CEO & vermeintlicher Feminist feuert nach Missbrauchsvorwürfen seine Belegschaft

Foto: Loretta Gary
Die Angestellten der US-amerikanischen Modemarke Feminist Apparel dachten, sie wären Teil der Widerstandsbewegung und würden mit ihren Kleidungsstücken einen Beitrag leisten. Ihre Shirts, die Statements wie „Cats against catcalls” (Frauen wehren sich gegen Männer, die ihnen hinterher pfeifen oder sie dumm anmachen) und „Trans rights are human rights” (Trans*-Rechte sind Menschenrechte) konnte man beispielsweise auf Protesten und anderen Veranstaltungen wie dem Women’s March oft sehen. Das Label hat über 137.000 Follower auf Instagram und über 218.700 Personen folgen ihm auf Facebook. Mit den Einnahmen, die das Unternehmen durch den Verkauf seiner Produkte macht, unterstützt es unabhängige Künstler*innen und Partnerorganisationen. Eigentlich lief es also ganz gut, doch letzten Monat ging auf einmal alles den Bach hinunter.
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Die Angestellten des Labels fanden heraus, dass der Gründer und CEO Alan Javier Martofel zugegeben hatte, in der Vergangenheit Frauen sexuell missbraucht zu haben. Tatsächlich war das sogar der Grund dafür, dass er die Marke überhaupt ins Leben gerufen hat. Nachdem die neun Mitarbeiter*innen ihn aufgefordert hatten, zurückzutreten, wurden sie alle entlassen – ohne Kündigungsfrist oder Abfindung. Abgesehen von Martofel gehörte nun also nur noch ein Consultant auf freiberuflicher Basis zur Belegschaft.
„Patriarchat und toxische Maskulinität vom Feinsten“, so die künstlerische Leiterin Rebecca Green. „Ich bin einfach nur wütend und müde, aber meine Kolleg*innen und Freund*innen unterstützen mich. Es ist so traurig, dass es in diesem Büro Menschen gibt, die gedacht haben, dass ihr Beitrag zur Firma direkt helfen würde, einen sicheren Ort und eine Plattform für Opfer, Feminist*innen und Minderheiten zu gestalten. Meine Kreationen für das Unternehmen – und im weiteren Sinne auch für diesen Mann – sind basierend auf meinen eigenen Erfahrungen mit dem Patriarchat, toxischer Maskulinität und Belästigung entstanden. Ich fühle mich benutzt und wurde mutwillig in die Irre geführt“.
An example of clothing Feminist Apparel sells
A popular t-shirt sold by Feminist Apparel
Am 21. Juni wurde Feminist Apparel in einem Facebook-Posting verlinkt, in dem Martofel der Vergewaltigung beschuldigt wurde. Die Angestellten gingen dem Vorwurf nach und fanden einen privaten Facebook-Beitrag von Martofel aus dem Jahr 2013, in dem er zugibt, Frauen sexuell missbraucht zu haben. Er berichtet, wie er von der Vergewaltigungskultur erfuhr und dass er eine Firma mit dem Namen Feminist Apparel starten wollte – als bescheidener Versuch, es wiedergutzumachen. „Wir alle haben es entweder selbst erlebt, es gesehen, davon gehört oder tragen selbst Schuld. Ich selbst bin schuldig. Ich habe mich an Frauen im Bus oder auf Konzerten gerieben – ohne ihr Einverständnis. Ich habe mit betrunkenen Frauen auf Partys rumgemacht, weil es einfach war. Ich habe die Hand einer Frau auf meinen Schwanz gelegt, während sie schlief.“ Am Ende des langen Posts – der mit Statistiken gefüllt ist und in dem er sagt, dass man die meisten Vergewaltiger kennt, weil sie aus dem direkten Umfeld stammen – kündigt Alan Javier Martofel ein neues Unternehmen an und bittet um Hilfe, das weiterzusagen.
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Mit der Geschichte, die Martofel seinem damaligen Team auftischte, hat die Realität praktisch nichts zu tun. In Interviews hatte er in der Vergangenheit immer erzählt, dass ihm die Idee für Feminist Apparel beim Brainstorming im College kam. Damals arbeitete er an einer Dokumentation über sexuellen Missbrauch. Bei einem Interview mit Forbes im Jahr 2014 meinte er „Ich habe gelernt, was Feminismus ist und predigt und fand es beeindruckend”.
