Männlich, weiß, exzellent: Eklat bei der Wahl zum besten Koch Deutschlands

Illustration: Ira Bolsinger.
Die Seite „Rolling Pin“ ist nicht nur eine große Jobbörse in Gastro-Bereich, sondern auch ein Magazin, das sich vor allem mit dem Themenbereich Fine Dining beschäftigt. Am 1. August hat „Rolling Pin“ eine Liste der 50 Best Chefs Germany veröffentlicht und dazu aufgerufen, die Leser mögen doch bitte für ihren Favoriten abstimmen. Was dann geschah, lässt sich nur noch als peinlich bezeichnen. Nicht nur, dass diese Liste offenkundig für wütende Reaktionen sorgte, nein, das Social Media Management vom „Rolling Pin“ hielt es außerdem für eine gute Idee, alle kritischen Kommentare kurzerhand zu löschen. Aber dazu später, widmen wir uns doch im ersten Schritt der Liste an sich.
Die Weißwurstparade
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Was beim ersten Blick auf die Liste auffällt, ist die Tatsache, dass von 50 Köchen genau 49 männlich sind. Auch People of Color kommen nicht vor. Weißwurstparade deluxe. „Rolling Pin“ erklärt die Auswahl damit, dass die Kandidaten von 5000 Leuten ganz demokratisch gewählt worden seien. Wer diese 5000 Leute waren, wird allerdings nicht verraten. Auf Nachfragen eines Users antwortet „Rolling Pin“ nur: “JA, Kochen ist nach wie vor eine Männerdomäne. Lt. einer aktuellen Auskunft, gibt es in Deutschland aktuell 257 Sterneköche (m/w). Davon sind 251 bzw. 97,8% Männer. Das hängt sicher u.a. mit den in der Spitzengastronomie leider notwendigen, nicht sehr familienfreundlichen Arbeitszeiten zusammen.” (Quelle: Facebook).
Klar, Frauen müssen sich ja um die Familie kümmern, also können sie nicht in der Gastronomie arbeiten. Kein Wort über den rauen Ton in den Küchen der Spitzenköche, die Bruderschaften, die sich bilden und keine Frauen in ihren Reihen dulden, chauvinistisches Verhalten und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Es gibt nur so wenig Frauen in der Gastronomie, weil Jeremy-Pascal zweimal in der Woche zum Klarinettenunterricht muss, nicht etwa, weil sie keinen Bock haben aus der Küche gemobbt zu werden, bei Entscheidungsprozessen mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit übergangen zu werden oder sie schlichtweg nicht hinnehmen wollen, am Arbeitsplatz permanent begrabscht zu werden.
Übertreibung? Nicht wirklich. Wir haben jahrelang in der Bar- und Gastronomieszenen gearbeitet und oben genannte Zustände mehr als einmal beobachtet. Einen Job kündigte Sophia, nachdem ihr damaliger Chef ihr volltrunken unters T-Shirt griff und danach ihre Hand gewaltsam in seine Hose steckte. Als sie ihn anschrie, er solle das lassen, wurde sie ausgelacht. War doch nur Spaß, hab dich nicht so, willste noch’n Schnaps?
Der Verweis auf die Familie zeigt schon, welch verstaubte Ansichten der „Rolling Pin“-Redaktion den Blick trüben. Statt den sexistischen Alltag in Profiküchen zum Thema zu machen, um den Missstand auf lange Sicht zu beheben, gefällt es den Leuten von „Rolling Pin“, die Verhältnisse zu zementieren. Das erkennt man auch gut an diversen ultrasexistischen Memes, die das Magazin mit Vorliebe auf seiner Facebook-Timeline postet (#gröhl!!). Frauen sind beim „Rolling Pin“ lediglich Content für Witzeleien. Für eine aufwendige Story oder als beste Köchin scheinen sie jedenfalls nicht zu taugen, denn bei insgesamt 57 Ausgaben schaffte es gerade mal eine Frau aufs Cover.
Es erstaunt also nicht, dass eine Abstimmung in solch einer männlich dominierten Szene auch entsprechend männlich ausfällt. Zumal Männer sich gegenseitig mit einer Selbstverständlichkeit nominieren, die Frauen nach wie vor abgesprochen wird. Brudis helfen sich untereinander, da wird rumgekumpelt, was das Zeug hält: Stimm für mich, Buddy! Wenn eine Frau mit dem gleichen Selbstbewusstsein eine Stimme für sich beansprucht, wird sie oft als zu ehrgeizig oder schwierig wahrgenommen. Also ist es für Frauen um ein Vielfaches anstrengender, sich den notwendigen Respekt zu erarbeiten.
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Mary Scherpe, Gründerin von „Stil in Berlin“, einem der wichtigsten Food und Restaurant Blogs Deutschlands, schreibt dazu treffend auf Facebook: „Wieso regt mich so eine online Abstimmung überhaupt auf? Zum einen, weil Rolling Pin daneben noch eine „Gastro Konferenz“ veranstaltet (zu der ich als Presse eingeladen war), auf der nicht eine einzige Frau spricht. NICHT EINE! Obwohl es sich als Deutschlands neuestes, bestes, und wichtigstes Food Symposium bezeichnet. Die PR Agentur versicherte mir auf Nachfrage, dass das keine Absicht war. Allerdings hatte in dem „starken Frauenteam hinter den Kulissen“ (Zitat PR Agentur) offensichtlich auch keiner die Absicht, eine Frau einzuladen. Und da liegt der Hase im Pfeffer.
