Reminder: So etwas wie „gay“ aussehen, gibt es nicht

Foto: Instagram @kendalljenner
Ich habe ein Problem mit dem aktuellen Vogue-Interview mit Kendall Jenner. Nein, eigentlich sogar mehrere.
Erst mal hat der Interviewer sie zu den Gerüchten befragt, lesbisch zu sein. Niemand (auch keine Celebrities, denen ständig unverschämte Fragen gestellt werden), sollte eine derartige Frage in der Öffentlichkeit beantworten müssen. Wenn jemand gay ist, sollte, – nein, muss – diese Person frei entscheiden, ob und wie sie es mit Menschen teilt (und in Jenners Fall mit der ganzen Welt teilen will).
Das größte Problem ist aber nicht die Frage, sondern die Art und Weise, wie sie die große Enthüllung aufgebaut haben.
„Kendall Jenner – Tomboy mit einem Faible für Oldtimer, Sneakers, Jeans und Hoodies, die lieber mit einer Männer-Clique ausgeht – ist nicht lesbisch“, schreibt die Vogue.
Oh, wirklich? Eine Frau, die es bequem mag, Autos cool findet und mit Männern abhängt, ist hetero? Im Ernst?
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Und dann erst der Aufbau des Interviews: Ein Stereotyp folgt dem Anderen und das innerhalb eines Satzes! Es bekräftigt das weitverbreitete Missverständnis, dass alle lesbischen Frauen gleich aussehen und sich gleich benehmen.
Geht man davon aus, dass diese sogenannten „maskulinen“ Züge, wie die Lust sich einen Hoodie überzuziehen und Sneakers zu tragen, auf die Sexualität einer Person hindeuten, würden feminine queere Frauen wie ich wohl nicht in der Gesellschaft existieren. Und das ist ein Thema, mit dem wir uns ständig beschäftigen und leider auch ständig für rechtfertigen müssen: Warum sehen wir so feminin aus? Tja, warum?
Ivan Coyote, eine queere Schriftstellerin schrieb in einem Gedicht: „An alle wahnsinnig schönen, leidenschaftlichen Frauen da draußen: Manchmal seid ihr unsichtbar. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlen muss, an Gleichgesinnten vorbeizulaufen und nicht erkannt, aber erst recht nicht gesehen zu werden.“
Ich kann es euch sagen. Man fühlt sich ausgegrenzt. Als sich meine Uni-Zeit dem Ende neigte, haben ein paar Frauen* und ich alles dafür getan, um gesehen zu werden. Wir haben unsere Rucksäcke mit etlichen Regenbögen bemalt und T-Shirts getragen auf denen „Legalize Gay“ oder „Vagatarian“ stand. Manche entschieden sich für einen „lesbischen Haarschnitt“, haben es aber später wieder bereut. Aber selbst als wir alles dafür getan haben zu zeigen, dass wir gay sind, glaubten manche uns nicht.
Lauren zum Beispiel war die toughe, überaus feminine und queere Leiterin des LGBTQ+ Programms an meiner Universität. Als ein Hetero-Redakteur der Unizeitung eines Tages kam, um ein Interview mit ihr zu führen, hat er ihre leidenschaftliche Art, ihre High Heels und ihr geschminktes Gesicht betrachtet und reagierte mit: „Du bist zu schön, um lesbisch zu sein.“
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Und das ist leider keine seltene Erfahrung. Als Lauren uns diese Geschichte während eines LGBTQ+ Gruppentreffens erzählte, meldeten sich zwei weitere Frauen zu Wort, denen dasselbe passiert ist. Auch ich höre diesen Spruch mehrmals im Monat. Sowohl hetero als auch lesbische Frauen tun sich schwer zu glauben, dass feminine Frauen auch lesbisch sein können. Lesbischen Frauen* wird tatsächlich gesagt, dass sie nicht in die queere Gesellschaft gehören, weil sie nicht queer „aussehen“. Es sorgt dafür, dass sich diese Frauen unsichtbar und nicht willkommen fühlen – und das macht mich wütend.
Also vielleicht ist Kendall Jenner nicht gay, aber ich bin es. Ich weiß aber nichts über Autos und mein Kleiderschrank ist voll von Kleidern und High Heels. Ich habe mehr als 20 Lippenstifte zu Hause und weiß, dass ein Highlighter mehr als nur ein Textmarker sein kann. Ich zähle nicht zu den Frauen, die man mit dem Wort „lesbisch“ assoziiert. Bedeutet das im Gegenzug, dass lesbische Frauen keine Oldtimer-Liebhaberinnen, Sneakers-Lover, und Boyfriend-Jeans tragende Frauen sein können?
Mit Sicherheit nicht. Ich bin mir sicher, eine lesbische Frau mit genau diesen Vorlieben existiert in dieser Welt. Wir sehen nun mal nicht alle gleich aus. Diese Stereotypen sind Schwachsinn. Und Kendall Jenners „maskulinen“ Züge und ihre sexuellen Vorlieben einem Stereotyp gegenüberzustellen, stellt gleichzeitig die gesamte Gemeinschaft der queeren Szene falsch dar.
Wir alle verdienen es, gesehen zu werden. Wir sind eine vielfältige Gruppe von Menschen mit Butches und Femmes und vielen Menschen, deren Geschlechterdarstellung irgendwo in der Mitte liegt. Jede Person verdient es, gesehen zu werden.
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