Feminismus jetzt! Ich bin ein Sugarbabe und nehme mir, was ich möchte

Feminismus – ein Begriff, den wir in den letzten Jahren immer mehr entstaubt und von Vorurteilen befreit haben. Fort ist das alternative Gewand von klischeehafter Öko-Kleidung, weg sind die Achselhaare und flachen Schuhe aus Filz. Wer heute feministisch handelt, für Frauen einsteht, Frauen groß und stark macht und einfach das tut, wonach ihm/ihr ist, der kann alles sein: Weiblich, männlich, androgyn, kurvig, sexy, geschminkt, aufreizend, burschikos, monogam, polyamor, homo-, hetero- oder sapiosexuell – völlig egal. Der Feminismus von heute erlaubt frau zu tun und zu lassen, was sie will. Auch wenn, die Wege mitunter seltsam anmuten. Wie zum Beispiel bei Cynthia*.
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Tabeja Ivana Ćubelić
Wenn man der 24-Jährigen gegenübertritt, sieht man eine überdurchschnittlich attraktive, starke Frau. Ihre Hände sind weich, der Händedruck jedoch fest; unter den künstlichen Wimpern fixiert sie selbstbewusst die Augen ihres Gegenübers, die perfekt geschminkten Lippen sind zu einem breiten Lächeln verzogen. „Cynthia“, sagt sie mit einer angenehm samtigen Stimme und streicht sich ihre gelockten Extensions über die Schulter. Wir setzen uns in ein Restaurant in Mitte und bestellen einen Tee. Ich fühle mich ziemlich unweiblich gegen dieses Bild von Frau. Cynthia ist das, was man eine echte Powerfrau nennt. Groß, ein wenig kurvig, mit einer gleichzeitig ruhigen, warmen und verdammt verführerischen Ausstrahlung. Wenn sie lächelt, lächelt alles in ihrem Gesicht mit. Sie zeigt makellos weiße Zähne und ihre Locken wippen. Ihr Lachen ist ein bisschen glucksend, es verrät, dass Cynthia jünger ist, als man auf dem ersten Blick denkt.

Bei einer Sugarbabe-Sugardad-Beziehung geht es für die Männer vor allem darum, Zeit mit einer jüngeren, attraktiven Frau zu verbringen. Im Gegenzug dafür bekommt sie Geschenke, Kleidung, ein Taschengeld. Sex spielt dabei – zumindest für mich – keine Rolle.

