William Klein: Das Enfant terrible der Modefotografie

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William Klein schuf mit seinen Aufnahmen der Fünfziger- und Sechzigerjahre eine kompromisslose Absage an die damals herrschenden Regeln der Fotografie und wurde als talentfreier Amateurfotograf beschimpft. Er revolutionierte die Modefotografie und erfand sie neu, indem er sie ad absurdum führte und ebnete den Weg für Künstler wie Helmut Newton, David Bailey oder Frank Horvat.


Vogue versus. Harper’s Bazaar

Anfang der Sechzigerjahre war der Kampf zwischen den Giganten der amerikanischen Modezeitschriften – Harper’s Bazaar und Vogue – besonders groß. Daher war die Modefotografie zu dieser Zeit weniger künstlerisch, es handelte sich schlicht um ein Millionengeschäft und die Herausgeber standen vor der Herausforderung innovativer als die Konkurrenz zu sein, ohne die Leser zu verschrecken. Doch das traditionelle Frauenbild hatte abgedankt, Pop und Flower Power hielten Einzug und der übermächtige Harper’s Bazaar-Fotograf Richard Avedon hatte einen neuen Stil eingeführt, der geprägt war von Leichtigkeit und Lebensnähe. Vogue trug schwer am Erbe des erfolgreichen Cecil Beaton. Dessen Fotografien zeigten unnahbare Models in mondänen Posen und verkörperten eine vergangene Epoche. Auf der Suche nach frischem Wind entdeckte Vogue den in Paris lebenden Amerikaner William Klein, der Malerei an der Sorbonne unter Fernand Legèr studiert hatte und mit seinen radikalen Fotografien von sich reden machte. Seinen Stil beschrieb er als „Technik ohne Tabus“: verschwommene Konturen, schiefe Ränder und Zufälle. Dadaistisch, geprägt von schwarzem Humor und Absurdität. Die bisherige Fotografie langweilte ihn, Ordnung und der „goldene Schnitt“ waren ihm fremd. Er stürzte sich in seiner Unwissenheit als Autodi­dakt in die Arbeit und experimentierte frei nach dem Motto: „Der Zufall führt Regie“. Gute Bilder entdeckte er oft erst im Labor. Es war eine radikale Absage an jegliche, fotografische Konventionen.

Der damalige Art-Director der Vogue, Alexander Libermann, sah in William Klein einen aufregenden Fotografen, der Avedon die Stirn bieten könnte. Und er sollte der Modefotografie den nötigen Kick geben, den sie in den verhaltenen Fünfzigerjahren dringend nötig hatte.
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William Klein und Vogue: Erfolgsgeschichte mit Hindernissen

Zum Einstand präsentierte Klein Vogue ein fotografisches Portrait von New York mit dem ironischen Titel „Life is good and good for you in New York“. Klein sah die Stadt als Angstzentrum der Welt, als kaputt und schäbig. Das Ergebnis sorgte bei Vogue für einen Skandal. Man war schockiert von Kleins roher Sicht auf die Stadt und verweigerte die Veröffentlichung - zu aggressiv, zu brutal. In Amerika fand er keinen Verleger. „Das ist keine Fotografie, das ist scheiße, das ist nicht New York, es ist zu schwarz zu einseitig, das ist ja ein Slum“, hieß es. Aber genau das war New York für William Klein. Tatsächlich fotografierte er im Grunde keine Gewaltszenen. Radikal und aggressiv war die Art, wie Klein Momente einfing. Er drückte den Leu­ten die Kamera regelrecht ins Gesicht und dadurch vermitteln sie eine geradezu bedrückende Intimität. In Paris fand er 1955 endlich einen Verleger der sagte: „Wenn das kein Buch wird, kündige ich“. Und es wurde ein Buch. Er gewann den Nadar-Preis und „New York“ (1954), so der neue Titel, avancierte zum Sammlerobjekt. Kleins Reputation wuchs: Weder Richard Avedon noch Irving Penn, Galionsfiguren der Fotografie, hatten zu diesem Zeitpunkt eigene Bücher veröffentlicht.
1955 wurden trotzdem einige Portraits von Klein veröffentlicht, die noch verhältnismäßig konventionell fotografiert waren. Doch der nächste Skandal ließ nicht lange auf sich warten: In einer Fotostrecke über Hüte sollte eines der Models rauchen. Weder dieser Umstand, noch die Tatsache, dass der Rauch einen Großteil ihres Gesichts verdeckte, sorgten für Aufruhr. Das Unerhörte war, dass das Model dabei keine Spitze benutzte: „Sie zieht am Stummel wie ein Matrose“ empörte man sich. Das besagte Foto „Smoke and veil“ ist heute weltberühmt, eine der am häufigsten veröffentlichten Modefotografien und erzielte 2006 bei dem Auktionshaus Christies in New York den sagenhaften Preis von 144,000 Dollar.
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FOTO: pinterest
Kleins Vertrag blieb dennoch bestehen und er fotografierte weiter für die Modezeitschrift in Paris. Obwohl Libermann Klein in höchstem Maße protegierte, dauerte es drei Jahre, bis man ihm die Verantwortung für wichtige Modestrecken überlies und er zum „Starfotograf“ des Magazins avancierte. Trotz seiner Position hielt der Amerikaner seine Verachtung für die Modewelt nicht geheim. Klein kokettierte mit der Tatsache, dass ihn die Klamotten nicht weniger hätten interessieren können und Libermann gut daran tat, ihn von Stylisten und Moderedakteuren fernzuhalten. In dem Vorwort zu dem Bildband „In&out of Fashion“ zitiert der Künstler folgende Schlagzeile aus einer alten Ausgabe der Vogue: “Für einige Frauen zählt ein Meer von Kamelien, für andere schnelle, elegante Autos. Aber für andere....nun, ehrlich gesagt sind es Pelze...wir kennen eine Frau, die jeden Dollar, der für ihre Garderobe bestimmt war (und noch manchen anderen), für den Nerzbademantel gegenüber ausgegeben hat, und sie sieht aus, als sei sie frisch verliebt“. Klein kommentierte dies scharf:„Hoffen wir, dass sie glücklich bis an ihr Ende lebte. Wer schreibt so etwas? Und wer hat das jemals gelesen?“ Gerade diese Distanz ermöglichte ihm wahrscheinlich die Modefotografie auf den Kopf zu stellen.

