Eine Lobrede auf die Empathie

Das Wort Empathie erscheint wie ein neues Trendwort. In verschiedensten Kontexten flattert es immer häufiger über die Bildschirme. Was genau aber ist Empathie?

Empathie unterscheidet sich von Begriffen wie „Mitfühlen“ oder „Zuhören“ insofern, dass sie in ihrer Komplexität den Inhalt dieser beiden Begriffe noch übersteigt. Empathisch zu sein bedeutet, in der Lage dazu zu sein, die Gefühle, Stimmungen oder Gedanken anderer Personen zu erkennen, anzuerkennen und nachvollziehen zu können. So verfolgt die Empathie, wenn man es einmal pragmatisch betrachten möchte, im besten Fall eine Kausalkette vom eigenen Spüren der Regungen einer anderen Person bis zum Verstehen eben dieser. Offensichtlich muss ein solches Verständnis irgendwie in uns selbst begründet liegen: Erst die Fähigkeit, ein Gefühl zu erkennen und sich sogar hineinversetzen zu können, kann jemandem die Möglichkeit geben, eine*n andere*n nachvollziehen zu können. So gibt die Offenheit uns selbst und unseren Emotionen gegenüber, die Fähigkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, einen Zugang zur Empathie gegenüber anderen.

Wenn Empathie sich in ihrer Definition also von Mitfühlen und Zuhören unterscheidet, sind beide dennoch wichtige Bestandteile empathischen Verhaltens. Denn im besten Fall folgt auf ein empathisches Verständnis die praktische Unterstützung für eine andere Person. Doch auch hier gibt es Feinheiten, die es zu sehen gilt, wenn man vom empathischen Versuch nicht schnell in kontraproduktive Phrasen hinüberschwappen möchte. Diese Details der Kommunikation im Kontext der Empathie stellt Dr. Brené Brown in einem noch dazu liebevoll animierten Video sehr deutlich heraus. So beschreibt sie als eine essentielle Handlung im empathischen Verhalten das Zurückhalten des eigenen Urteils über die geschilderte, meist emotionale Perspektive der anderen Person. Dr. Brown bemerkt dazu auch: Gar nicht so leicht, denn wie schnell ist man geneigt, ein „Ich finde aber nicht, dass ..“ über die Lippen zu bringen und zu übersehen, dass es in diesem Moment weniger um ein rationales Urteilen über eine Situation gilt als viel mehr darum, sie als eine wahre und reelle, momentane Welt der anderen Person anzuerkennen und zu versuchen, diese Perspektive einzunehmen. Statt ein träges und leicht zugängliches Urteil auszusprechen, das meistens, wenn wir mal wirklich darüber nachdenken, eher dem Wunsch entspringt, uns selbst Ausdruck zu verschaffen, steckt man dieses Bedürfnis in der Empathie für den Moment zurück. Ein „Ich verstehe dich. Du bist damit nicht alleine.“ kann manchmal schon unglaublich hilfreich für eine Person in Kummer bedeuten.

Dieser Ansatz ist es, der die Empathie so essentiell macht und vielleicht auch der Grund dafür, dass sie uns in Zeiten, in denen politische Umbrüche sich gegenseitig anstoßen wie Dominosteine und Themen wie (Anti-)Sexismus und Diskriminierung bestimmter Ethnien, Religionsgemeinschaften oder LGBTQIA-People destruktiv beeinflussen, zumindest theoretisch häufig begegnet. Denn Empathie ist für eine wechselseitige Unterstützung in Freundschaften und romantischen Beziehungen wichtig, genauso aber auch für weitgreifend gesellschaftliche Kontexte. Wenn es Menschen, die unterschiedlich leben, glauben oder lieben, gelingen kann, diese verschiedenen Perspektiven als wahr anzuerkennen und sogar zu versuchen, sie nachzuempfinden, beispielweise Gefühle der Ausgrenzung und Angst, können Gewalt und Ignoranz vermindert und Solidarität geschaffen werden. Angefangen beim eigenen Ich kann Empathie Verbindungen bringen zu tausend anderen.
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