Cynthia, Sugarbabe
Sie ist ausgebildete Kosmetikerin, das sieht man ihr auch an. Sie ist bis ins kleinste Detail gepflegt und gestylt; es gibt Menschen, die würden sie als künstlich beschreiben, aber aus dieser perfekten, einnehmenden Schale strahlt echte Warmherzigkeit. Tagsüber leitet Cynthia die Kosmetikabteilung einer großen Einzelhandelskette, in ihrer Freizeit hat sie einen zweiten Job. Aus Cynthia der Kosmetikerin wird dann Cynthia, das Sugarbabe. „Über mysugardaddy.eu kontaktieren mich sogenannte Sugardaddys, Männer, die deutlich älter und sehr wohlhabend sind und einem Sugarbabe wie mir finanzielle und materielle Zuwendungen zukommen lassen im Austausch für meine Zeit“, beschreibt die Wahlberlinerin ihre Nebentätigkeit.
Ich habe von Sugarbabes gehört, aber nie so richtig den Unterschied zum Escort verstanden. Sie wird nicht müde ihn zu erklären. „Eine Escortdame wird gebucht, der Mann zahlt einen Stundenlohn für ihre Zeit und dazu gehört in praktisch jedem Fall auch körperliche Zuwendung und Sexualität“, erklärt Cynthia. „Bei einer Sugarbabe-Sugardad-Beziehung geht es für die Männer vor allem darum, Zeit mit einer jüngeren, attraktiven Frau zu verbringen. Shoppen gehen, sie ins Restaurant auszuführen, in die Oper, für ein Wochenende zum Wellness. Im Gegenzug dafür bekommt sie Geschenke, Kleidung, ein Taschengeld. Sex spielt dabei – zumindest für mich – keine Rolle.“ Auf mysugardaddy.eu tummeln sich etliche Frauen, die genau diese Zuwendung suchen – viele aber noch mehr.
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Von ihren Kunden weiß Cynthia, dass ein großer Prozentsatz dieser Frauen professionell als Prostituierte arbeitet. „Teilweise sprechen die Frauen kaum deutsch, die Kommunikation im Vorhinein läuft über einen Mittler, der die Mädels dann zu den Dates schickt.“ Doch das ist nicht, was der gemeine Sugardad will. Cynthia hingegen kommt gut bei den Sugardaddys an. Vielleicht, weil ihr Profil anders ist, als das der anderen Frauen auf der Website. Von ihr gibt es keine Bikinifotos auf der Plattform, sie schreibt nicht über ihre körperlichen Vorzüge und sexuellen Vorlieben. Dafür von ihrem Abitur, ihrem Job, dass sie jemanden mit kulturellem Interesse sucht, weil Männer in ihrem Alter oft kein Interesse an Theater, Oper und Museen haben. Wenn ihr ein Mann beim Schreiben sympathisch scheint, macht die 24-jährige, die ursprünglich aus dem Süden Deutschlands kommt, ein erstes Treffen aus. Sie lässt sich abholen – „aber nie bei mir zuhause, sondern mindestens eine Straße weiter“ –und trifft sich auf neutralem Boden mit dem Mann. Bei diesem Treffen schaut sie, ob es eine Grundsympathie gibt. Wenn das der Fall ist, werden die Grenzen abgesteckt. Auch die finanziellen. „Das ist der letzte Punkt, bei dem der Mann daran erinnert werden will, dass das hier eigentlich Business ist. Ich erkläre ihm charmant, was ein Essen, ein Opernbesuch oder auch ein Tag im Museum mit mir kostet. „Ihm muss klar sein, dass meine Zeit wertvoll ist. Immerhin mache ich dafür bestimmt zwei Stunden lang zurecht. Ich schminke mich, mache meine Haare, wähle ein Outfit. Auch meine Nägel, Wimpern, meinen Körper immer in Schuss zu halten ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch teuer“, sagt Cynthia selbstbewusst.
Ich sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass ich dem Sugarbabe-Wesen, durchaus skeptisch gegenüber stehe. Männer zahlen dafür, Zeit mit einer jungen Frau zu verbringen. Wird die Frau dadurch degradiert?, frage ich mich.
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Tabeja Ivana Ćubelić
„Ich bin die dominante Instanz in einer solchen Beziehung. Ich bestimme, wo es lang geht“, sagt Cynthia. Werden mit solchen Treffen keine Erwartungen geschürt, frage ich die junge Frau. „Oh, natürlich werden sie das. Die meisten Männer sind sehr einsam. Oder arbeiten in Berlin, ihre Familie wohnt aber woanders und sie möchten etwas Gesellschaft, während sie in dieser großen, fremden Stadt sind. Es bleibt nicht aus, dass sich jemand auch körperliche Zuwendung erhofft. Oder gar Liebe“, weiß die Kosmetikerin. Ein Kunde bat sie nach einem Treffen mit aufs Hotelzimmer zu kommen, schließlich gehöre auch Sex zu einer Beziehung. „Dies jedoch ist eine Sugarbabe-Sugardaddy-Beziehung, kurz sb-sd genannt, und da bestimmen beide Parteien, wie es läuft“, hatte sie dem Kunden geantwortet. Der habe sie dann nicht wieder treffen wollen, erzählt sie mir. Ist es denn schon mal zum Geschlechtsverkehr gekommen? „Ja“, sagt Cynthia ganz offen. „Einmal. Das war weder vorher abgesprochen, noch bin ich dafür bezahlt worden. Der Mann war einfach unglaublich heiß und die Chemie hat gestimmt.“ Und jetzt? „Ist er wieder mit seiner Ex-Freundin zusammen und trifft deswegen keine Sugarbabes mehr – richtig so.“

