Altenpflege: 1200€ sind zu wenig für diesen Knochenjob – was sich ändern muss

Foto: Barbara König.
Barbara König ist Sozialdemokratin und Staatssekretärin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung – engagiert kämpft die 48-Jährige im Berliner Senat für gleiche Bezahlung für Mann und Frau und ebenso leidenschaftlich für die Stärkung von Mangelberufen wie der Pflege. Refinery29 traf die Politikerin am Rande der Auszeichnung „Deutschlands beliebteste Pflegeprofis“, bei der sie die Angestellten des Paritätischen Seniorenwohnen Vincent-van-Gogh in Berlin dazu aufforderte, weniger bescheiden zu sein und in die Welt hinauszurufen, was sie tagtäglich unter den gegebenen Bedingungen wie zu wenig Entlohnung und zu wenig Personal alles leisten. Eine wunderbare Gelegenheit, um mit König so kurz vor der Bundestagswahl über den Status Quo zu sprechen und zu fragen: Wann tut sich was?
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Frau König, der Pflegeberuf ist ein Mangelberuf. Über was müssen wir sprechen, um die Situation zu verbessern?
Wir sollten über die Qualität in der Pflege sprechen. Und die steht und fällt mit guter Arbeit, guter Qualifikation, guter Ausbildung und guter Entlohnung des Personals. Auf Bundesebene wurde gerade ein neues Ausbildungsmodell, die sogenannte Generalistik, beschlossen: Das bedeutet, dass die drei Pflegeberufe Altenpflege, Kinderkrankenpflege und Krankenpflege in einer Ausbildung zusammengefasst sind. Das ist gut so, aber die Altenpflege muss gestärkt werden. Eine Altenpflegerin verdient 30 Prozent weniger als eine Krankenpflegerin und auch die verdient nicht gerade viel. Insgesamt ist die Pflege unterbezahlt. Ich erhoffe mir, dass dieses Modell für Angleichung der Löhne sorgt. Wir brauchen auch mehr Tarifverträge, gerade in Berlin haben wir sehr wenig Tarifverträge. Dafür setzen wir uns in der Politik ein.
Wann können wir konkret mit der Verbesserung der Entlohnung rechnen?
Also diese Regierung ist für fünf Jahre gewählt, schauen wir was wir bis 2021 auf den Weg bringen. [lacht] Im Ernst: Uns fehlen Pflegekräfte, im Krankenhaus wie in der Altenpflege und insofern müssen Arbeitgeber schnell etwas tun. Einen Zeitpunkt kann ich ihnen nicht sagen, zumal wir auch nicht die sind, die verhandeln. Das müssen die Gewerkschaften, ver.di an der Stelle und die Arbeitgeber tun, wir können das fördern und antreiben, Mut machen und der Motor sein. Letztlich müssen alle dazu bereit sein, mehr dafür zu bezahlen.
Auch Erzieher und Erzieherinnen forderten bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung und teilweise hat sich die Situation schon verändert…
Ja! Die Kitaerzieher und -erzieherinnen haben gekämpft und es erreicht, dass sich Politik und Gewerkschaften für fairere Vergütung einsetzen und somit Besserungen eintreten. Auch Erzieher-Berufe gehören in den Care-Bereich. Die Unterbezahlung in der Pflege ist historisch gewachsen, weil dies Frauen früher unentgeltlich gemacht haben. Meine Meinung dazu: Nicht jeder hat Kinder, aber jeder hat Eltern – das heißt jeder kommt mit dem Thema Altenpflege irgendwann in Berührung. Und Pflege geht uns alle an, was für die Betreuung von Kinder gilt, muss auch für die Betreuung von Senioren gelten.
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Sie haben das neue Ausbildungsmodell erwähnt – wie versuchen Sie noch, den Pflegeberuf attraktiv zu machen?
Neben dem Versuch der Angleichung der Löhne, hat die neue Ausbildungsform ja den Charme, dass die Pflegekräfte flexibler sein können. Sie können sich nach der Ausbildung entscheiden, in welchen Pflegeberuf sie gehen wollen. Wichtig ist für uns auch der Personalschlüssel. Wieviel Pflegebedürftige kommen auf eine Kraft, wieviel Menschen müssen betreut werden? Den Personalschlüssel haben wir bereits mit dem Pflegestärkungsgesetz verbessert. Ab 01.01.2017 haben wir die Personalausstattung in Pflegeheimen um 8 % erhöht.
Der Frauenanteil in den Pflegeberufen liegt bei über 80 Prozent. Versuchen sie auch gezielt Männer anzuwerben?
Ja, das versuchen wir. Als Frauenpolitikerin will ich aber sagen: Seit Jahrzehnten hat sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht verändert, die zehn beliebten Ausbildungsberufe haben sich nicht verändert. Bei den Jungs sind das technische Berufe, wie Mechatroniker oder KFZMechaniker und bei den Mädchen sind das Berufe wie Erzieherin, Friseurin oder
Einzelhandelskauffrau, Büro oder Pflege. Ich bin unsicher, ob wir daVeränderungen erzwingen können. Klar, ermuntere ich beim Girls Day junge Frauen dazu, Ingenieurswissenschaften zu studieren oder KFZ-Mechanikerin zu werden. Ich bin aber viel mehr dafür, dass Berufe, die junge Mädchen anstreben genau so gut bezahlt sind wie die Männerjobs. Wir haben freie Berufswahl, aber equal pay sollte Realität sein.
Wir stehen vor der Bundestagswahl. Finden Sie, dass genug zum Thema Pflege in den Parteiprogrammen steht?
Ich bin Sozialdemokratin, wir haben in Berlin ja einen rot-rot-grünen Senat, deshalb habe ich mir natürlich auch das Programm der SPD und der Grünen und der Linken genauer angeschaut. Sagen wir mal so: Bei der SPD habe ich zum ersten Mal etliche Vorschläge zum Thema Pflege gesehen. Das ist ein Fortschritt. Gut finde ich zum Beispiel den Ansatz der Familienarbeitszeit. Ein staatlicher Zuschuss für die Kinderbetreuung, wenn beide Eltern berufstätig sind. Die Idee ist, diese Unterstützung auch beim Thema Pflege einzuführen.
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