Wie ich als HIV-positive Transfrau mit Cybermobbing umgehe

Foto: Meg O'Donnell
Ich bin eine Frau, die zufällig transgender und zufällig HIV positiv ist. Ich habe die Hälfte meines Lebens mit dieser Krankheit verbracht und ich habe mich damit arrangiert. Als ich die Diagnose bekam, habe ich mich dazu entschlossen um mein Leben zu kämpfen - koste es, was es wolle. Ich wollte nicht sterben. Das ging natürlich nicht von heute auf morgen, aber die Diagnose hat definitiv mein Leben und die Art, wie ich es führe, verändert. Die Krankheit wurde bei mir festgestellt, als ich im ersten Jahr an der Uni war, zu einer Zeit, in der HIV noch als Vorstufe von Aids galt und die Berichterstattung darüber in den Medien vor allem in Form von Aufnahmen von Gräbern stattfand. Es war eine Zeit voller Angst. Die Ärzte sagten mir ich, dass ich höchstwahrscheinlich sterben werde – so war das damals tatsächlich – die Uni riet mir, das Studium abzubrechen und die Leute in meinem Umfeld zogen sich zurück. Ich änderte meine Ernährung, versuchte ernsthaft mich von jeglichen illegalen Substanzen fernzuhalten und begann zu joggen. Ich kämpfte gegen die körperlichen Symptome und schaffte es irgendwie solange durchzuhalten, bis neue Medikamente auf den Markt kamen, die mir und all den anderen, denen ihr Tod bereits vorausgesagt worden war, helfen konnten.

In all der Zeit musste ich aber nicht nur gegen die Krankheit selbst, sondern auch immer wieder gegen die Vorverurteilung im Bezug auf meine Erkrankung, vor allem weil ich HIV positiv und transgender bin, ankämpfen. Von Zahn- bis Hausärzten, von Arbeitgebern bis Versicherungsgesellschaften – überall erfuhr ich Ablehnung, wurde nur unzureichend behandelt und verurteilt und immer wieder wurde mir das Gefühl vermittelt, dass ich es einfach nicht wert war, wie jeder andere behandelt zu werden. Ich trage das Stigma mit mir herum, nicht wie die anderen zu sein. Obwohl ich selbst mein Leben und meine Gesundheit zu schätzen wusste, schien es als hielte der Rest der Welt verbissen daran fest, meine Krankheit als etwas unmoralischen zu sehen. Als etwas giftiges. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit kämpfen müssen und es hat mich müde gemacht, aber es hat mir auch gezeigt, was es heißt wirklich an seine Grenzen zu gehen.

Wider aller Umstände habe ich es geschafft und mich von Leuten, die mich verurteilt, gemieden und jeglicher Intimität mit mir aus dem Weg gegangen sind, nicht unterkriegen lassen. Als mich die Leute beschimpften – versucht mal als Transgenderfrau, die HIV positiv ist, zu daten – habe ich nicht aufgegeben und versucht ihre Worte nicht an mich heranzulassen und meine Das Glas ist halb voll-Einstellung, die ich auch im Bezug aufs Daten vertrat, beizubehalten. Wenn die Leute mir rieten „Sag niemandem, dass du transgender bist, auch nicht, dass du HIV positiv bist und erst recht nicht, dass du beides bist“, hielt ich tapfer den Kopf hoch und die Augen nach vorn gerichtet und selbst, wenn mir die Tränen kamen, erwiderte ich ihnen: „Das gehört aber zu meinen Leben.“
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Man legt mir nahe, meine Krankheit geheim zu halte, stellte diese doch ein unkalkulierbares Risiko dar. Mein Blut galt als so giftig wie Asbest im Gemäuer.