„Feminist Apparel war ein Ort mit ethischen, feministischen Werten“, so die ehemalige Büro- und Personalleiterin Ryker Fry gegenüber Refinery29. „Zu hören, was Alan gemacht und vor uns versteckt hat, war so schlimm. Es bedeutete, dass wir für jemanden gearbeitet haben, der nicht nur Frauen missbraucht hat, sondern auch noch Geld von Missbrauchsopfern nimmt“, weil sie es sind, die die Produkte von Feminist Apparel kaufen.
Am 21. Juni, dem Tag nach dem Facebook-Post, konfrontierten einige Angestellte Martofel persönlich. „Wir engagieren uns für Aktivismus und soziale Gerechtigkeit. Deswegen war es für uns auch logisch, wie wir reagieren müssen: indem wir in Aktion treten“, so die ehemaligen Mitarbeiter*innen in einer gemeinsamen öffentlichen Stellungnahme. „Unsere einzige Option war es, Alan aufzufordern, als CEO zurückzutreten und sich von der Firma zu distanzieren. Außerdem verlangten wir, dass er sich öffentlich bei unseren Kund*innen, Partner*innen, der feministischen Community und allen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, entschuldigt. Bei allen, die er in dieser Zeit ausgenutzt hat“.
Laut einiger Mitarbeiter*innen gab er sofort alles zu und bestätigte die Anschuldigungen. Er sagte, er würde sein Amt niederlegen, weil er eine Belastung für die Firma sei. Die Beschäftigten gingen zurück an die Arbeit, doch dann nahm die Geschichte eine unerwartete Wendung.
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Als sie am Tag, nachdem Martofel gegangen war, eine ganz normale Bestellung aufgaben, stellte ein Teammitglied fest, dass die Kreditkarte des Unternehmens abgelehnt wurde. Einige Beschäftigte erzählten Refinery29, dass sie beschlossen, die Website vorübergehend offline zu nehmen, bis alles geklärt würde. Vier Tage nach dem angekündigten Rücktritt Martofels schrieb er dem gesamten Team intern, dass den Rest der Woche niemand zur Arbeit kommen solle. Er würde den ausstehenden Bestellungen mithilfe Dritter nachkommen und ihnen am Freitag ein Update geben. Am Samstag stellten die Mitarbeiter*innen fest, dass die Firmen-E-Mailkonten geschlossen wurden, die Website von Feminist Apparel aber live war und Bestellungen angenommen wurden. Sie versuchten Martofel mehrfach zu erreichen, aber er ignorierte alle Nachrichten. Am darauffolgenden Sonntagmorgen, kurz vor 6 Uhr, wurden alle gefeuert – durch eine E-Mail, die an ihre privaten Adressen ging.
„Die Art und Weise wie er mit der Situation umging, überraschte kaum, aber sie schockierte uns. Es ist eine Sache, dass er uns angelogen und gesagt hat, er würde zurücktreten, nur, um uns anschließend zu feuern. Aber das auch noch stillschweigend zu machen ist eine andere. Abgesehen von der Slack-Nachricht – die aus zwei Sätzen bestand – hat er zwei Wochen lang nicht mit uns kommuniziert. Wir hatten keine Ahnung, wie es mit unseren Jobs weitergeht. Ob unsere Lebensgrundlage in Gefahr war. Das war schockierend und vielsagend“, erzählt Kerri Grogan, eine ehemalige Grafikdesignerin. Martofel lehnte Interviews ab, aber reagierte auf den Vorfall mit einem Facebook-Beitrag auf der Seite der Brand, in dem er ankündigte, dass das Unternehmen ein neues Management sucht. Gegenüber Refinery29 sagte er aus, „die gesamte Situation ist traurig und schwierig und ich werde noch etwas Zeit benötigen, um das Ganze zu reflektieren, bevor ich dazu mehr sagen kann“. Außerdem postete er ein Statement auf dem Blog von Feminist Apparel:
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„Auch wenn ich mein früheres Verhalten bereue, haben meine kontinuierliche Reflexion und die Unterhaltungen darüber mir dabei geholfen, zu der Person zu werden, die ich jetzt bin. Dadurch habe ich die nötigen Werkzeuge bekommen, um das Unternehmen aufzubauen, das immer bestrebt war, ein sicherer, einladender Ort für alle zu sein. Traurigerweise wurde ich von meinen jetzt ehemaligen Mitarbeiter*innen bei einem Meeting am Freitag unmissverständlich darauf aufmerksam gemacht, dass sie weder meine Ansichten zum Business noch zu Feminismus teilen. Als direkte Konsequenz wurden alle Tätigkeiten des Betriebs für eine Woche unterbrochen – wobei alle Beschäftigten weiter bezahlt wurden. Ich wog alle Möglichkeiten, wie es weitergehen könnte, ab und entschied nach reiflichem Überdenken, vorschriftsgemäß und dem Mitarbeiterhandbuch entsprechend, ohne die Beschäftigten weiterzumachen. Ich glaube aufrichtig an Feminist Apparel, eine Mission und die wichtigen Angelegenheiten und Individuen, die es unterstützt. Genau deswegen muss ich das tun, was auf lange Sicht das Beste für das Unternehmen ist“.
