Meine Hochzeit mit Behinderung: „An diesem Tag geht es nicht um meinen Rollstuhl, sondern um mich"

Nach dem Freudentaumel, der dem nahezu filmreifen Antrag meines Mannes an der Côte d’Azur folgte, standen wir neben all den Fragen, denen sich jedes frisch verlobte Paar stellen muss (etwa: „Was zur Hölle ist eine Ehefähigkeitsprüfung?“), noch vor so manch anderen Problemen: Wo finden wir eine rollstuhlgerechte Location? Sind die Hochzeitskleider, die mir gefallen, auch im Sitzen hübsch? Und: Können wir uns um diesen blöden Hochzeitstanz drücken?

Der Form halber stelle ich mich einmal vor: Ich heiße Adina, bin 28 Jahre alt, Designerin und Rollstuhlfahrerin aus Berlin und habe nach neun glücklichen Beziehungsjahren meine große Liebe Timo geheiratet. Meine gesammelten Erfahrungen möchte ich hier nun teilen und von der Vorbereitung sowie dem großen Tag berichten. Vielleicht hilft es auch anderen Bräuten mit und ohne Behinderung, die eigene Traumhochzeit zu feiern.

Uns war schnell klar, dass wir diesen besonderen Tag mit den Menschen feiern wollen, die uns am wichtigsten sind. Es kam also nie in Frage, sich dem drohenden Organisationschaos durch eine Flucht nach Las Vegas zu entziehen. Obwohl ich zugeben muss, dass der Gedanke daran zunehmend verlockender erscheint, wenn man sich wenige Wochen vor der Hochzeit mit fünf angefangenen DIY-Projekten und verklebten Fingern die Abende um die Ohren schlägt.
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Die Location
Ich wollte in einem Haus mit Geschichte feiern, vorzugsweise in einem Gutshaus oder Schloss. Eines von diesen historischen Gebäuden, in dem die Wände Geschichten erzählen könnten. Natürlich sind solche Locations selten rollstuhlgerecht, aber am eigenen Hochzeitstag wollte ich nicht allzu viele Kompromisse eingehen. Daher recherchierten wir tagelang. Innerhalb kurzer Zeit füllten sich unsere virtuellen Ordner mit Angeboten der verschiedenen Eventlocations und mein Pinterest-Board quoll über vor lauter Dekoideen, genialer Farbkonzepte und hinreißender Brautkleider.

Allmählich wurden unsere Vorstellungen konkreter: Ideal wäre ein Ort, an dem die Trauung und auch die Feier stattfinden können – ohne komplizierte Fahrten zwischen den Programmpunkten. Das wäre sowohl gut für die Gäste gut, die aus der Ferne anreisen, als auch jene, die die mobilitätseingeschränkt sind, also Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen, sowie ältere Menschen. Ohnehin wollten wir für uns alle einen entspannten Tag planen. Letztlich kam der beste Tipp dann nicht von Google, sondern von meiner Oma: Sie hatte vor geraumer Zeit mit einer Freundin ein kleines Landschloss in der Nähe meines Geburtsortes besucht und diesen verträumten kleinen Ort noch bestens in Erinnerung. Tatsächlich mussten wir nach der Besichtigung des Schlosshotels Rattey keine weiteren Eventlocations anschauen. Hier fanden wir, was wir gesucht hatten: eine Traumkulisse inklusive mobiler Rampe.
Der Rollstuhl als Accessoire
Die besten Berichte von Bräuten im Rollstuhl fand ich übrigens in amerikanischen Blogs, in Deutschland scheint das Thema eher ein Schattendasein zu führen. Überhaupt ist der Umgang mit Rollstühlen auf Hochzeiten leider viel zu verkrampft: So fand ich beispielsweise die sogenannten Wheelchair Cover, die eine unglückliche Mischung aus Stuhlhusse und Rollstuhl-Reifrock darstellen und die Braut optisch in einen gigantischen weißen Eisberg verwandeln.

Woher kommt der Drang, medizinische Hilfsmittel mit aller Macht zu verstecken? Das beginnt ja schon bei Fotografen, die Frauen dazu anhalten, für die Hochzeitsfotos, ihre Brille abzunehmen, obwohl sie diese im Alltag immer tragen. Liebe Bräute, bleibt euch treu und lasst euch nicht von anderen Menschen reinreden, nicht im Alltag und schon gar nicht an diesem besonderen Tag! Feiert eure Liebe und schert euch nicht um das ästhetische Empfinden der anderen!

Allerdings habe auch ich kurze Zeit darüber nachgedacht, meinem Rollstuhl für die Hochzeit ein kleines Styling zu verpassen: Etwas Blumenschmuck, ein paar Bänder oder einfach nur etwas hellen Stoff? Aber dann entschied ich mich dafür, den Rollstuhl wie sonst auch als ein Hilfsmittel zu betrachten. Nicht er heiratet, sondern ich. Ich soll in Szene gesetzt werden, nicht er!
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Das Brautkleid
Es sollte nicht zu pompös sein, eben nicht das Modell „Reifrock Sahnebaiser” – nicht nur, weil dies im Rollstuhl höchst unpraktisch wäre, sondern auch weil ich sowieso schlichtere Kleider bevorzuge. Ich wollte mich wohlfühlen und nicht verkleidet wirken. Also durchstöberte ich das gesamte Angebot der deutschen und englischsprachigen Hochzeitsblogs.