Ich habe gelernt mit der Diskriminierung und der Angst der anderen umzugehen. Als ich damals als Lehrerin arbeitete, hatte man mir nahegelegt meine Krankheit geheim zu, stellte diese doch ein unkalkulierbares Risiko dar. Mein Blut galt als so giftig wie Asbest im Gemäuer. „Behalte es für dich“, sagten sie mir. „Lass nichts davon durchsickern.“ Die Nebeneffekte der Medikamente spülte ich vor der Arbeit regelmäßig in der Schultoilette herunter. Die besonders schlechten Tage verbrachte ich im Krankenhaus. Gewichtsabnahme bzw. -zunahme bedeutete entweder besonders gute oder besonders schlechte Stimmung, je nachdem ob sich ein Medikament als wirksam oder unwirksam herausstellte.

Als ich meinem Arbeitgeber mitteilte, dass ich auch weiterhin unterrichten wollte, legte man mir nahe zu gehen – am besten durch die Hintertür – und mir eine kleine Auszeit zu nehmen. Man empfahl mir, mich zu verstecken.

Als ich meinem Hausarzt das erste Mal davon erzählte, dass ich transgender bin und durch eine Operation auch körperlich zur Frau werden wolle, lachte er mich tatsächlich aus und sagte: „In diesen harten Zeiten wird niemand die Kosten für eine geschlechtsangleichende Operation bei einer Person, die HIV positiv ist, übernehmen.“ So etwas sollte jeder selbst entscheiden dürfen, aber Leute wie ich hatten nicht die Wahl. Man gab uns gerade genug Raum, um zu existieren. Zehn Jahre lang habe ich für mein Recht auf eine Operation gekämpft; ich habe mit meinem Hausarzt gesprochen, mit Privatkliniken in den USA und in Bangkok. Alle, in den zehn Jahren, sagten nein. Keine Versicherung wollte die Kosten für eine Operation an einem HIV positiven Menschen übernehmen.

Ich habe damals bei 15 kosmetischen Chirurgen eine Brustoperation angefragt. Alle haben sie mich abgelehnt. Am Ende sah ich in den Spiegel und konnte eine Traurigkeit erkennen, die ich zuvor noch nie an mir bemerkt hatte. Ihre ablehnende Worte hatten sich unter meine Haut gefressen und dort wo eigentlich ein Paar Silikonimplantate hätten sein sollen, hatte sich das Stigma breit gemacht.

Dennoch richtete ich mich wieder auf, hielt den Kopf hoch und atmete tief ein und sagte mir selbst: „Mach einfach weiter Juno. Mach einfach weiter.“

Eines Tages versuchte ich es bei einem anderen Chirurgen, erklärte dass ich transgender sei und eine Operations wolle. Diesmal hatte ich mich vorbereitet, hatte das Gesetz und meine Rechte studiert und war gewappnet – verständlicherweise. Aber es kam anders als befürchtet: Sie sagten ja. Die Türen standen mir offen. Ich war willkommen.

Ich erzähle jetzt meine wahre Geschichte. Ich versuche sie so ehrlich wie möglich aufzuschreiben, auch wenn es unangenehm und schmerzhaft ist und sich anfühlt als wäre die Wunde noch immer ganz frisch. Ich schreibe sie auf, weil ich glaube damit vielleicht anderen helfen zu können, die ebenso in den Vorurteilen anderer gefangen sind. Ich hätte mir nach all den Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, jedoch niemals vorstellen können, dass ich mich selbst und meine Worte wenige Tage nach ihrer Veröffentlichung vor sogenannten „Internettrolls“ verteidigen müsste.

Ein „Troll“ ist im ursprünglichen Sinne ein Wesen aus der skandinavischen Mythologie, eine buckelige Kreatur oder eine Art Riese, welcher unter einer Brücke lebt und darauf wartet, hervorzuspringen, sobald jemand vorbeikommt. Ein Troll macht sich seine Größe und Arglist zunutze, um andere anzugreifen, zu erschrecken und sie schließlich zu fressen. Der Mythos um Trolle hat durchaus etwas kindliches und Kindischen an sich. Er ist brutal, stark vereinfacht und ebenso verhängnisvoll. Im Hinblick auf andere Mythen fehlt es ihm aber an erzählerischer Bedeutung. Trolle dienen häufig nur als Mittel, um der Geschichte einen gewissen Schrecken zu verleihen.

