Wie ein künstliches Jungfernhäutchen das Leben einer deutschen Muslima rettete

ILLUSTRATED BY ANNA SUDIT.
Drei Zentimeter Zellulose können über Leben und Tod entscheiden. Wir erzählen hier die Geschichte einer jungen Frau aus Deutschland, die mithilfe eines künstlichen Jungfernhäutchens ihre Beziehung und vielleicht sogar ihr Leben gerettet hat. Um ihre Sicherheit zu garantieren, werden wir nichts schreiben, was ihre Identität verraten könnte. Wir nennen sie Esra. Sie ist eine von knapp 4,5 Millionen Muslime in Deutschland, von denen, Schätzungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zufolge, 2,1 Millionen weiblich sind. Sie ist auch eine von vielen Frauen, die aufgrund ihrer Religion und den Erwartungen, die die Familie und die direkte Umgebung an sie stellen, jungfräulich in die Ehe gehen sollen. Als Esra ihren Zukünftigen kennenlernt, ist sie aber keine Jungfrau mehr. Aus Angst, den Freund zu verlieren und aus Angst vor einem „Ehrenmord“, an dem so gar nichts Ehrenhaftes ist, beschließt sie, ihm nichts zu sagen und inszeniert ihre Unberührtheit.

Mit zittrigen Händen drückt sie auf die Enter-Taste des Computers und schickt ihre Bestellung bei VirginiaCare ab. Artikel gekauft, 54,50 Euro für ihre Unversehrtheit: Die Firma aus Recklinghausen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu helfen, die durch patriarchale, religiöse oder chauvinistische Regeln gezwungen sind, ihren Wert durch einen Blutfleck bestimmen zu lassen. „Reportagen und Presseberichte haben uns über die schlimme Situation von jungen Frauen, die ihre Jungfräulichkeit vor der Hochzeitsnacht verloren haben, informiert. Dem Mitgefühl folgten Inspiration und der Mut, den betroffenen Frauen zu helfen. Wir sind die absolute Notlösung für jene, die unter der Jungfrauentradition leiden“, sagt Geschäftsführerin Wannisa Srikanjanasuan. Veröffentlichte Beurteilungen auf der Internetseite virginiacare.de bejubeln die Erfindung der deutschen Company, die Danksagungen kommen von Herzen: „Wenn es euch nicht gegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich heute nicht mehr da“, schreibt eine Kundin. „Ihr habt meine Zukunft gerettet. Und meine Ehre“, eine andere. Die Webseite wirbt mit Erfolgsgarantie: „Ein Mann kann nicht merken, ob Du schon mal Geschlechtsverkehr hattest!”, heißt es hier. Frau Srikanjanasuan fügt hinzu: „Die Mädchen sollen sich vollkommen unerfahren geben, verkrampfen und Schmerzen vortäuschen. Das ist genau das, was ein Mann von einer Frau beim ersten Mal erwartet. Den eigentlichen Effekt bringt dann VirginiaCare mit Blutspuren, die der Mann am Glied hat und am Bettlaken zu sehen sind.” Als Esra sich die Berichte liest, sieht sie ihn: den Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation.

„Als ich meinen Freund kennengelernt habe, hätte ich nie gedacht, dass er so streng ist. Die ersten Wochen war er locker, bis er dann meinte, dass seine Familie den Beweis haben will, dass er eine Jungfrau heiratet.“ Esra wird bei dem Gespräch schlecht. Ihr Magen verkrampft sich, doch sie sagt nichts. Sie denkt: Er ist der Richtige. Irgendwann eröffnete er ihr dann, dass die Familie während ihrer Entjungferung in der Hochzeitsnacht so lange vor der Tür warten wird, bis das Paar das Laken mit dem Blutfleck zeigt. „Einmal sagte er sogar, dass er mich und sich umbringen würde, wenn ich keine Jungfrau wäre. Ich wollte nicht herausfinden, ob er das ernst meint…“ Sie konnte nächtelang nicht schlafen, fühlt sich wertlos und falsch. Sie überlegt, ob es ihre Pflicht sei, ihrem Liebsten doch die Wahrheit zu sagen. Sie quält sich so lang, bis sie sich schließlich einer Person anvertraut: ihrer allerbesten Freundin. Bei ihr ist das Geheimnis sicher. Ihrer Familie kann Esra es nicht sagen, seiner erst recht nicht. Zwar wuchs die Türkin nicht so streng religiös auf, wie ihr Zukünftiger, doch auch ihr Bruder hat plötzlich radikale Ansichten. Nachdem sie in der Zeitung von einem „Ehrenmord“ liest, den es nicht weit von ihrem Wohnort entfernt gab, traut sie keinem muslimischen Mann mehr. Sie hat Todesangst. Das ist Jungfrauenwahn heute.
Werbung
ILLUSTRATED BY ANNA SUDIT.
„Eigentlich war mein Plan, dass ich meinen ersten Freund heirate. Wir hatten über unsere Hochzeit gesprochen und haben deshalb irgendwann miteinander geschlafen. Doch nach ein paar Jahren trennten wir uns. Sonst hatte ich wirklich mit niemandem Sex“, sagt Esra. Im Islam begeht eine Frau Unzucht, Zina genannt, wenn sie vor der Ehe Geschlechtsverkehr hat. Der Koran setzt Jungfräulichkeit mit der Reinheit der Frau gleich. In einigen islamischen Staaten herrschen Gesetze, die die unehelichen Intimitäten sogar verbieten, regulieren und extrem hart bestrafen. Zum Beispiel in Afghanistan, Iran, Malaysia, Qatar, Pakistan, Saudi Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Jemen, Sudan, Somalia, Malediven und Ägypten. Aber auch im strengen Christen- und im Judentum spielt die Jungfräulichkeit eine große Rolle. In Deutschland soll es auch heute noch einige Katholiken geben, die sich den Sex bis zur Ehe aufsparen.