Als Fachpresse hätte das Rolling Pin also durchaus die Möglichkeit, kritischen Verhältnissen in „ihrer“ Szene entgegenzuwirken, indem man zum Beispiel – und ja, es ist wirklich so einfach – Frauen einfach sichtbarer macht und sich nicht hinter platten „Aber so ist es nunmal“ Pseudoargumenten versteckt. (...) Rolling Pin ist die Spitze eines frauenfeindlichen Eisberges in der Food Szene, Gastro-Sexismus ist allgegenwärtig, deswegen überrascht es mich nicht, aber es bleibt widerwärtig. Dieses Medium spiegelt einen traurigen Status Quo, und arbeitet hart daran, genau diesen zu erhalten. Und es geht hier nicht nur um Frauen, auch people of color kommen bei Rolling Pin weder im Heft, noch auf der Konferenz, noch in der Abstimmung in bedeutender Zahl vor.” (Quelle: Facebook)
Das es auch ganz anders geht, zeigt Hendrik Haase, der das „Kumpel und Keule“ in der Markthalle Neun betreibt: “Frauen gehören derzeit zu den wichtigsten Treibern der jungen Food-Bewegung, ob als Craftbeer-Sommeliere, Food-Start-Up-Gründerinnen oder Köchin. Sie sind selbstbewusst, kreativ, aktiv und gestalten unsere Ess-Landschaft neu.
Sie wirbeln in den Küchen der feinen Restaurants, haben Dinner-Clubs, Blogs oder Streetfood Stände. Ihre feinen Zungen, bringen uns auf neue Ideen und zu neuen Genüssen. Ich liebe es, ihnen beim Kochen zuzuschauen, und dort, wo sie kochen, essen zu gehen. Fast alle erstklassigen Restaurants (deren Köche ihr auszeichnet) wären ohne diese Frauen nichts.
(...)
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Warum stellen wir uns als Männer nicht dieser Diskussion?
Warum hinterfragen wir nicht, warum es immer noch so wenige Frauen bis ganz nach oben schaffen?
Warum nehmen wir Männer es stattdessen hin, dass die sexuelle Belästigung von Frauen in der (Profi-)Küche immer noch als „eigentlich normal“ angesehen wird?
Warum stellen wir Männer uns nicht hinter diese Frauen und feiern sie für das was sie in den letzten Jahren für die kulinarische Weiterentwicklung dieses Landes getan haben?” (Quelle: Facebook)
So geht Social Media Management – NICHT
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Die Situation ist also problematisch. Kommen wir zum Umgang des Magazins mit kritischen Stimmen auf Facebook. Ein paar Leuten ist also aufgefallen, dass die Liste ziemlicher Bockmist ist. Also machten sie ihrem Unmut Luft, indem sie unter den Post mit der Liste eben genau dies anprangerten. Manchmal wurde der Ton etwas rauer, weil, nun ja, Sexismus in der Gastronomie für viele eben ein allgegenwärtiges Thema ist. Auch ich schrieb einen Kommentar:
Ich gebe es zu, so ganz nett war mein Kommentar nicht, aber er hatte nichts von Hate Speech, trotzdem wurde mein kleiner Wutausbruch gelöscht und ich im Anschluss blockiert. Ist mir vorher noch nie passiert, interessant, so fühlt sich das also an. So wie mir ging es aber auch vielen anderen Usern, die sich teilweise wirklich sehr harmlos kritisch äußerten. Auch Mary Scherpe und Hendrik Haase wurden gelöscht. Zum Glück waren die vielen Kritiker*innen so geistesgegenwärtig und haben Screenshots ihrer Kommentare gemacht. Jede*r der*die nur ein grimmiges Smiley macht, wird schon blockiert inzwischen. Es dauert bloß Sekunden. Auf der Seite der 50 Best Chefs Germany konnte man bis vor wenigen Stunden noch eine Sterne-Bewertung für die Seite abgeben. Nachdem sich die 1-Stern-Bewertungen gehäuft haben, wurde diese Funktion abgestellt. Entsprechende Bewerter*innen wurden geblockt.
Die liebe Vreni von neverever.me hat hier wunderbare Beispiele für Kommentare gesammelt, welche schon gelöscht wurden: http://www.neverever.me/ich-mach-die-social-media-welt/
Schlimm genug, dass das „Rolling Pin“ einen sexistischen Ist-Zustand unhinterfragt reproduziert, es werden auch noch kritische Stimmen einfach mundtot gemacht, damit sie aus einem Diskurs über Exzellenz verschwinden. „Rolling Pin“ hat über 100k Likes auf Facebook, ist also offensichtlich wichtig für die Gastronomie. Doch offenbar spürt das Magazin nicht einmal den Hauch einer Verantwortung, die beklagenswerten Zustände in seiner Szene zu thematisieren, was umso bemerkenswerter ist, wenn man weiß, dass „Rolling Pin“ eine Chefredakteurin hat. Die Vehemenz, mit der Kritiker*innen mundtot gemacht werden, ist nicht etwas ein schockierender Ausreißer eine*r überforderten Social Media Manager*in, sondern gängige Praxis in der gehobenen Gastronomie. Wie sonst lässt es sich erklären, dass ein Tim Raue sich seit Jahren ungehemmt durch diese Szene rüpeln, pöbeln und mobben kann?
Sexismus? Gibt es nicht! Kritik? Nicht in meiner Küche! Das erinnert alles eher an die Methoden eines totalitären Regimes als an zeitgemäßes Social Media Management. In welcher Welt ist es okay, Kritik einfach verschwinden zu lassen? Richtig, in der Welt der Spitzenköche. Mahlzeit!
Das sind laut des Magazins „Rolling Pin“ die 50 besten Köche Deutschlands
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