Ich frage mich, ob die Leute, die sich selbst als „Troll“ und ihr Verhalten als „Trollen“ bezeichnen, sich auch selbst als kindisch, gefühllos und dazu fähig verheerende Tiefschläge zu verpassen, begreifen; wie ein unhandlicher, hölzerner, überdimensionaler Schlagstock. Als die Leute mich in der Vergangenheit abgelehnt haben, ging es häufig um Kraft und Kraftlosigkeit. Ich wurde als kraftlos angesehen, während sie selbst die Macht hatten. Sie haben über mich gelacht.

Ihr habt mich verrückt genannt, ich würde spinnen, ich wäre geistesgestört, ein Mann, ein abgefucktes Mann-Frau-Zwischending. Eine Person, die niemandem etwas beibringen könnte, die nicht mal in der Nähe eines Kindes sein sollte, die sich Illusionen macht.

Als die Trolle mich online angegriffen haben, weil ich transgender bin, weil ich Mutter sein wollte, weil ich über meine Vagina sprach, weil ich eine Drogenvergangenheit hatte und weil ich HIV positiv bin, habe ich mich oft gefragt, welche Ansicht dahinter steckte.

Versuchten sie die Worte aus mir herauszuprügeln?

Versuchten sie mir den Freiraum, für den ich lange und hart gekämpft hatte, wieder wegzunehmen?

Versuchten sie mir zu sagen, dass meine Geschichte nur eine Lüge sein muss und dass sie die alten Verhältnisse wiederherstellen wollten, die mich ausschlossen und an den Rand der Gesellschaft drängten?

Versuchten sie das Gleiche zu tun wie der mythologische Troll? Versuchten sie mir Angst zu machen vor Dingen, die ich nicht beeinflussen und kontrollieren konnte?

Oder versuchten sie einfach alles und jeden loszuwerden, der nicht in ihre Vorstellung von der Welt passte?

Ich habe nie behauptet, genau wie du zu sein, lieber Troll. Ich habe unsere Unterschiede lebhaft erfahren. Ich verstehe nur nicht, warum manche Frauen versuchen durch patriarchisch durchtränkte Aggression Menschen wie mich aus diesem kreativen Raum zu vertreiben. Ihr habt mich verrückt genannt, ich würde spinnen, ich wäre geistesgestört, ein Mann, ein abgefucktes Mann-Frau-Zwischending. Eine Person, die niemandem etwas beibringen könnte, die nicht mal in der Nähe eines Kindes sein sollte, die sich Illusionen macht, die eine Gefahr für alles darstellen, was eine Gesellschaft ausmacht: Ob für Männer, Frauen, Kinder, Weiblichkeit, Männlichkeit, Feminismus.

Ich bin in einem ziemlich rauen Umfeld aufgewachsen. Bildung war mein Ausweg, Worte verschafften mir Freiheit und durch den Feminismus der 70er, der von einem kleinen, runden, weißen Fernseher ausgestrahlt wurde, erfuhr ich das erste Mal Wahrheit in einer Welt, in der ich mich so alleine fühlte. Mein Selbstbild wurde von jenen Frauen auf dem Bildschirm geprägt, von denen mein Vater, in all seiner zerbrechlichen Männlichkeit, so erschüttert war. Wenn ich heute darüber nachdenke, dass mein Dasein als das komplette Gegenteil dessen gesehen wird, macht mich das sehr traurig.

Ihr Trolle mögt mich verletzen, aber ihr werdet mich niemals unterkriegen.

@justjuno1

Übersetzt von Anna Hackbarth
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