Ich habe einen Job, den ich sehr liebe. Als Make-Up-Artist zu arbeiten macht mir unglaublichen Spaß. Nur wird dieser Job leider unfassbar schlecht bezahlt, deswegen besser ich ihn auf. Escort würde für mich dennoch nie in Frage kommen.

Cynthia, Sugarbabe
Ich verstehe zwar den Unterschied zum Escortgirl, frage mich aber, ob der Weg in den Escort nicht ziemlich kurz ist. Cynthia lacht ihr gurgelndes Lachen, sie zwinkert mir zu und ich komme mir fast ein bisschen spießig vor. „Ich habe einen Job, den ich sehr liebe. Als Make-Up-Artist zu arbeiten, macht mir unglaublichen Spaß“, erklärt sie. „Nur wird dieser Job leider unfassbar schlecht bezahlt, deswegen bessere ich mein Gehalt auf. Ein Leben als Escort würde für mich dennoch nie in Frage kommen.“ Wieso frage ich, dort ist doch vermutlich deutlich mehr Geld zu holen. „Klar“, sagt Cynthia. „Aber ich liebe Sex. Ich habe gern Sex. Und ich will nicht, dass das irgendwann einen faden Beigeschmack bekommt, wenn ich das für Geld tue. Kurzum: Ich will mir den Spaß an privatem Sex schlichtweg nicht versauen.“ Klingt logisch.
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Ich bin Dienstleister: Generell nehme ich mich komplett zurück, ich höre zu, bewundere, bestätige. Ich streichle Seelen, bemitleide Menschen und bestaune Geschichten. Über mich selbst, rede ich so gut wie nie. Treffen tut man sich mit dem Sugarbabe Cynthia, nicht mit dem Menschen dahinter.

Cynthia, Sugarbabe
Welche Männer aber haben es nötig, ein Sugarbabe zu treffen? Wer ist bereit, Geld für bloße Aufmerksamkeit zu zahlen? Viele Männer, weiß Cynthia. Einsame Männer. Männer, die fast immer viel arbeiten und extrem erfolgreich sind in ihrem Jobs. „Das sind Businesstypen, Väter, Ehemänner. Sie erfüllen ihre zugeschriebene Rolle und haben dabei die einfachste Rolle verloren: Mann zu sein. Begehrt zu werden. Ihre anderen Aufgaben einfach mal zeitweise abzulegen und nicht immer der Erwartungen ihrer Familien und Businesspartner zu entsprechen“, erklärt Cynthia. „Die meisten sind sehr intelligent, um die 50 Jahre alt, wohlhabend.“ Was sie sich selbst nicht erklären kann, ist, wie für so intelligente Männer die Grenzen so schnell verschwimmen können. „Ich persönlich vergesse nie, dass das ein Job ist. Ich lerne einen Sugardaddy kennen, setze meine Menschenkenntnis ein, um ihn einzuschätzen. Ich bin Dienstleister: Wenn er schüchtern ist, animiere ich ihn vielleicht zum Sprechen – das ist aber selten nötig. Generell nehme ich mich komplett zurück, ich höre zu, bewundere, bestätige. Ich streichle Seelen, bemitleide Menschen und bestaune Geschichten. Über mich selbst, rede ich so gut wie nie. Treffen tut man sich mit dem Sugarbabe Cynthia, nicht mit dem Menschen dahinter.“ Dass die Männer oft nach dem ersten Treffen ignorieren, dass diese Frau sich nur mit ihnen trifft, weil sie Geld dafür ausgeben, bleibt mir ein Rätsel.
Cynthia sagt, sie werde oft angestarrt, wenn sie mit den deutlich älteren und oft unattraktiven Männern durch die Stadt laufe. Das mache die Männer stolz, weil sie sich einreden, man gucke nach dieser jungen, hübschen Frau, mit der sie sich zeigen. „Dabei schauen diese Menschen, weil sie genau begreifen, was hier Sache ist“, sagt sie. „Das wollen meine Kunden aber nicht wahrhaben. Genauso wie sie nicht wahrhaben wollen, dass das für mich ein Job ist.“ Einer, der ordentlich Zeit frisst. Parallel trifft sich die 24-jährige meist mit vier Männern. Und diese wollen ständigen Kontakt. Ein Guten Morgen hier, eine gute Nacht da. „Der Mann möchte die Aufmerksamkeit durchgängig. Er will das Gefühl haben, begehrt zu werden.“
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Auch ein Urlaub oder ein Wochenendtrip ist nicht ausgeschlossen zwischen Sugarbabe und Sugardaddy. Doch entgegen vieler Annahmen kommen sich beide Parteien auch da nicht näher als sonst. „Das wird alles im Vorhinein geregelt. Getrennte Zimmer, unterschiedliche Schedules. Die Zeit, die man gemeinsam verbringt, wird vorbestimmt und festgelegt, den Rest des Tages hat das Sugarbabe für sich und geht ganz allein ihren Interessen nach.“

