Warum ich meine Kinder dabei zusehen lasse, wenn ich meinen Tampon wechsle

Foto: Megan Madden.
Die Frontfrau eines Vagina-Movements zu werden, war eigentlich nie meine Absicht, es kam einfach so. Ich saß gerade auf der Toilette, meine zwei Töchter rauften sich durch den Flur hinab zum Badezimmer, fielen irgendwann die Tür ein und landeten tummelnd auf dem Badvorleger, als ich gerade einen blutigen Tampon in der Hand hielt. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen Tampon sahen – zugegebenermaßen verliert man als Elternteil relativ schnell jegliche Klobarriere vor den eigenen Kindern–, aber vorher war es nie so explizit passiert.
„Ist das Blut?“, fragte meine Dreijährige. Sie tat sich sichtlich schwer damit, nicht ruckartig Angst zu bekommen. Für sie war Blut das Allerschlimmste auf der Welt, sie kannte es nur aus Horrorszenarien wie aufgeschürften Knien oder fiesen Schnittwunden, immer kommen brennende Mittel darauf, die erst mal gar nichts besser machen, und dann auch noch das Pflaster, das beim Abmachen nur wieder höllisch ziept.
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Ich sah sie an und versuchte, ruhig zu bleiben. „Ja, das ist Blut“, sagte ich, „Ich habe meine Periode, so sagt mir mein Körper, dass ich nicht schwanger bin und kein Baby in meinem Bauch ist, cool, oder?“
Während ich den Satz sagte, stießen mir Erinnerungen hoch, die ich jahrelang luftdicht verpackt in der hintersten Ecke meines Gedächtnisses verstaut hatte: aufwachen während einer Klassenfahrt in der sechsten Klasse mit rotbraunen Flecken in meiner Unterwäsche, nicht wissend, wie damit umzugehen war. Shorts im Schwimmbad zu tragen, damit man meine Binde nicht sieht – und das abscheuliche Gefühl, wenn sie sich im Wasser aufblähte. Die teilweise fragwürdigen Reaktionen von Männern, mit denen ich während meiner Periode geschlafen hatte, die von angewidert zu Fetisch-ähnlicher Euphorie reichten. Sämtliche Male, in denen man den eigenen Körper förmlich filzt, nur um sich im Yogaunterricht nicht zu blamieren.
Durch all diese Erinnerungen zieht sich die Scham wie ein roter Faden. Immer der Drang, „es“ zu verstecken, bloß diskret zu sein, ein Schmerzmittel nach dem anderen schlucken, damit man alltags- und später auch verhandlungsfähig bleibt. Also beschloss ich, in diesem rohen Moment, ich über der Toilette hockend, meine Töchter vom Boden herauf blickend, dass die Scham hier ein Ende hat. Ich wusste, dass sie es mir mal danken würden. Aber vor allem wusste ich, dass ich es brauchte. Denn von all den unschönen und eher nervigen Dingen, die sie wohl oder übel von mir übernehmen würden – die Scham über einen gesund funktionierenden Körper sollte keines davon sein.
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Ich habe die vergangenen 25 Jahre damit verbracht, mich in diesen Momenten zu verstecken. Immer ist Vorsicht, Nachsicht, Rücksicht angesagt. Möglichst viele Tampons und Einlagen dabei haben, möglichst schwarze Unterwäsche an besonders starken Tagen, möglichst keine offene Ansprache darüber. Die Menstruation hält bei den meisten Frauen jahrzehntelang an und doch werden wir dazu trainiert, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Fast so, als wäre die Periode der Voldemort des weiblichen Alltags.
Ich hatte mir zwar immer schon vorgenommen, mit meinen Töchtern über alles offen zu sprechen, über ihre Körper, Menstruation, Fortpflanzung, Sexualität. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages zu einer passionierten Vagina-Kämpferin würde – bis ich nun hier stand und mir klar wurde, mit wie viel Hickhack und Scham ich dieses Thema mein ganzes Leben lang umtanzt hatte. Es reichte mir nicht mehr, zu wissen, dass meine Töchter die biologischen Abläufe der Vagina (und der Vulva, der Eierstöcke, der Harnröhre und der Gebärmutter) verstehen werden. Ich wollte, dass sie wissen, dass sie mit dem quasi mächtigsten Tool der Welt arbeiten können. Denn seien wir ehrlich: Ein Organ, das gleichzeitig Kinder, Blut, Schleim, Gebilde aus sich herauspresst, für Orgasmen sorgt UND sich selbst reinigt? Hallelujah.
Wenn die Zeit reif ist, möchte ich, dass meine Töchter selbstbewusst und informiert über ihre Sexualität und ihr Geschlecht sprechen können. Bis dahin werde ich alles tun, um die Scham von ihnen fernzuhalten. Ich werde sie nicht mahnen, wenn sie ihren eigenen Körper abtasten, sich selbst erfühlen, ich werde ihnen nicht sagen, dass sie ihre Beine zu überschlagen hätten, ich werde keine komischen Kinderwörter benutzen, nur um dem Wort Vagina zu entkommen. Wir haben doch auch keine Kosenamen für Knie, Schultern oder das Kinn – warum dann für die Vagina?
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Vor Kurzem stand ich unter der Dusche. Als ich fertig war, zog ich den Vorhang auf und wieder stand meine Dreijährige dort. Ich wickelte mich ins Tuch ein, sie starrte mich an und fragte vorsichtig: „Mama…?“ Das ist er, dachte ich, der Moment! Sie wird mich etwas Bahnbrechendes zur Vagina fragen! Mein Plan geht auf!
„Ja?“, sagte ich.
„Was wäre, wenn wir auch auf dem Rücken und auf dem Po und auf dem Bauch eine Vagina hätten?“, schielte sie mich schelmisch an. „Wäre das nicht lustig???“
Sie kicherte hörbar vor sich hin und hüpfte davon.
Es war nicht die Girlpower-Ansprache, die ich mir erhofft hatte, aber immerhin hatte sie das Wort benutzt und mir offen und locker ihren Witz erzählt. Soweit habe ich also alles richtig gemacht. Wenn sie das in 20 Jahren immer noch kann, dann kann auch ich mir ganz sicher sein.
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