Können Tattoos dabei helfen, den eigenen Körper zu lieben? Wir haben 7 Frauen gefragt

„Meine Eltern sind super altmodisch, wenn es um Tätowierungen geht. Auch wenn ihre Generation manchmal die Kultur der jüngeren Generationen versteht, denken sie immer noch, dass es einem das Leben schwer macht, wenn man tätowiert ist – eben so, wie es war, als sie selbst jünger waren. Aber ehrlicherweise stimmt das nicht.”
Das ist es, was Asha mir erzählt, als wir anfangen, über ihre Tattoos zu sprechen. Sie ist eine der Frauen, die in diesem Stück gezeigt werden – und sie hat mit ihren Aussagen recht. Mehr Menschen denn je zuvor haben Tattoos. Etwa jede*r Vierte der 16- bis 29-jährigen ist in Deutschland tätowiert, Tendenz steigend. Und klar mag es für uns heute schwerer sein, an Jobs zu kommen, aber die Schuld dafür liegt wohl eher an der Rezession, als an Tattoos.
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In den letzten Jahren waren die kulturellen Beweggründe hinter der Entscheidung, sich tätowieren zu lassen, weniger vorherrschend und seit man auch keine Angst mehr haben muss, keine Anstellung wegen der Tätowierungen zu bekommen, ist pure Freude an der permanenten Körperverzierung genau das, was übrig bleibt – ob die Motivation dahinter bedeutungsschwer, impulsiv oder kreativ ist, spielt keine Rolle.
Um diese neue Ära der tätowierten Freiheit zu feiern – und inspiriert von diesem Tweet – haben wir uns dazu entschlossen, mit sieben Frauen genau darüber zu sprechen, wieso sie sich haben tätowieren lassen. Denn auch wenn wir jetzt mitten in der goldenen Ära der Tätowierungen stecken, so stehen die Körper von Frauen doch immer noch unter kultureller Beobachtung. Wir werden immer noch dazu ermutigt, permanente Veränderungen an unserem Körper der allgemeinen Vorstellung des Frauseins anzupassen – Gewicht zu verlieren, „ungewollte” Haare zu entfernen und Makel zu korrigieren –, aber permanente Veränderungen außerhalb dieser Parameter sind dann doch irgendwie zu permanent und werden deshalb als unfeminin erachtet.
Sich tätowieren zu lassen ist eine dieser permanenten Veränderungen, die Frauen an ihren Körpern vornehmen und worüber sie vollkommen selbst entscheiden können – unabhängig von vorausgesetzten Vorstellungen davon, was es „bedeutet”, eine Frau zu sein. Und das ist etwas, was man feiern muss.
Christine studiert Kunstgeschichte und ist nebenbei Künstlerin und Autorin
Jedes meiner Tattoos wurde spontan gestochen, ich habe noch nie ein Tattoo mehr als eine Woche vorab geplant. Das erste, das ich je habe machen lassen, war als ich 15 Jahr alt war – ich hatte einen gefälschten Ausweis, den mir mein Cousin besorgt hat, und habe mich auf den Rippen stechen lassen. Es war als Erinnerung an meinen Vater gedacht, der einige Jahre zuvor verstorben war. Wenn man 15 ist, hat man nicht wirklich die Kontrolle über irgendwas, was passiert, und ich hatte das Gefühl, dass alles in meinem Leben irgendwie schief lief. Seitdem ich das Tattoo habe, hat sich das gebessert.
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Manchmal kann meine Beziehung zu meinen Tattoos schwierig sein. Wenn mein Körperbewusstsein schwach ist, schaue ich sie an und denke mir „oh Gott, was hast du getan?” Es ist als wären sie schon immer Teil von mir und meiner Haut gewesen. Wenn mein Körperbewusstsein also gut ist, bin ich happy über meine Tattoos und will, dass man sie sieht. Es ist ein fließender Übergang der Emotionen.
Photographed by Flora Maclean.
