Wie eine Zwangsstörung die Beziehung und das Sexleben beeinflusst

Foto: Meg O'Donnell
„Ich putze jedes Mal zwei Stunden, wenn jemand nach Hause kommt“, erklärt Kirti*, eine ehemalige Rechtsanwältin. „Mein Sohn kommt immer um 15 Uhr nach Hause und ich putze dann für zwei Stunden. Dann kommt um 18 Uhr mein Mann nach Hause – zwei Stunden putzen. Um 21 Uhr kommt meine Tochter nach Hause – zwei weiter Stunden putzen.“

Kirti leidet die längste Zeit ihres Lebens an einer Zwangsstörung. Die Krankheit tritt bei ihr in Form einer Aversion gegenüber Menschen, Orten und Dingen, die irgendwie mit dem Tod in Kontakt gekommen sind, in Erscheinung – etwas, von dem sie selbst glaubt, dass es ausgelöst wurde, als sie ihren Verwandten bei einem traditionellen Hinduritual zugesehen hatte, bei dem diese sich nach dem Besuch einer Beerdigung badeten und ihre Kleidung wuschen.

Was mit dem Bedürfnis Friedhöfe und Krankenhäuser zu meiden begann, hat sich mit der Zeit so entwickelt, dass es ihr mittlerweile schier unmöglich ist, mit jemandem in einem Raum zu sein, der auf einer Beerdigung oder in einem Krankenhaus war, ohne danach geduscht und sich umgezogen zu haben. Außerdem fühlte sie sich irgendwann nicht mehr in der Lage im Gericht pathologische Berichte anzufassen.

„Jetzt, wo ich älter bin, sterben allmählich die Eltern meiner Freunde und ich kann sie nicht mehr treffen“, sagt sie und erklärt, dass selbst ein Handy, dass man zu einer Beerdigung mitgenommen hatte, ein Auslöser sein kann.

Kirtis Ehemann ist Arzt. Unglücklicherweise zwingt sie gerade seine tägliche Nähe zum Tod dazu, ihre Putzrituale immer und immer wieder durchzuführen.

„Er war absolut davon überzeugt, dass wir damit umgehen können“, erklärt sie. „Es gibt Rituale, die ich durchführen muss. Wenn er zum Beispiel von der Arbeit nach Hause kommt, muss ich putzen und er muss durch die Garagentür reinkommen.“

Kirtis Ehemann unterstützt seine Frau bei ihrer Therapie. Derzeit ist ihre Angst vor Verunreinigung jedoch noch immer ein bestimmender Teil in ihrer beider Leben.

Laut Dr. Claire Lomax, Leiterin des Doktorats für Klinische Psychologie an der Universität von Newcastle, ist üblich, dass Partner in die Verhaltensweisen, auch Rituale genannt, die dabei helfen sollen, den Betroffenen vor den Dingen, die ihre obsessive Angst betrifft, zu schützen, mit einbezogen werden.

„Es kommt vor, dass der Partner oder ein anderes Familienmitglied gebeten wird, sich an dem Ritual zu beteiligen, wie etwa beim Putzen zu helfen“, erklärt Dr. Lomax. „Der oder die Betroffene könnte den Partner möglicherweise auch darum bitten, zu versichern, dass er sauber ist und somit keinerlei Infektionen oder Keime verteilt.“

Wird man mit einem geliebten Menschen konfrontiert, der verzweifelt und angsterfüllt ist, ist es für den Partner eines an Zwangsstörungen leidenden Patienten nicht immer einfach, dem anderen Geborgenheit und Trost zu spenden und gleichzeitig zu vermeiden, seine Ängste nicht erneut heraufzubeschwören.

„Für Partner ist es wirklich schwierig zu wissen, was in dieser Situation zu tun ist“, so Dr. Lomax. „Offensichtlich wollen sie dem Betroffenen helfen sich besser zu fühlen und ihnen durch Versicherungen ihrerseits Sicherheit geben. Oft wissen sie, dass das nicht wirklich hilft, weil die Besserung oft nicht lange andauert.“
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Was passiert, wenn sich die Angst vor Verunreinigung vor allem auf den eigenen Partner richtet?

„Es mag so aussehen, als könnte man helfen, aber auf lange Sicht ermutigst man sie nur dazu zu denken, dass ihr Ängste real sind“, stimmt auch Becca zu, eine 28-Jährige persönliche Assistentin, deren Zwangsstörung durch die Angst vor Hundekot ausgelöst wird. „Geht man nicht darauf ein, mögen sie vielleicht wütend werden, aber es wird ihnen dabei helfen zu erkennen, dass das Schlimmste gar nicht eintritt, wenn sie ihre Sicherheitshandlungen nicht durchführen.“

Manchmal jedoch, erklärt Becca, sei es notwendig da ein pragmatisches Gleichgewicht zu finden.