Der Anti-Fotograf

Bei Vogue arbeitete Klein zum ersten Mal unter professionellen Bedingungen. Er lernte Licht bewusst einzusetzen, Settings und Locations zu nutzen und Ideen unter Zeitdruck zu entwickeln. Doch er konnte sich nicht mit überholten Posen und Studioaufnahmen anfreunden und schmiss alle geltenden Regeln um: „Man muss eine Hochzeit wie eine Razzia fotografieren und umgekehrt“, postulierte er. Neue Wege beschritt Klein auch mit Hilfe der Technik: Er spielte mit Mehrfachbelichtungen, extremen Perspektiven oder Bildebenen. Durch Weitwinkelobjektive verzerrte er Situationen ins Groteske, arrangierte Vorder- und Hintergründe zu purem Chaos. Die Wucht an Informationen auf einem Bild erschlägt den Betrachter, das Auge ist fast überfordert alle Eindrücke zu verarbeiten. Telelinsen lassen die Welt wie gestaucht, ohne räumliche Tiefe wirken und in Verbindung mit bewussten Unschärfen schienen die Models verloren und wie ein Spielball des jeweiligen Szenarios.

Alexander Libermann ermahnte ihn: “Du musst daran denken, die Frauen die Vogue kaufen, haben pinkfarbene Badezimmer“. Zwar hatte Klein akzeptiert, dass er die Kleider und Details wie Muster, Knöpfe und Schnitte zeigen musste, aber er hatte keinerlei Interesse daran, stundenlang Kleider und Accessoires zu drapieren. Also schnappte er sich die Models, schleppte sie raus auf die Straße und ermutigte sie zu handeln, zu leben statt nur zu posieren. Dabei schuf er skurrile Szenarien, um die Künstlichkeit der Mode zu entlarven: „Je gekünstelter desto besser“, war sein Credo. Sein Bruch mit der bisherigen Modefotografie war auch eine Ablehnung des traditionellen Frauenbildes, geprägt von Unnahbarkeit, wie es für Fotografen wie Horst P. Horst charakteristisch war. Kleins Frauen waren stark und unabhängig, gefangen in verfahrenen Situationen mit Posen, die bis zur Karikatur verzerrt sind: steif, die Beine weit auseinander, gefangen zwischen Autos, in endlosen Räumen mit verkniffenen Gesichtern. Kleins Aversion galt nur der Modewelt, die Models hingegen verehrte er und behandelte sie ausgesprochen freundlich – was damals nicht unbedingt selbstverständlich war.