Meine ersten zehn Tattoos waren alle auf meinem Rücken oder meinen Rippen und eines auf meinem Knöchel – Stellen, die man einfach verstecken kann und die man sonst nicht unbedingt sieht. Ich war wirklich gehemmt, mich auf den Armen tätowieren zu lassen, denn wenn ich dann wollen würde, dass man sie sieht, würde man zwangsläufig auch meine Arme sehen und ich mag meine Arme nicht wirklich. Das erste Tattoo, das ich auf meinen Armen stechen ließ, war eigentlich dafür da, Wachstumsstreifen und Narben, die ich mir selbst zugefügt hatte, zu überdecken. Ich dachte mir ich würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Das Tattoo würde die Narben verdecken und die Menschen würden mehr darauf achten als auf die Narben und Streifen. Es ist eine langsame Entwicklung und ich hoffe, dass ich irgendwann an den Punkt komme, an dem ich das Tattoo wirklich lieben kann, aber das kommt und geht.
Ich habe wirklich sehr versucht, überhaupt nicht an meinen Körper zu denken. Für mich war es einfach ein Anzug aus Fleisch, den ich brauchte, um durch das Leben zu kommen. Aber seitdem ich tätowiert bin, bin ich sehr stolz darauf, Kunst und Bilder gefunden zu haben, die ich so sehr mag, dass ich sie permanent auf mir haben will. Ich habe eine bewusste Entscheidung getroffen, dass ich eine Leinwand sein möchte. Daran denke ich oft, wenn ich umher laufe, besonders im Sommer, wenn ich leichter bekleidet bin und man mehr meiner Tattoos sieht. Daran denke ich auch, wenn ich andere Menschen mit vielen Tattoos sehe – dabei ist es egal, was genau sie gestochen haben. Wenn ich andere Menschen mit Tätowierungen sehe, denke ich unterbewusst sofort: „Oh, wir sind Freunde!”
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Bethany ist Social Media-Redakteurin bei der Plus-Size-Modemarke navabi und leitet den Podcast Hello Friend
Ich habe 13 Tattoos und zwei davon werden oft von Leuten kommentiert. Das eine ist ein Doughnut. Ich habe es mir im Winter 2013 stechen lassen, als ich mich dick fühlte und davon auch nicht abkommen konnte. Ich wollte ein albernes Tattoo haben, mit dem ich mich selbst dafür feiern wollte, dass ich total zufrieden mit meinem Körper war. Es ist ziemlich verspielt und zeigt, dass ich wahrscheinlich immer dick sein werde, aber so okay damit bin, dass ich das für immer auf meinem Körper zeigen will. Mein Dicksein ist das fertige Produkt, genau so wie mein dauerhaftes Tattoo.
Meine Tattoos wirken auch wie ein Schutzschild in Situationen, in denen ich mich verletzlich fühle. Wenn ich Bademode trage, sieht man sie am meisten und genau das sind die Momente, in denen ich mich am gehemmtesten fühle, wenn mich Menschen anschauen. Dieses Tattoo zu haben, ist eine Art von mir zu sagen ‚Ich weiß, dass ich dick bin, also hau' ab‘. Also hat es wirklich einen Nutzen! Wenn mich jemand anstarrt, weil ich dick bin und einen Bikini trage, ist das für mich ein Weg, den Blick abzuwenden.
Das andere Tattoo, das andere Menschen oft kommentieren, ist das komische Frauengesicht auf meinem Arm. Es bekommt sehr viel positive Aufmerksamkeit, weil es so sichtbar ist. Ein Grund, wieso ich es so liebe, ist, weil Leute es anschauen und mich fragen, was es bedeutet, dabei bedeutet es gar nichts! Es ist einfach ein cooles Bild. So gehe ich mit Tattoos um. Sie müssen einfach gut aussehen und tiefere Bedeutungen interessieren mich nicht wirklich. Ich habe wortwörtlich eine Garnele auf meinem Arm. Das bedeutet nichts, Garnelen sehen einfach cool aus. Und ich glaube, das ist auch total okay. Die Beziehung, die ich zu meinem Körper und meinen Tattoos habe, ist völlig legitim.
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Photographed by Flora Maclean.
Ich mag es lieber, wenn man meine Tattoos sieht. Es ist nicht so, dass ich absichtlich Sachen trage, um sie zu zeigen, aber wenn sie nicht sichtbar sind, denke ich oft ‚Oh, das ist aber schade!‘, weil ich finde, dass sie ein Teil von meinem Gesamteindruck sind.