Zunächst bestellt Esra das Päckchen, um es vor dem Ernstfall in der Hochzeitsnacht auszuprobieren: ohne Erfolg. Nur durch den Kontakt mit der Wärme und Feuchtigkeit bei der Penetration löst sich die Celluloseverbindung auf. Das sich darin befindende gefriergetrocknete Rinderblutpulver weicht auch nur dann auf. Durch die Reibung vermischen sich die Komponenten mit der Scheidenflüssigkeit und erzielen naturgetreue Blutspuren, die dann am Penis und am Bettlaken zu sehen sind. Bei der Selbstbefriedigung funktioniert das nicht. „Ich war am Boden zerstört, als es nicht klappte, und schrieb die Firma an. Man informierte mich, die Mitarbeiter redeten mir Mut zu und versprachen, dass es beim Sex funktionieren wird. Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt und nochmal bestellt.“

Showtime: Esras Verlobter kann seine Familie überzeugen, dass er schon vor der Hochzeit mit Esra schlafen darf. Er überredet seine Verwandtschaft sogar, dass Tanten und Onkel dabei nicht vor der Türe warten. Er versichert ihnen, dass er Auskunft über den Blutfleck geben kann und sein Jungfrauenurteil somit fachkundig sei. „Ich war erleichtert. Weil ich ihm so auch sagen konnte, dass manche Frauen das Jungfernhäutchen auch beim Sport verlieren. Trotzdem hatte ich natürlich große Angst vor dieser Nacht und vor seiner Reaktion, falls bei mir untenrum nichts passiert.“ Das künstliche Jungfernhäutchen wird rund 45 Minuten vor dem Sex fingertief – ähnlich wie ein Tampon – eingesetzt. Völlig schmerzfrei und dabei günstiger und ungefährlicher als eine operative Rekonstruktion des Jungfernhäutchens. Esra legt sich in ihrer großen Nacht also hin, spielt die Verkrampfte, wie in der Packungsbeilage geraten. Und: Es ist zunächst nichts Rotes zu sehen. Ihr Herz klopft, ihr Partner zeigt sich enttäuscht – bis das Granulat sich nach einigen Minuten dann doch auflöst. Erleichterung. Stolze Gefühle eines vermeintlichen Entjungferers auf der einen Seite des Bettes, tiefes Durchatmen auf der anderen.

Zwar plagt Esra manchmal noch das schlechte Gewissen, doch in erster Linie ist sie dankbar, dass es Erfindungen gibt, die Frauen unter Druck helfen. „Ich habe mich dazu entschlossen, meine Geschichte hier zu erzählen, damit Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich, davon mitbekommen können. Die Ehrenmorde müssen aufhören.“ Sie glaubt allerdings nicht, dass sich der Jungfrauenwahn in absehbarer Zeit lockert. Nicht bei den muslimischen Männern in Deutschland und nicht auf der Welt. Deshalb müssen wir Frauen zusammenhalten.

Mehr Informationen unter Virginia-Care.info
#r29vaginawoche
Die Vagina schenkt uns das Leben, wir sollten ihr auch 'was zurückgeben: Uns zuliebe müssen wir anfangen, sie zu verstehen und eben auch zum Thema zu machen. Mit der Aktionswoche feiert Refinery29 das weibliche Geschlechtsorgan.
Werbung