DirtyThirty: Keine Angst vor der 30 – sie ist ein Grund zum Feiern

30. Uff. Als ich ein Teenager war, dachte ich, dass 30-jährige jeden Tag ins Büro gehen, abends heim kommen und sich dann um ihre Kinder kümmern. Kinder, die sie dann schon haben. Weil sie eben schon uralt sind. Jemand, der 30 ist, trug in meiner Vorstellung seriöse aber unmodische Kleidung und einen konventionellen Haarschnitt. 30-jährige waren für mich seriös, erwachsen, ernsthaft. Alles andere als cool und bewundernswert.
Jetzt bin ich 30. Ich habe einen tollen Freund, der 24 ist, und mit dem ich vieles teile – auch die Leidenschaft fürs selbstständig sein, eben nicht jeden Tag um neun ins Büro zu gehen und Mode zu tragen, die mir gefällt, egal ob andere sie für unkonventionell halten. Ich trage auch Kappen, Jeans und Sneakers. Ich bin tätowiert und ich plane nicht damit in naher Zukunft aufzuhören. Vor allem aber hatte ich nie Angst 30 zu werden. Ich habe nicht gedacht, Mensch, scheisse, mein Leben ist vorbei. Ich muss mich zur Ruhe setzen. Ab sofort werde ich jedes Jahr 29. Bitte erzählt nicht rum, dass ich jetzt eine 3 vorne trage. Pah! Ganz im Gegenteil: Ich habe mir gedacht endlich ein runder Geburtstag. Ein Anlass zum Feiern. Ein Grund es sich einmal mehr richtig gut gehen zu lassen. Und wo geht das besser, als in einem fremden Land mit ein bisschen Luxus hier und ein wenig Prickler im Glas da?
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Marvin Schoenberg
Marvin Schoenberg
Meinen 30. Geburtstag habe ich im wunderschönen Sambia in Afrika verbracht. Direkt am Sambesi River, dem viertlängsten Fluß Afrikas, findet man die Tongabezi Lodge. Hier ist nicht nur alles geschmackvoll eingerichtet und traumhaft schön, sondern man legt auch Wert aufs Detail. Dazu gehörte auch, dass die Angestellten mir eine kleine Torte gebacken haben und mir nahezu professionell gemeinsam ein Ständchen trällerten. Nachdem herauskam, dass dies mein 30. war, fragte man mich recht direkt, ob ich denn verheiratet sei – was ein müdes Lachen von mir und meinem Freund zur Folge hatte. Diese Frage ist uns in Afrika immer wieder begegnet: Andere Länder, andere Sitten meint man – und ja, auf dem afrikanischen Kontinent heiraten die Menschen meist früher als in Europa. Dennoch: Diese Frage war nicht neu für meine Ohren. Sie wäre auch adäquat durch „Wow, und wann willst du endlich Kinder bekommen?“, „Willst du überhaupt Kinder bekommen?“, „Uh, 30, schon Angst?“ und Aussagen wie „Mensch, dann wirst du jetzt halt ab sofort nicht mehr älter“ und „Das ist nur eine Zahl“ begleitet von einem allwissenden Augenzwinkern zu ersetzen – und nein, nicht nur in Afrika, sondern auch zuhause, im „modernen“ Deutschland. Es scheint, als fühle sich nahezu jeder befugt, mir die intimsten aller Fragen zu stellen, weil ich ja nun 30 bin. Und mindestens genauso viele Menschen gehen davon aus, dass man Probleme mit der 3 vorne hat. What the hell?! Ich habe keine Angst gehabt vor der 30. Jetzt ist sie da und ich habe sie noch immer nicht. Ich bin so erwachsen, dass ich entscheiden kann, was ich will und was eben nicht. Und dazu gehört auch, dass ich entscheiden kann, wie viel Kind noch in meinem Alltag Teil von mir ist. Und wisst ihr was? Ich kann in meinem Job und Privatleben Dinge entscheiden, die einen echten Einfluss auf mein Leben haben – das konnte ich mit 25 vielleicht auch, aber lange nicht so durchdacht, weil mir einfach ein wenig die Erfahrung fehlte. Auf der anderen Seite kann ich morgens im Bett Pizza frühstücken, sonntags spontan auf einen Rave gehen und wenn ich will, alle Süßigkeiten auf die ich Bock habe auf einmal kaufen, weil ich erwachsen bin.