Ich habe Jahre damit verbracht, meine Tattoos vor meiner Familie zu verstecken. Als sie es dann doch heraus fanden, war ich total überrascht, wie gelassen sie reagiert haben. Wenn man es herunter bricht: Was bedeutet es schon, Tattoos zu haben? Wieso sollte es irgendetwas ändern? Früher waren Tätowierungen mit so viel kultureller Signifikanz über eine Person geladen und heute ist es eher Mainstream – welchen Unterschied machen sie also wirklich? Du hast dich dadurch nicht verändert und bist auf einmal eine schreckliche Person geworden, sobald du die Tattoos hattest, wieso sollte man sich also Gedanken machen?
Asha ist eine Designerin bei Select Puma in Deutschland
Ich gebe meinen Tattoos nicht wirklich eine Bedeutung, sie sind einfach ein Teil von dem geworden, wer ich bin und wie ich mich ausdrücke. Ich neige dazu sie dann stechen zu lassen, wenn ich das Gefühl habe, etwas durchzumachen. In der heutigen Gesellschaft will jede*r allem eine Bedeutung geben, um sich selbst zu rechtfertigen, aber wem gegenüber rechtfertigt man sich? Dir gegenüber oder den anderen Menschen? Menschen verlassen sich auf die Idee von ‚Bedeutung‘ – vielleicht bist du nicht selbstsicher und solltest kein Tattoo bekommen! Das bedeutet aber nicht, dass ich keins bekommen sollte.
Ich liebes mit Künstlern zusammen zu arbeiten, die happy sind, mich zu tätowieren und lasse ihnen alle Freiheiten. Das ist es, was ich echt an Aaron mag, der meinen Hals tätowiert hat – er hat mich nie in Frage gestellt oder an mir gezweifelt. Er sagte einfach ‚Das ist geil, lass uns das machen‘. Ich liebe es mit solchen Menschen zusammen zu arbeiten, die dich einfach genau so sein lassen, wie du bist. Ich finde, das ist wirklich beeindruckend.
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Für mich ist es so, dass ich sowieso nicht für immer leben werde und meinen Körper nicht zu ernst nehme. Auch wenn andere Menschen mein Äußeres sehen, ist es nicht das, was mich ausmacht – meine Seele, meine Gedanken, mein Handeln, das bin ich und das passiert alles im Inneren, also nehme ich nicht zu ernst, was Außen passiert. Und ich verstehe nicht, wieso das andere Menschen tun sollten. Die einzigen, die das ernst nehmen sollten, sind meine Eltern, weil sie mich auf die Welt gebracht haben. Die Meinung von anderen interessiert mich nicht.
Ich bekomme viel Aufmerksamkeit. Meistens ist es eine gute Aufmerksamkeit, aber Leute schauen mich immer noch mit diesem Blick an, der sagt ‚Ich würde mir nie mein Gesicht tätowieren lassen‘. Ich glaube, Menschen sagen so etwas, weil sie selbst unsicher sind und das auf mich projizieren. Man muss mich nicht nachmachen, aber ich bin sehr glücklich darüber, mich so ausdrücken zu können, also mache ich es weiter so. Es gibt andere Sachen, die in der Welt passieren – man muss mich nicht zur Ablenkung davon anschauen und ich muss auch wirklich nicht deine Meinung zu meinen Tattoos hören. Lass mich ich selbst sein, du bist du und lenk dich nicht durch mich davon ab, was wirklich um uns herum passiert.
Ami ist die Chefredakteurin des GUT Magazins
Ich lasse mich seit zehn Jahren tätowieren. Alle Tattoos sind Teile aus Gemälden oder Radierungen der Renaissance, die einen starken Einfluss auf meine gesamte Arbeit hat. Magie und die mittelalterliche Ära inspirieren meine gesamte Arbeit und damit auch meine Tattoos. Die meisten von ihnen sind von Maxime Buchi, dem CEO von Sang Bleu, der wohl einer der besten Tattookünstler der Welt ist. Der Rest ist meistens von Ant und Sophie Rose von Sang Bleu und einige wenige von Clare und Jo von Old Habits. Ich bin wirklich stolz auf die Tattoos.
