrund uns so geprägt hat.
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Aus fünf Sätzen in einem Profil etwas zur Persönlichkeit eines Menschen abzuleiten, hat auch mehr etwas von Kaffeesudlesen als wirklichem Verständnis.

Zu sagen, dass Onlinedating diese sozialen Mauern niederreißt und uns aus unserer Komfortzone rausholt, wäre gelogen. Auch auf Online-Partnerbörsen daten wir Menschen, die uns gefallen. Die Parameter, nach denen wir unser Gegenüber jedoch bewerten, sind andere. Statt einen Datingpartner danach auszuwählen, ob er dieselben Lokale besucht wie man selbst, oder er sich so kleidet, wie man es gerne mag, muss man sich auf besagten Plattformen auf andere Hinweise zur Persönlichkeit eines Menschen verlassen. Fotos sind nur bedingt zuverlässig: Wer schon mal ein Onlinedate getroffen hat, weiß, dass sogar die ehrlichsten Bilder immer noch ein Stück weit weg von der Realität sind. Aus fünf Sätzen in einem Profil etwas zur Persönlichkeit eines Menschen abzuleiten, hat auch mehr etwas von Kaffeesudlesen als wirklichem Verständnis. Diese paar Informationsbrocken sind aber alles, was einem bleibt, wenn man online jemanden kennenlernen will.
Die Auswahl von Dates nach diesen wenigen Kriterien kann man oberflächlich nennen, man kann es aber auch als Chance begreifen, seine Komfortzone zu verlassen, ja vielleicht sogar ab und zu über den Dating-Tellerrand zu schauen. Klar, es kann passieren, dass man in seinen bisherigen Vorstellungen bestärkt wird und etwa feststellt, dass man auf gar keinen Fall mit jemandem zusammen sein will, der grundlegend anders ist als man selbst. Man kann aber auch das komplette Gegenteil erkennen. Um das Selbsterkenntnis-Phrasenschwein zu füttern: Wie es immer ist, wenn man neue Menschen kennenlernt, wird man in jedem Fall seinen eigenen Horizont erweitern und infolgedessen auch einiges über sich selbst lernen.
Indem man viele neue Menschen trifft, die verschiedene Lebensentwürfe leben, erkennt man zum einen, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, ein gutes Leben zu führen. Das nimmt wahnsinnig viel Druck von einem selbst, weil es einem mehr Handlungsspielraum im Leben gibt. Zum anderen sieht man aber, dass Menschen, die man vorher für ihr Leben bewundert hätte, weil sie etwa einen tollen Job haben, wahnsinnig gut aussehen oder unwahrscheinlich klug sind, auch „nur Menschen“ sind. Statt dann weiterhin jemanden zu daten, den man für viel besser als sich selbst hält, kann man erkennen, dass die Fähigkeit zur Großartigkeit auch in einem selbst steckt.
Egal, was Mitmenschen oder Medien sagen: Onlinedating vergiftet weder unsere Beziehungskultur noch rettet es diese. Es ist in seiner Grundfunktion einfach nur ein Werkzeug, das uns hilft, Menschen kennenzulernen. Und wie bei jedem Werkzeug hängt es schlussendlich von einem selbst ab, wie man damit umgeht.
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