Wie bei allen Kleidern muss man als Rollstuhlfahrerin auch beim Hochzeitskleid besonders auf die Sitzeigenschaften achten. Manche Kleider wirken einfach im Stehen besser, weil sie zum Beispiel den Po toll in Szene setzen oder von einem supertiefen Rückenausschnitt leben. Aber im Sitzen werfen sie dann plötzlich blöde Falten oder kneifen. Nein, danke! Ich suchte nach einem Kleid, das zarte Details am Ausschnitt hat (vielleicht Spitze?), eine schöne Taille macht und das Ganze möglichst noch mit einen fluffigen Tüllrock abrundet. Da ich meine Beine durchaus mag und sie ohnehin im Sitzen schnell in den Vordergrund rücken, war ich schnell bei den immer beliebteren kurzen Brautkleidern angelangt. Sommerhochzeit sei Dank war das ja kein Problem!
Die klassische Brautkleidsuche in den Brautmodengeschäften Berlins empfand ich als eher frustrierend, obwohl ich mit meiner stilsicheren Mutter eine super Begleitung an meiner Seite hatte. Zugegebenermaßen lag der größte Fehler hier bei mir: Ich hatte mich naiverweise nicht Wochen vorher angemeldet, was dazu führte, dass wir die Kleider nur anschauen dürfen, „aber nicht anfassen!“ Dazu kam, dass einige Verkäuferinnen sehr irritiert reagierten, sobald sie merkten, dass die Braut im Rollstuhl saß. Angesichts der künstlich errichteten Stufen mitten im Raum, die als eine Art Catwalk für die Brautkleidanprobe darstellten, kam es wohl auch eher selten vor, dass sich Bräute im Rollstuhl in diesen Laden verirrten.

Ich hatte schon zuvor auf Hochzeitsblogs wie offbeatbride.com (dessen Lektüre ich übrigens jeder empfehle, die eine Hochzeit jenseits des Mainstreams feiern möchte) viele Bräute gesehen, die Strand- oder Partykleider zu ihrem Brautkleid auserkoren hatten. Das ist nur logisch, schließlich macht erst die Braut das Kleid zum Brautkleid. Mit dieser Weisheit im Hinterkopf zogen wir dann durch diverse Boutiquen und fanden nach vielen Stunden kurz vor dem Ende unserer Kräfte mein Wunschkleid.

Der Eröffnungstanz & die Bräuche
Auch in puncto Sitten und Gebräuche sollte man nur den Dingen zustimmen, die einem wirklich am Herzen liegen, der geliehene Perlenkette meiner Mutter als Talisman zum Beispiel. Anstrengende Bräuche, wie das Sägen des Holzstammes, oder peinliche Spiele, wie das blinde Füttern des Ehepartners, haben wir von vornherein ausgeschlossen. Schließlich ist es unser Tag und ich wollte weder vor Erschöpfung noch vor Scham knallrot anlaufen. Allenfalls vor Glück.

Andere Dinge, wie etwa die Eröffnung der Tanzfläche durch den Hochzeitstanz habe ich, um mich zu entlasten, so eingefädelt, dass meine Schwester mit ihrem tanzerfahrenen Freund als Erste aufs Parkett gingen und uns dann im Tanz dazu holten. Es wurde ein lockerer Tanz zu viert, der uns allen viel Spaß machte und auch die anderen Gäste animierte, die Tanzfläche zu stürmen. Natürlich wäre es mit viel Mühe möglich gewesen, einen Tanz im Rollstuhl einzustudieren – das beweisen etliche tolle Rollstuhltänzer*innen immer wieder! Aber unser Interesse liegt in anderen Bereichen und das Einüben solch einer Choreografie hätte mich aufgrund meiner Muskelerkrankung viel Kraft gekostet. Um ehrlich zu sein: Die wollte ich einfach sinnvoller investieren. So haben wir bei allem immer auf unser Bauchgefühl gehört: Tut uns dieser Brauch gut? Macht er uns Spaß oder ist er einer von diesen sinnlosen „Das hat man schon immer so gemacht”-Regeln? Dieser Einstellung zu folgen, war für uns der Schlüssel zum Glück. Wir hatten eine wundervolle Trauung, die selbst hartgesottene Gäste zu Tränen rührte, und ein rauschendes Fest im Anschluss.

Mein liebster Moment war, als direkt nach der Trauung die ganze Aufregung von mir abfiel: Um Timo und mich war ein Blütenregen, ich spürte die Sonne auf meiner Haut, sah all die glücklich verheulten Gesichter unserer Liebsten und wie aus der Ferne hörte ich mein Wunschlied „Himmelblau“ von den Ärzten, das meine Freundin und Sängerin Lisa-Manuela Otto sang. Selbst unsere Freunde, die auf der weiten Anreise eine Autopanne hatten, waren in letzter Sekunde noch pünktlich zur Trauung angekommen! Alles fühlte sich einfach genau richtig an. Es war ein gutes Gefühl!

Das traditionelle Tragen über die Schwelle war für uns übrigens an diesem Abend kein Thema – mein Mann hatte mich schon unzählige Male zuvor über Treppen und Schwellen getragen! Zuletzt übrigens über die Schwelle des Standesamtes, als wir zum Vorgespräch mit der Standesbeamtin verabredet waren und mein Rollstuhl spontan den Dienst verweigerte. Meine aufkeimende Panik ignorierend, schnappte mein damaliger Ehemann in spe mich kurzerhand und trug mich fröhlich über die Schwelle des Standesamtes, direkt zum Schreibtisch der verdutzt dreinblickenden Standesbeamtin. Wenn das nicht romantisch ist...
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