Warum der Staat per Gesetz für faire Mode sorgen sollte

Dieser Artikel erschien zuerst bei Annabelle / Instagram / Facebook  
Es liegt am Konsumenten, sich für fair produzierte Kleidung zu entscheiden. Aber es liegt am Staat, gute Gesetze zu schaffen, die auch dann schützen, wenn man nicht genau hinsehen will, meint Barbara Loop.
Foto: Phoebe Chuason
Neulich an einem Empfang kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch, die Soziologie studieren will wie ich einst. Ich erzählte, dass ich heute als Journalistin über Mode schreibe, «Mode?», grätschte ihr Vater dazwischen und machte klar, dass das Thema nicht nur moralisch verwerflich sei, sondern auch den Tiefgang einer Regenpfütze habe, die seine Tochter auf ihrem beruflichen Weg bitte überspringen möge.
Interessant, dachte ich, denn eigentlich kommen sich derzeit in der Mode Politik und Moral so nah wie sonst nur beim Kirchenbesuch am Abstimmungssonntag. Zumindest gewinne ich diesen Eindruck ob der Pressemitteilungen, die fast täglich neue Mode aus nachhaltiger Produktion anpreisen: Bio-Baumwolle, «Better Cotton» oder «nachhaltige Garderobe» statt Trends. Es gibt Marken, die faire Löhne versprechen, und andere, die schier endlose Listen mit Zulieferern veröffentlichen. Aus Pet werden Handtaschen, aus dem Plastikabfall im Meer Schuhe.
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Es liege in unserer Hand, ob Kinder in der Türkei unsere Anzüge nähen oder fair entlöhnte Näherinnen in Italien, heisst es, wir müssten beim Shoppen nur richtig entscheiden. Aber was unterscheidet «Organic Cotton» von «Better Cotton»? Und braucht es gar mehr Energie, um Plastik zu recyceln, als neuen zu produzieren? Solche Fragen zu beantworten, ist ein zeitintensives Unterfangen, das nicht selten zum Scheitern verurteilt ist. Auch die gut informierte Kundin wird die Aufgabe von sich weisen oder kapitulieren – sicher aber beständig gegen ihre Vorsätze verstossen.
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Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist wichtig, diese Fragen zu stellen. Das Problembewusstsein hat viel in Gang gebracht: Im verantwortungsbewussten Einkaufen sehen Konsumenten einen Imagegewinn und Produzenten eine lukrative Nische. Doch die Grenzen der Freiwilligkeit sind zu offensichtlich, um sie zu ignorieren. Mit Tally Weijl hat gerade mal eine einzige Schweizer Firma den «Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh» unterzeichnet. Das Abkommen der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign soll dafür sorgen, dass sich eine Katastrophe wie der Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik bei Dhaka 2013 mit Tausenden Toten nicht wiederholen kann. Anstatt zu unterzeichnen und einen Sicherheitsstandard festzulegen, setzen die Firmen auf freiwillige Massnahmen. Herauszufinden, was das im Einzelfall bedeutet, ist am Ende wieder den Konsumenten überlassen.
Bei all den Diskussionen um ethischen Konsum geht oft der Garant der freien Marktwirtschaft vergessen: der Staat. Produzenten und Konsumenten brauchen verbindliche Rahmenbedingungen, um handlungsfähig zu sein. Diese gilt es zu verbessern, und zwar über die Grenzen der Schweiz hinaus.
Im Parlament wird derzeit die Konzernverantwortungsinitiative diskutiert. Sie verlangt, dass Schweizer Firmen auch für Menschenrechtsvergehen und Umweltschutzverstösse ihrer ausländischen Tochtergesellschaften haftbar gemacht werden können, sofern sie ihrer Sorgfaltsprüfungspflicht nicht nachkommen. Egal, ob am Ende der Initiativtext oder ein Gegenvorschlag vors Volk kommt, wir sollten uns bewusst sein: Als Kunde regieren wir mit unserem Geld, aber als Bürger mit unserer Stimme – und eine Stimme haben alle, auch diejenigen, die beim Thema Mode lieber in die andere Richtung schauen. Gute Gesetze sind wie Gummistiefel im Regen, sie schützen einen auch dann vor dem grössten Dreck, wenn man mal wieder nicht so genau hinsieht und mitten in die Pfütze tritt.
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