„Ich trage Größe 54 und so hat es sich angefühlt, meine erste Sexszene zu drehen”

Photo: Courtesy of Jen Ponton.
Anmerkung der Redaktion: Was das Thema Sex angeht, sind wir Menschen ganz besonders verwundbar. Das macht die Sache zum einen zwar umso bedeutsamer und intimer, zum anderen kann es die Angelegenheit aber auch umso schwieriger machen. Und es vor einem Haufen Fremder und einer Kamera zu tun, gestaltet das Ganze auch nicht einfacher. Darum fühle ich mich besonders geehrt, die Geschichte von Jen Ponton teilen zu dürfen, die davon erzählt, wie es sich anfühlte, ihre erste Sexszene zu drehen. Sie ist eine Lektion über die Macht von Verletzlichkeit, Selbstwahrnehmung und zeigt, wie man das alles hinter sich lassen kann und einfach Spaß hat.

Es geht los, dachte ich. Mein Magen rebellierte und meine Hände waren kalt wie Eis. Am nächsten Morgen würde ich meine erste Sexszene drehen.
Mein Name ist Jen Ponton und ich bin Schauspielerin. Möglicherweise kennt man mich aus Serien wie 30 Rock, Unbreakable Kimmy Schmidt oder Orange is the New Black. 2011 habe ich die Komödie Love on the Run gedreht. Es war nicht der erste Film, in dem ich mitspielte, aber der erste, in dem ich eine Hauptrolle spielte, die in einer romantischen Beziehung steckte. Tatsächlich gibt es wohl nur wenige Filme, in denen Sexszenen mit Frauen meiner Statur zu sehen sind. Ich trage nämlich Größe 54.

Dick zu sein ist in dieser Branche nicht gerade üblich. Die Frage, die man mir wohl am häufigsten stellt: „Ist deine Kleidergröße förderlich oder eher hinderlich für deine Karriere? Im Grunde liegt das allein an mir – es hängt davon ab, ob ich das Glas am Ende als halb leer oder halb voll betrachte. Bei den meisten Rollen, für dich ich gecastet werden, spielt die Größe keine Rolle; Die Geschichte verlangt lediglich nach einer besonders liebenswürdigen, engagierten, manchmal ein wenig verschrobenen und lustigen Darstellerin. Aber es gibt eben auch Dinge, mit denen ich in diesem Business (Schrägstrich dieser Welt, in der wir leben) wirklich zu kämpfen habe. Ich wurde zuvor niemals für eine weibliche Hauptrolle gecastet. Die lustige beste Freundin? Klar! Das schüchterne Mauerblümchen? Die Rolle habe ich im Schlaf drauf. Aber die Hauptrolle in einem Liebesfilm blieb mir, und wohl auch allen anderen jenseits 42 (und wenn wir mal ganz ehrlich sind eigentlich jenseits 34), immer versagt. Jedenfalls bis ich Love on the Run drehte.

Wie viele andere Frauen, die nicht der Standardgröße entsprechen, habe ich mich lange Zeit immer wie das langweile, dicke Mädchen gefühlt. Ich habe es mit Diäten versucht, hungerte und versuchte meinen Körper, der schon seit meiner Kindheit eher rund und weich geformt war, mit Sport in Form zu bringen und wünschte mit permanent, nicht wie ich zu sein. So ging das auch meine gesamte Collegezeit hindurch. Ich studierte Theater an einer Kunsthochschule, wo mir unter anderem beigebracht wurde, dass ich mit einem Körper wie dem meinen niemals eine Hauptrolle bekommen werde. Die Unterhaltungsindustrie fühlte sich für mich wie ein Haifischbecken an und ich hatte einen Eimer voller Köder auf dem Rücken.