Seine Werke werden oft als dadaistisch bezeichnet und in vielerlei Hinsicht ist eine Ähnlichkeit mit dem ebenfalls wegweisenden Fotografen Man Ray zu erkennen. Klein selbst stimmt dieser Behaup­tung zu, ist aber davon überzeugt, in allem noch extremer und innovativer gewesen zu sein. Ein wichtiges Stilmittel Kleins wurden auch seine mit farbigem Lack bemalten Kontaktbögen. Angeregt hatte ihn die Arbeit an der Serie „Kontakte“ und er begann seine Fotos künstlerisch zu gestalten. Daran fand auch Designer John Galliano gefallen und kopierte diese Technik für eine Dior-Anzeige. Klein verklagte ihn wegen Missbrauch von geistigem Eigentum und gewann. Auf das Plagiat war er übrigens nur aufmerksam geworden, weil ihn ein Freund gefragt hatte, warum er diese hässlichen Bilder für Galliano gemacht habe.
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„Nina and Simone, Piazza di Spagna, Rome“ von 1960 ist ein typisches Beispiel für Kleins Ästhetik. Das Bild zeigt zwei Models, beide in entgegengesetzte Richtungen gehend, deren quergestreiften Kleider optisch mit den Zebrastreifen rivalisieren. Zwischen ihnen braust eine Vespa hindurch und die angeschnittenen Passanten im Vorder- und Hintergrund betonen den Schnappschusscharakter des Bildes.
Ende einer Ära

Kleins Ideen wurden mit der Zeit immer experimenteller, es galt Klischees zu umgehen. Man lies ihn gewähren, denn das Wichtigste für die Redakteure war es, dass der Leser nur nicht zu schnell umblätterte und ein wenig auf den Seiten verweilte.
Doch Mitte der Sechzigerjahre gab Klein die Fotografie – ab­gesehen von einigen Auftragsarbeiten - zugunsten des Films vorübergehend auf. 1967 führte Kleins Arbeit an dem antiamerikanischen Film „Far from Vietnam“ zum endgültigen Bruch mit Vogue. Zu dieser Zeit engagierte er sich politisch sehr stark und wandte dem glamourösen Modezirkus vorerst den Rücken zu. Heute sagt er, dass es ihm in der Mode nur ums Geld ging, um andere Projekte finanzieren zu können. Er hinterließ ein bittersüßes Abschiedsgeschenk an die Modewelt: Den Film „Who are you, Polly Maggoo?“. Polly Maggoo ist eine Karikatur der Obsession für die so genannten „Supermodels“. Er macht sich über seine damalige Chefredakteurin bei Vogue, Diana Vreeland, lustig und steckt Frauen in absurde Kleider. Der Film ist ein Mosaik seiner Erlebnisse im Modezirkus.

Nach 20 Jahren Abstinenz kehrte Klein in den Achtzigerjahren zurück, aber er musste einen Weg finden, um wieder mit der Modeszene und ihren Akteuren in Berührung zu kommen. Also begann er hinter den Kulissen und wurde der erste Backstagefotograf für Designer wie Azzedine Alaïa, was ihm sehr entgegen kam: „Ich hatte nie die Geduld, die Kollektionen draußen anzusehen“. Insofern war das eine völlig neue Erfahrung für ihn, da er das erste Mal in seiner Karriere tatsächlich Spaß an der Mode hatte.
Einst belächelt, heute verehrt

Heute zählt Klein zu den bedeutendsten und innovativsten lebenden Fotografen. Zu Beginn seiner Karriere wurde er als in­kompetenter Amateurfotograf bezeichnet, doch er ließ sich nicht von dem Widerstand beirren und machte Fotos „so unbegreiflich wie das Leben“, wie er einst sagte. Klein lieferte den Anstoß, den die Modewelt nötig hatte, indem er mutig genug war, einfach alles anders zu machen. Seine Fotografien zeigen eine gesellschaftliche Entwicklung und er schuf soziologische Portraits seiner Zeit. Streetstyleblogs sind heute ein selbstverständlicher Teil der Mode, die Straße und ihre Looks dienen Designern als wichtige Inspirationsquelle. William Klein entwickelte schon in den Fünfzigerjahren eine innovative Art der „Straßenfotografie“ und öffnete eine neue Dimension: technisch und philosophisch zugleich. Der Lyriker und Kritiker Alain Jouffroy schrieb über ihn: „Zum ersten Mal zeigten Fotografien den Weg, den die bildenden Künste zu gehen hatten. Klein hat so gut wie alle Themen aufgegriffen, die später von der Pop-Art und dem Neuen Realismus behandelt werden würden“. Dafür wurde er einige Jahre später mit Prei­sen überhäuft, wie 1988 mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotographie oder dem Grand Prix National de la France und zuletzt erhielt er 2012 den Outstanding Contribution to Photography Award. Seine Werke wurden und werden auf der ganzen Welt ausgestellt, auch in dem von ihm verehrten MOMA in New York. Er ist 88 Jahre, lebt und arbeitet in Paris und ist seit 1950 mit Jeanne Florin, dem „schönsten Mädchen von Paris“, verheiratet.
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