Ich bin für meine Beziehung weggezogen & habe einen Teil von mir dafür aufgegeben

FOTO: ANN-KRISTIN FUCHS.
John und ich haben uns vor über fünf Jahren in Singapur kennengelernt. Er studierte, ich war dort aufgewachsen. Zwei Jahre lang verbrachten wir die Wochenenden auf paradiesischen Inseln in Thailand und Indonesien mit Sonnenuntergängen, für der #NoFilter-Hashtag quasi erfunden wurde. Aber dann hatte John seinen Master in der Tasche und zog zurück nach L.A., um dort zu arbeiten.
Es folgten zwei Jahre Fernbeziehung, in denen wir uns zwar immer noch regelmäßig sehen konnten – Home Office sei Dank – allerdings jagt einem eine Beziehung über solche Distanzen doch zeitweise Angstzustände ein: Soll das so bleiben? Wo führt das hin? Wie soll das in ein paar Jahren aussehen – und wie viel soll das kosten? Kurz: Es hat mich gequält und zerrissen.
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Ich war nie eine sonderlich anhängliche Partnerin. Natürlich habe ich John vermisst, wenn wir Meere voneinander entfernt waren, aber es gab da zum Glück genug, was die Lücke schließen konnte: Ich hatte die besten Freunde der Welt, einen Vollzeitjob, der mich erfüllte, meine Familie. Ich wusste, dass es eine Riesenherausforderung sein würde, einmal um die halbe Welt zu ziehen. Was mich allerdings wirklich erwarten würde, wusste ich nicht.
Damit ist nicht einmal das Zusammenziehen an sich gemeint. John und ich verstehen uns super, wir sind großartige Mitbewohner. Viele meinen ja, dass man jemanden nicht wirklich kennt, bevor man nicht zusammenzieht. Das stimmt nicht. Jeder kann sich anpassen, Kompromisse eingehen, bestimmte Gepflogenheiten ändern – vor allem wenn es darum geht, mit einem Lieblingsmenschen zusammenzuziehen. Ich kannte John etwas mehr als vier Jahre, bevor ich mit drei riesigen Koffern vor seiner Tür stand, und wisst ihr was? Er war genau derselbe, der er davor war.
Natürlich mussten auch wir einiges abändern, uns an neue Umstände und Abläufe gewöhnen. Ein Doppelbett war nun nicht mehr die eigene Spielwiese, auf der man auch mal quer liegen konnte. Und Johns Wohnung sah bald nicht mehr nach dem sterilen Single-Apartment aus, das sie woher war.
Nein, was mich eigentlich stört, ist die Tatsache, dass ich das Gefühl habe, einen großen Teil meiner selbst aufgegeben zu haben – und mein Mann trägt keine Schuld. Ich bin keine Redakteurin mehr und arbeite nicht mehr für das Magazin, das mir jahrelang so am Herzen lag. Ich habe nicht mehr das Gefühl, gebraucht zu werden. Einen Zweck zu haben. Ich sehe meine Freundinnen nicht mehr, meine Familie ist Ozeane weit weg, und ich lebe in einer Stadt, in der man ein Auto haben muss, egal ob man will oder nicht.
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Das alles macht mich zu einem großen Teil abhängig von meinem Mann. Abhängig auf eine Art, die ich eigentlich nicht vertreten würde. In meinem ganzen Leben war ich zuerst nur von meinen Eltern und später von mir selbst und meinem Einkommen abhängig – jetzt entwickle ich Neurosen, weil ich in dieser Wohnung hocke und auf meine Arbeitserlaubnis warte.
Was mir außerdem mit am meisten fehlt, ist der zwischenmenschliche Kontakt. Als Journalistin bin ich es gewohnt, mit Leuten in Kontakt zu treten, zwischenmenschliche Interaktionen gehörten zum Tagesprogramm. Mittlerweile fühlt sich mein Gespräch mit dem Kassierer im Supermarkt an, wie ein frischer Wind in meinem Trott. Und obwohl ich FaceTime liebe, ist es einfach nicht dasselbe.
Ich möchte wieder ich selbst sein. Und ich versuche es wirklich, ich gebe mein Bestes! So langsam fange ich an, meinen eigenen Freundeskreis aufzubauen. Gut ein Jahr, nachdem ich hergezogen bin. Natürlich bin ich nicht unglücklich. Ich jammere auf hohem Niveau, das weiß ich. Und ich liebe jeden Morgen, an dem ich neben dem Mann aufstehe, den ich liebe.
Jeder hat kluge Ratschläge für eine besser funktionierende Fernbeziehung, aber niemand sagt, was danach kommt. Niemand erzählt dir, wie es ist, nach 2 Jahren Fernbeziehungen zusammenzuziehen – und dafür auch noch in ein neues Land zu ziehen.
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