Und dann kam die Body-positive-Bewegung – und die Dinge änderten sich. Ich stieß auf ein Bloggernetzwerk, das sich Fatosphere nennt, und lernte Projekte wie Health at Every Size, Fat Acceptance und The Adipositivity Project kennen. All diese Blogger und Aktivisten brachten einem bei, sich selbst und seine Größe auf eine ganz neue Art zu sehen. Und allmählich wandelte sich auch meine eigene Selbstwahrnehmung. Ich begann meinen eigenen Blog, der sich mit der Rolle der Kleidergröße in der Unterhaltungsindustrie beschäftigt. Das gab mir die Möglichkeit über die meist sehr frustrierenden – und manchmal auch wirklich aufregenden – Erfahrungen zu sprechen, die ich als Plussize-Frau, die zudem beim Fernsehen arbeitet, gemacht habe. Und in mir regte sich ein neuer Traum: Ich wollte unbedingt eine Hauptrolle spielen, bei der es nicht auf die Kleidergröße ankam. Gesagt getan – Ich schnappte mir die Rolle in Love on the Run.
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Als mich meine Agentin anrief, um mir das Vorsprechen zu bestätigen, stockte mir der Atem. Der Film ist eine düstere, verschrobene, romantische Komödie, in der ich die selbstbewusste, quirlige und liebenswürdige „Franny” spielen sollte. Die Geschichte klingt ein bisschen wie eine verquere Version von Aschenputtel: Franny ist eine unverbesserliche Optimistin, die sich rührend um ihre Familie kümmert. Als sie von einem Bankräuber als Geisel genommen wird, verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn. Verbrecher oder nicht, Franny glaubt an Wunder und die ganz große Liebe. Davon bringt sie niemand ab. Sie ist liebenswürdig! Sie ist fröhlich! Sie wiegt 115 Kilo!

Franny ist selbstbeherrscht, sich ihrer Sexualität bewusst und romantisch. Ich wollte diese Rolle unbedingt. Und innerhalb eines Monats saß ich tatsächlich mit meinen Kollegen Frances Fisher, Annaleigh Ashford und Steve Howey, der meinen männlichen Gegenpart spielte, zusammen.

Es war wirklich bemerkenswert, wie unwichtig meine Körpergröße bei den Dreharbeiten war. In dem 90-seitigen Drehbuch gab es nur sehr wenige Anmerkungen zu Frannys Körper. Am erstaunlichsten war, dass Franny selbst keinen einzigen abfälligen Kommentar über sich verlor. Sie war das Vorbild, das ich werden wollte – das Vorbild, das ich so dringend gebraucht hatte, als ich jünger gewesen war. Ich genoss es wirklich diese Rolle zu spielen und fühlte mich am Set endlich angenommen und respektiert. Meine Körper stand mir nicht länger im Weg.

Dann kam der Dreh der Sexszene und all meine neuerlangte Selbstsicherheit ging baden. Am Tag des Drehs stand ich unter der Dusche, schloss die Augen und hoffte ganz woanders zu sein, wenn ich sie wieder öffnete – egal wo, nur nicht splitterfasernackt vor einer Kamera. Ich hatte schon einmal nackt gedreht, aber niemals eine Sexszene. Bei dem Gedanken daran, als ein Objekt der Begierde dargestellt zu werden, fühlte ich mich einfach nicht wohl.
Photo: Courtesy of Jen Ponton.
Die verunsicherte 12-Jährige in mir übernahm die Führung und war sich sicher, dass es sich um eine Falle handeln musste. Wie damals beim Schulball als die Jungs miteinander wetteten, dass niemand mit mir tanzen würde. Es ist einfach undenkbar, dass diese Leute dich nackt und beim Sex sehen wollen, flüsterte die unbeholfene Siebtklässlerin mir zu. Das ist alles nur ein großer Witz.

Mein Co-Star Steve saß unbeeindruckt neben mir, während ich versuchte in meinem flauschigen, violetten Bademantel zu versinken und einfach zu verschwinden. Der Regisseur bot mir scherzhaft ein Beruhigungsmittel an (und ich überlegt kurz sein Angebot anzunehmen). Seine Assistentin Niki bat mich freundlich ans Set, streichelte mir über den Rücken und sagte mir, dass alles gut gehen würde. Als wir in die Kulisse traten, die einem Motelzimmer nachempfunden war, zog ich den Bademantel enger um mich. Meine Finger waren eiskalt und ich fror in der hautfarbenen Unterwäsche, die ich trug. Steve scherzte, dass er beim Dreh zu Shameless schon viel Schlimmeres erlebt hatte (gleich in der ersten Folge, war er vollkommen nackt zu sehen). Er legte sich mit seinen Cowboystiefeln aufs Bett und ein Produktionsassistent bedeckte seinen Schritt mit einigen gefalteten Handtücher. Jeder in dem Raum hätte nicht liebenswürdiger und zuvorkommender sein können – aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mich hier und jetzt vollkommen zu entblößen: Nicht nur meinen Körper, ich entblößte auch meine Verletzlichkeit und Sexualität.