Marvin Schoenberg
Ich bin in vielerlei Hinsicht straighter geworden. Ich brauche zum Beispiel nicht mehr dieses ewige Date-Rumgepimmel und das Schreib-ich-zuerst-oder-er-Spiel: Wenn ich nur Sex will, nehme ich mir den und wenn ich mich verliebe, dann kann ich eine Beziehung haben – egal wer das uncool und altmodisch findet. Apropos Sex: Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Frauen ab 30 besseren Sex haben, als in den Jahren zuvor. Wieso das so ist? Der Testosteronspiegel steigt an, die Östrogene sinken, wir werden dominanter, wissen besser und genauer, was wir wollen, und sagen das eben auch.
Mit Anfang zwanzig bin ich noch so ein bisschen herum geschlittert und wusste nicht, was genau ich will. Heute, mit 30, weiß ich nicht nur was ich will, sondern auch wer ich bin. Und diesen jemanden finde ich ziemlich gut – weil ich heute einfach mehr mit mir im Reinen bin. Wieso sich also an seinem tollen, runden Geburtstag zurück ziehen und die Fensterläden zu machen? Abgesehen davon, dass ich sowieso Fan davon bin, Feste zu feiern, wie sie fallen; ist doch gerade die 30 ein wirklich schöner Grund.
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Viele Frauen haben heute mit 30 viel erreicht, so viel, dass sie an dem Punkt sind, ihr Leben als perfekt zu bezeichnen. Eine tolle Position im Job, eine ordentliche Portion Selbstliebe, ein Kind oder vielleicht eben auch keins.

In Sambia hat die Frage der Angestellten mich nicht nur lachen, sondern auch nachdenken lassen, wieso vor allem Frauen immer wieder eingeredet wird, die 30 sei ein Problem. Auf unserer wunderschönen Terrasse am Fluss habe ich ein Gläschen Graham Beck Brut getrunken und auf die badenden Nilpferde geblickt, die mit ihren Jungen herum planschten.
Maren Merken
Ist es die biologische Uhr, die für uns Frauen Kriterium ist, dass es ab der 30 bergab geht? Es sei dahingestellt, dass es genug Frauen gibt, die vielleicht gar keine Kinder wollen und vielleicht gibt es auch solche, die aufgrund des gesellschaftlichen Druckes ein bisschen Panik bekommen. Es gibt aber auch Frauen die Kinder erst Mitte 30 bekommen – und zwar nicht weil sie müssen, sondern weil sie es wollen. Weil es auch toll ist mit 30 seinen Mittelpunkt zu finden und sich dessen sicher zu sein – egal, ob es ein Kind oder ein toller Job ist. Viele Frauen haben heute mit 30 viel erreicht, so viel, dass sie an dem Punkt sind, ihr Leben als perfekt zu bezeichnen. Eine tolle Position im Job, eine ordentliche Portion Selbstliebe, ein Kind oder vielleicht eben auch keins. Aber definitiv keinen konventionellen Haarschnitt, keine unmoderne Kleidung, nicht zu seriös und erst recht nicht öde.
Marvin Schoenberg
Jede Frauenzeitung, die Menschen einredet, mit 30 fange der Ernst des Lebens an, die schönste Zeit seit vorbei und es ginge nur noch bergab, was soll das? Das ist einzig und allein Panik machen, Angst schüren, Druck aufbauen – und all diese Dinge haben nicht zu suchen in unseren schönsten Jahren. Komischerweise gibt es viele ältere Frauen und mit älter meine ich so um die 60, die heute, wenn sie mein Alter hören, sagen, das sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen. Man hätte gewusst was man will und war sich selbst so viel Wert, das auch durchzusetzen. Und genauso fühle ich mich gerade: Ich finde es brilliant eine starke Frau zu sein und ich lache herzlich über dumme Witze betreffend meines Alters. Wieso? Weil ich es feiere. Punkt. Die 30 ist ab sofort meine neue Glückszahl. Und deswegen gibt es hier ab sofort auch eine #dirtythirty Kolumne. Eine in der es nicht darum geht, sich selbst zu bemitleiden und dem Anfang vom Ende ins Auge zu blicken, sondern seinen lebensbejahenden Blick auf Dinge dieser Welt zu vermitteln. Sicher, es wird auch mal ernst. Auch mit der fabulösen 3 vorn wird man mal ein wenig an Dingen zweifeln oder Vorfälle betrauern. Vor allem aber soll es darum gehen, uns Menschen zu ermutigen. Stay tuned!
Marvin Schoenberg
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