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Wenn ich eine Idee für ein Tattoo habe, stelle ich es mir automatisch auf meinen Beinen vor. Es fühlt sich so an, als wäre es auf meinen Armen ein wenig zu aggressiv oder maskulin, weil ich runder bin. Aber da mein erstes, großes Tattoo auf meinem Schenkel war, habe ich als Künstlerin den Rest ganz natürlich darum gebaut – ich finde das Arrangement der Tattoos auf dem Körper ist ebenso wichtig, wie das, was man sich tätowieren lässt. Meine Tattoos erzählen eine zusammenhängende Geschichte über meine beiden Beine hinweg. Da ist die Radierung einer Hexe aus dem 16. Jahrhundert, die ich liebe, und einige der Kreaturen und Dämonen drehen und wirbeln um sie herum, von einem Bein zum anderen und dort einmal herum. Es ist ein bisschen so, als wäre ein Bein die Hölle und das andere eher mystischen Kreaturen der See gewidmet.
Ich bin wirklich glücklicher und fühle mich mehr nach ‚mir selbst‘ mit jedem Tattoo, das ich bekomme. Ich fühle mich so, als wäre ich jedes Mal ein Stückchen näher an der Person, die ich sein möchte. Das finale Bild setzt sich immer mehr zusammen. Seitdem ich mich tätowieren lasse, passieren nur gute Dinge. Durch sie bin ich mit allem wirklich glücklicher.
Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass mich jemand behandelt, als sei ich ‚weniger wert‘, nur, weil ich tätowiert bin. Wenn überhaupt ist der Kontakt, den ich aufgrund meiner Tattoos mit anderen Menschen habe, eher positiv. Ich weiß natürlich nicht, ob sie wegen meiner Tattoos mit mir sprechen, oder sie als Ausrede nehmen, um mit mir zu sprechen. Männer rufen mir ‚tolle Tattoos‘ hinterher, auch wenn ich in Sekundenschnelle an ihnen vorbei gelaufen bin und sie die Tätowierungen gar nicht richtig hätten sehen können. Sie sagen es nur, weil Männer mittleren Alters nunmal denken, dass man stehen bleibt und mit ihnen spricht, wenn sie einem so etwas hinterher rufen. Aber weil die Tattoos nicht physisch Teil meines Körpers sind, kann ich das alles einfach ignorieren und weiter laufen – es wäre schwerer, diese Rufe zu ignorieren, wenn sie zum Beispiel etwas über meine Brüste sagen würden.
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Nichtsdestotrotz werde ich ab und an beschuldigt, die Tattoos seien ein Weg von mir, ‚Aufmerksamkeit zu bekommen‘, was ich super nervig finde. Meine Tätowierungen sind wie die knallige Farbe oder die Brillen, die die anderen tragen. Sie sind einfach eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe, nicht für die anderen.
Photographed by Flora Maclean.
Photographed by Flora Maclean.
Amnah ist die Co-Gründerin und Chefredakteurin der jährlichen Printpublikation Cause & Effect
Die Mehrzahl meiner Tätowierungen sind auf meinen Armen – das sind die, die ich später in meinem Leben bekommen habe. Die versteckteren sind die, die ich als erstes machen ließ, als ich zu viel Angst hatte, meine arabischen Familienangehörigen könnten sie sehen. Doch je älter ich wurde und je mehr ich mich für die Tattookunst interessiert habe, desto stolzer habe ich sie auf meinen Armen platziert. Ich habe mich nicht dafür geschämt, sie stechen zu lassen und hatte auch keine Angst mehr, wegen ihnen gerügt zu werden.
Seit ich 19 Jahre alt bin, war ich im ständigen Kampf mit Medikamenten. Es kam vor, dass mich Medikamente vergiftet oder mir alle möglichen schlimmen Nebenwirkungen gegeben haben. Das Triptychon auf meinem Arm ist nicht dekorativ, es ist sentimental und bedeutungsschwer. Meine Beziehung zu meiner mentalen Gesundheit ist ein großer Teil dessen, wer ich bin und ich bin froh, dass ich das Tattoo aus diesem Grund stechen ließ.