Unsere Produzentin Amy nahm mich zur Seite und sagte: „Du weißt, das ist kein Scherz, Herzchen? Das hier ist sehr wichtig und du wirst einfach wunderschön aussehen. Ich verspreche es dir.“

Ich drehte mich zum Bett und schluckte schwer. In der Szene war Franny oben – ein starkes Statement. Sex kann sich für Plussize-Frauen zwar in allen möglichen Positionen gut anfühlen, die Vorstellung oben zu sein löst bei vielen aber gewisse Ängste aus: Was, wenn ich ihm wehtue? Will er meinen Körper wirklich so sehen? In meinem realen Leben machte ich mir darüber längst keine Gedanken mehr. In dem Moment, in dem aber ein Schauspieler dafür bezahlt wurde so zu tun, als habe er Sex mit mir, tat ich das aber durchaus.

Ich rief mit Amys Worte ins Gedächtnis, als ich mich auf den Stapel Handtücher setzte, der Steve und mich trennte. Dann ließ der Kameramann das Licht dimmen. Ich verharrte angespannt und suchte nach Anzeichen von Unbehagen in Steves Gesicht. Aber er sah ganz entspannt aus. Ich quasselte nervöses Zeug über Nippelkleber, bis der Regisseur schließlich „Action!“ rief.

Ich nahm allen Mut in mir zusammen und begann zu spielen. Während ich mich bewegte, versuchte ich die ängstliche Stimme in meinem Kopf loszuwerden und rief mir die Frau in Gedächtnis, die ich war, wenn ich nicht vor der Kamera stand. Ich dachte daran, wie ich mich sonst beim Sex bewegte, welche Geräusche ich machte. Ich erinnerte mich selbst daran, dass ich jegliche Scham über meinen Körper aus meine eigenen Schlafzimmer längst verbannt hatte und ihn stattdessen wertschätzte, genoss und verehrte. Ich sagte mir, wenn ich schon zu feige war das hier für mich selbst zu tun, dann musste ich es zumindest für all die anderen Plussize-Frauen tun, denen man beigebracht hatte, dass sie nicht sexy und begehrt waren. Schließlich stieß mein Mund ein zaghaftes Stöhnen aus.

Je länger wir drehten, desto geräuschvoller wurde ich, variierte in der Lautstärke und Stimmlage. Wenn mich etwas in diesem Moment wirklich anturnte, dann war es mein eigenes Selbstbewusstsein, das immer weiter wuchs. Mir wurde klar, dass ich die Szene ich trotz all meiner Ängste meisterte. Ich wurde immer selbstsicherer und bewegte mich in fließenden Bewegungen vor und zurück. Ich fühlte, wie sich Steve unter mir entspannte und mir wurde plötzlich bewusst, dass ich die Führung übernommen hatte. Ich hatte die Macht, sowohl als Franny, die sich Befriedigung verschaffte, als auch als Jen, die Hauptdarstellerin, die das Sagen hatte, die das Tempo vorgab, die die Kontrolle hatte.

Die Szene gipfelte in erschöpften Atemzügen und Seufzern und der Regisseur rief „Cut!“ Ich spürte wie Adrenalin und Stolz mit durchströmten. Jemand reichte mir einen Bademantel, doch ich hatte es plötzlich gar nicht mehr so eilig, mich zu bedecken. Sollten wir einen weiteren Versuch brauchen, wäre ich sofort bereit, wieder in die Federn zu hüpfen – gar kein Problem. Nachdem die Szene im Kasten war, war ich plötzlich eine ganz andere Person. So beängstigend das Ganze anfangs auch gewesen sein mag, in dem ich die Sache durchgezogen hatte, habe ich mir selbst so viel bewiesen. Ich habe meine starke Seite entdeckt und ihr Leben eingehaucht, mit all ihren weichen Rundungen. Ich habe ihr erlaubt, den Raum einzunehmen, ohne mich dafür zu schämen oder zu entschuldigen.

Meine Heldin.
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