Diese Antwort gibt etwas wieder, worauf viele der ehemaligen Angestellten bereits hingewiesen hatten: Martofel hat keine Ahnung, was es heißt, ein Verbündeter zu sein. Sie sagen, dass sich die feministischen Ziele des Unternehmens nach seiner Person ausrichteten. Er setzte seine Meinung oft an erste Stelle und ignorierte Anfragen und Ratschläge von People of Color, queeren Personen und Opfern – auch in Kampagnen, die sich genau an diese Menschen richteten.
„Ich habe das Gefühl, dass es bei Unternehmen, die sich als Verbündete verstehen, nicht richtig kommuniziert wird, wer eine Stimme bekommen soll. Alan schien gedacht zu haben, dass seine Stimme immer an erster Stelle stehen soll“, so die ehemalige Grafikdesignerin Claire Quigley. „Die beste Art ein*e Verbündete*r zu sein, ist NICHT vom Feminismus oder von Missbrauchsopfern zu profitieren“, sagt Grogan.
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„Es ist einfach lächerlich, dass jemand, der Menschen missbraucht hat, die Dreistigkeit besitzt, sich selbst als Feminist zu bezeichnen oder zu denken, dass er das Recht dazu hat, Geld durch Menschen zu verdienen, die er missbraucht hat – und sich dann auch noch als Held zu sehen“, ergänzt Fry.
Quigley erzählte Refinery29, dass sie in früheren Jobs mit Belästigung und Missbrauch konfrontiert wurde. Doch ihre Kolleg*innen bei Feminist Apparel würden ihr den „Mut geben, endlich etwas zu machen, nein zu einem Missbrauchstäter zu sagen und gegen Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz zu kämpfen“.
Die Mitarbeiter*innen, die gefeuert wurden, haben bisher noch keine Stellung zu möglichen rechtlichen Schritten genommen. Aber einige haben ihre Meinung auf ihren persönlichen Social-Media-Kanälen geteilt. Außerdem haben sie zusammen eine Tumblr-Seite mit den Details der Geschichte veröffentlicht.
In einem solchen Szenario stellt sich unumgänglich auch folgende Frage: Was hätte es geholfen, wenn Martofel von Anfang an offen und ehrlich mit seiner Vergangenheit umgegangen wäre? Denn wir betreten nun eine Grauzone, die im besten Fall Ermessens- oder Auslegungssache ist. Angenommen jedoch er hätte den Mitarbeiter*innen noch vor Jobbeginn erzählt, dass er zuvor schwere Fehler begangen hatte, die er bereut und am liebsten rückgängig machen würde. Weil das aber unmöglich ist, hoffe er mit Feminist Apparel wenigstens einen Schritt in die richtige Richtung gehen zu können. Dann hätten Jobanwärter*innen sich immer noch überlegen können, ob sie mit Martofels Vergangenheit umgehen können und mit ihm zusammenarbeiten wollen oder eben nicht. Doch diese Entscheidungsfreiheit gab er ihnen erst gar nicht.
Ob es Martofel nur darum ging, mit dem Unternehmen Profit zu machen, wissen wir nicht. Es ist nicht offengelegt, wie viel Geld in seiner eigenen Tasche landete und wie viel er tatsächlich gespendet hat. Tatsache ist jedoch, dass er komplett falsch gehandelt hat, als seine Vergangenheit ans Licht kam: Erst einzuwilligen, freiwillig zu gehen, und dann einfach alle zu feuern, scheint in diesem Zusammenhang alles andere als empathisch, selbstreflektiert oder mutig.
„Das alles hat schwerwiegende Folgen für uns alle – Arbeitslosigkeit, vielleicht sogar Vergeltungsmaßnahmen durch Alan. Er hat eine Gruppe von Menschen um sich versammelt, die eine so große Leidenschaft für ihre Ideale hegen, dass sie diese buchstäblich zu ihren Vollzeitjobs gemacht haben. Er hat sich damit ins eigene Fleisch geschnitten, als er sich mit ‚echten‘ Feminist*innen umgab, denn wir wussten sofort, dass die Wahrheit das Wichtigste ist.“
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