Ich liebe es, Tattoos zu bekommen. Es ist eine sehr, sehr einzigartige und angenehme Art von Schmerz, die man nur bekommt, wenn man sich tätowieren lässt und ich liebe auch den Ablauf dahinter. Wenn es fertig ist, ist es einfach ein Teil von dir. Ich habe mir den Namen meines Vaters stechen lassen, der vor etwa elf Jahren verstarb, und ich liebe das Tattoo immer noch, weil es so sentimental ist. Ich liebe das Tattoo auf meinem Dekolleté nicht weniger, das ich mir damals in Austin, Texas, habe stechen lassen, als ich total besoffen war. Alle Tätowierungen werden zu Abdrücken der verschiedenen Zeiten in deinem Leben. Ob sich diese Bedeutsamkeit der Zeit im Design ausdrückt oder nicht, es ist immer mit der Zeit verbunden, an dem du es dir hast machen lassen und das allein ist bereits bedeutend genug.
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Photographed by Flora Maclean.
Als ich anfing, Tattoos auf den Armen zu bekommen, wollte ich definitiv, dass sie jede*r sieht. Heute sehe ich meine Tattoos schon gar nicht mehr, sie könnten genau so gut auch Leberflecke sein, mit denen ich geboren wurde. Sie werden sofort zum Teil meines Körpers – auch die, die ich hasse. Ich habe keine Intention, sie wegmachen zu lassen oder wünsche mir auch nicht, dass sie nicht da wären.
Davon abgesehen wird man manchmal daran erinnert, dass man auffällt wie ein bunter Hund. Es gibt Situationen, in denen ich meine Tattoos zu meinem eigenen Wohlergehen verstecken muss. Ich komme aus dem Mittleren Osten und manchmal gehe ich auf Parties, die von Menschen geschmissen werden, die ebenfalls dort herkommen. Dann verstecke ich meine Tätowierungen, weil ich es hasse, immer und immer wieder gefragt zu werden, was sie bedeuten. Und es gibt keine Antwort – ich war einfach betrunken mit meinen Freunden in einem Hotelzimmer and wir haben beschlossen, uns zu tätowieren. Oder wir waren im Urlaub und haben massenhaft Mescal getrunken. Schlimm sind auch die weiteren Fragen wie ‚Wieso würdest du das deinem Körper antun, wenn es noch nichtmal etwas bedeutet?‘ Das ist so ermüdend. Es ist genauso wie mit meiner Herkunft aus dem Mittleren Osten: Ich bekomme ein Gefühl für die Situation und manchmal habe ich gar keine Lust, meine Kultur anderen zu erklären. Genauso ist es auch mit der Tattookultur – ich werde nicht da sitzen und dich in meiner freien Zeit aufklären.
Halina ist Fotografin und Schmuckmacherin bei The Bricks
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Ich bedecke Stück für Stück meine Beine mit Tattoos. Ich habe auch auf beiden Armen welche, auf meinem Rücken, aber meistens auf meinen Beinen. Ich sehe meine Tätowierungen als großes Ganzes an. Sie helfen mir dabei, meine eigene Identität zu kreieren und sind ein wichtiger Teil meines Selbstausdrucks.
Je mehr ich von ihnen habe, desto weniger Angst habe ich, damit weiterzumachen. Ich fühle mich freier, seitdem ich mich tätowieren lasse. Einmal habe ich mir ein Herz und einen Dolch stechen lassen und mich in der gleichen Woche noch getrennt. Es hatte davor nicht klick gemacht, aber anscheinend unterbewusst dann doch, als ich die Tattoos hatte! Ich finde es großartig, dass wir alles, was wir toll finden, auf unsere Körper tätowieren lassen können – ob das jetzt bedeutungsvoll ist oder nicht.
Photographed by Flora Maclean.
Photographed by Flora Maclean.