Es gibt sicher Menschen, die hinter meinem Rücken lästern und meinen, das sei Prostitution. Mindestens genauso viele unterstützen mich hundert Prozent – weil ich eine Frau bin und mir nehme was ich will. Das ist für mich Feminismus.

Cynthia, Sugarbabe
Schlechte Erfahrungen? Klar, hier und da wird es schon mal seltsam. „Einmal hat mich jemand abholen lassen und in einen Vorort fahren lassen, nur damit ich dort mit ihm einen Wein trinke und zwei Stunden vor dem Fernsehen sitze und einen Film schaue“, erzählt Cynthia lachend. „Generell findet man viele der Männer gruselig. Und irgendwie tun sie einem auch Leid: Wie einsam muss man sein, um dafür Geld auszugeben?“ Geld, das Cynthia jedoch gut gebrauchen kann. Erst hat sie damit Bafög abgezahlt. Nun sieht sie es als Taschengeld. „Ich liebe die Oper, Museen, das Theater – und finde dafür nur selten die richtige Begleitung. Ich freue mich auch über jedes Glas Champagner oder eine Fahrt im Jaguar – das wäre mit dem Gehalt aus meinen normalen Job einfach nicht drin.“ Sie geht offen mit ihrer Nebentätigkeit um. Freunde wissen es, viele Kollegen auch. Ihre Eltern nicht, die leben auf dem Land und würden es nicht verstehen. Auch ihre Vorgesetzten müssen davon nichts erfahren, daher die Namensänderung. Die Reaktionen sind unterschiedlich. „Es gibt sicher welche, die hinter meinem Rücken lästern und meinen, das sei Prostitution. Mindestens genauso viele unterstützen mich – weil ich eine Frau bin und mir nehme, was ich will. Das ist für mich Feminismus", sagt Cynthia. Das ist auch, was ich aus unserem Gespräch mitnehme – trotz aller Skepsis. Vor mir sitzt eine emanzipierte junge Frau. Eine, die weiß, was sie will – und noch wichtiger, weiß, was sie nicht will. Im 21. Jahrhundert dürfen auch wir tun und lassen was wir wollen – das ist unsere Art von Feminismus. Und nach dem Gespräch mit dem charmanten Sugarbabe Cynthia fühlt sich das noch richtiger an, als sowieso schon. Für mich persönlich wäre dieser ganz spezielle Nebenjob nichts. Aber es ist schön, dass Frauen so etwas heute tun können und sich dafür nicht mehr schämen. #femaleempowerment
*Name von der Redaktion geändert.
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