„Es gibt Phasen, in denen ein bisschen Beteiligung des anderen notwendig ist, so wie kürzlich bei meinem Umzug“, erklärt sie. „Mein Partner musste mich bei einigen meiner Sicherheitshandlungen unterstützen, damit ich meinen Alltag bewältigen konnte.“

Dr. Lomax empfiehlt, einen Therapeuten zu Rate zu ziehen. Dieser kann dabei helfen, einen Plan zu entwickeln, wie damit umgegangen werden soll, wenn der Betroffene nach Rückversicherung verlangt. Paare erarbeiten gemeinsam eine langfristige Strategie, um die Ängste des Betroffenen zu bekämpfen.

Aber was passiert, wenn sich die Angst vor Verunreinigung vor allem auf den eigenen Partner richtet.

Sarah*, 26, fürchtete sich davor, dass die sexuell übertragene Infektion, die sie sich in ihrem ersten Jahr an der Uni eingefangen hatte, zurückkehren könnte und fühlte sich dazu gezwungen sich selbst immer und immer wieder auf mögliche Symptome zu checken.

„Ich bin immer wieder in die STI-Klinik oder zu meinem Hausarzt gegangen, um mich dort durchchecken zu lassen und ich habe alles gelesen, was ich über die Chancen, dass eine sexuell übertragene Infektion zurückkommt, im Internet finden konnte“, erinnert sie sich.

Manchmal habe sie Sex vermieden, um wirklich sicher zu gehen, dass sie ihren Partner nicht anstecket, und gab häufig vor einfach zu müde zu sein. Erst als ein Therapeut für Kognitive Verhaltenstherapie sie dazu ermutigte, nicht weiter nach Symptomen zu suchen, sprach sie schließlich auch mit ihrem Freund über ihre Ängste. Zuvor hatte sie sich immer davor gefürchtet, er könnte sich von ihr trennen, wenn er von ihrer Infektion erführe.

Beccas Ängste hingegen sind zwar nicht auf den sexuellen Akt an sich bezogen, lösen bei ihr aber sogenannten Vaginismus aus. Was bedeutet, dass sich die Muskeln im Bereich der Vagina, bedingt durch die Zwangsstörung, unwillkürlich zusammenziehen, sobald es zum Sex kommen soll.

„Die Zwangsstörung ist verstörend und ich bin in meinen eigenen Gedanken gefangen“, erklärt sie. „Manchmal steigerte ich mich so sehr in meine Gedanken und Panik hinein, dass ich regelrecht verkrampfte und ich beschloss, dass das ein Ende haben muss.“

Die Gedanken und der Druck, den die Betroffenen verspüren, können Außenstehenden meist unverständlich erscheinen, aber das Bild, das diese drei Frauen von ihren Zwangsstörungen zeichnen, macht einen unablässigen Drang deutlich, denen sie sich einfach nicht entziehen können.

„Die meisten Menschen mit einer Zwangsstörung wissen, dass ihre Gedanken und Verhaltensweisen irrational und sinnlos sind, fühlen sich jedoch nicht fähig, damit aufzuhören. Häufig haben sie Angst, dass den Menschen, die sie lieben, etwas zustößt, sollten sie eine bestimmte Handlung nicht vollenden“, erklärt Dr. Lomax. „Egal, wie gering das Risiko auch sein mag, der/die Betroffene wird sich immer dafür verantwortlich fühlen, dieses schlimme Ereignis zu verhindern und wird alles dafür tun.“

Dieses übersteigerte Gefühl von Verantwortlichkeit kann den Betroffenen/ die Betroffene vollkommen erschöpfen, besonders dann, wenn das Umfeld nichts von der Krankheit weiß.

„Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach jedem, den ich treffe ein Flugblatt über Zwangsstörungen in die Hand drücken könnte“, so Kirti.

„Ich habe versucht meinen Freunde Dinge zu sagen wie ,Ich habe eine Zwangsstörung’ und sie antworteten direkt ,Oh ja, ich habe auch eine Zwangsstörung!’“, erinnert sie sich. „Die Leute sagen über sich ,Ich bin wirklich gestört’ und ich denke jedes Mal, Ihr habt ja keine Ahnung.“

Ein Partner, ein Freund oder eine Familienmitglied, das über die Zwangsstörung Bescheid weiß, kann ein große Hilfe bei der Heilung sein.

„Zuhören und erkennen, wie schwer es für den Partner ist, die verstörendsten und erschöpfendsten, unfreiwilligen Gedanken mit jemandem zu teilen“, rät Becca. „Über Tragödien lachen und unangebrachte Scherze zu machen, kann die Stimmung selbst in den dunkelsten Momenten aufhellen und mein Partner ist wirklich großartig darin.“


*Name wurde geändert
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