Meine erste Tätowierung habe ich mit 15 Jahren bekommen, was ziemlich unfassbar ist. Es ist total illegal, deshalb weiß ich auch schon gar nicht mehr, wie es eigentlich dazu kam. Es ist ein Umriss eines kleinen Sterns – ein klassisches und typisches Tattoo für die Zeit vor zehn Jahren, das auf meinen Fuß ist. Ich habe es noch nicht überstechen lassen. Ich finde, dass Menschen nichts bereuen sollten, denn in der damaligen Zeit war es genau das, was man wollte. Tattoos müssen nichts ‚bedeuten‘. Ich habe immer gute Erinnerungen an jedes einzelne von ihnen, weil ich sie zu einer bestimmten Zeit machen ließ. Die meisten von ihnen mag ich einfach nur, eines hat eine besondere Bedeutung, weil mein Freund und ich das gleiche haben, er ist Tätowierer.
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Ich mag es, die Wahl zu haben, ob ich sie zeige oder nicht. Eines von ihnen ist auf meiner Brust und ich sehe es als dauerhafte Kette, deshalb ist es irgendwie Teil meiner Kleidung. Ich hatte nie das Gefühl, mich anders anziehen zu müssen wegen meiner Tattoos. Momentan lebe ich in Brighton und ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, tätowiert sind. Deshalb fühle ich mich auch nicht merkwürdig.
Meghna ist Kunststudentin und aufstrebende Schauspielerin
Ich habe fünf Werke mit Knochen auf meinem Körper: einen Schädel auf der Hinterseite meines Beins und einige Knochenfragmente an anderen Stellen. Während all meine anderen Tattoos eine Bedeutung haben, sind die Knochen bedeutungsfrei. Ich fand sie einfach schön, weil sie Teil von mir und jedem Menschen sind, wieso sollte man sie also nicht auf der Haut zeigen? Sie fügen sich auch gut zu meinen anderen Tattoos, weil sie ziemlich klein und gute Lückenfüller sind.
Meine Großmutter ist Ärztin und wegen ihr habe ich mich für medizinische Zeichnungen interessiert – ich wäre sogar fast in die USA gezogen, um das zu studieren. Aber heutzutage ist das ein aussterbendes Gewerbe, weil alles digital gemacht wird. Seither genieße ich es einfach, Knochen zu zeichnen. Knochen gelten als eklig, aber für mich haben Skelette etwas Schönes an sich. In meinen Zeichnungen versuche ich nicht, sie zu verherrlichen, aber ich versuche etwas, das als hässlich empfunden wird, schön zu machen.
Photographed by Flora Maclean.
Anfangs habe ich mich tätowieren lassen, um Narben zu verdecken. Man kann nie wirklich sagen, dass man von einer Depression geheilt ist, aber ich bin mal durch eine sehr schwere Zeit gegangen, in der ich mich selbst verletzt habe. Meine ersten beiden Tattoos sollten Narben verdecken, die ziemlich sichtbar waren und die man mit einem Laser nicht mehr entfernen konnte. Mein Vater und ich haben uns zusammen auf Latein tätowieren lassen: ‚Per aspera ad astra‘, was so viel bedeutet wie ‚durch harte Zeiten zu den Sternen‘. Ich wollte zeigen, wie sehr ich charakterlich gewachsen war und wie sehr er mich dabei unterstützt hat – ich war damals an einem Punkt, an dem ich mich nicht mehr selbst verletzen musste und eine stärkere Person geworden war.
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Es geht aber auch nicht nur um die Beziehung, die ich mit meinen Tattoos und meinem Körper habe, sondern auch um die zu meinem Tätowierer. Mein Freund Aaron hat die meisten meiner Tattoos gestochen, seitdem ich ihn vor vier Jahren kennen gelernt habe. Je nachdem, wie groß das Tattoo werden soll, dauern die Sitzungen zwei oder drei Stunden und sie sind jedes Mal wie eine Therapiestunde. Wir reden die ganze Zeit über unsere Leben. Oft weiß ich gar nicht, was ich mir stechen lassen möchte, sondern nur, dass ich ein neues Tattoo will. Also arbeiten wir zusammen. Ich vertraue ihm mit meinem Körper mehr, als anderen Menschen. Es ist eine besondere, intime Beziehung, jemandem so zu vertrauen, dass er deinen Körper permanent verändern darf. Ich sehe Aaron nicht so oft, aber wenn dann, gehören unsere Leben für einen kurzen Moment zusammen. Diese Freundschaft wird Teil meines Körpers und Teil meines Lebens.
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