#FinanceIsFemale: Warum wir über Frauen in den Chefetagen der Finanzwelt sprechen müssen

Illustration: Anna Sudit
Stellen wir uns die Finanzbranche doch einmal kurz als vergoldeten Turm vor. Innen, auf dem Weg nach oben, begegnen uns viele Frauen, sie winken von ihren festen Positionen auf der Wendeltreppe. Doch in der Spitze angekommen, sitzen da nur noch Männer, sie zählen die Taler in den Chefsesseln. Um konkret zu werden: Die Finanzwelt ist in der Führungsetage männlich. In den größten deutschen Finanzunternehmen ist nur jede zehnte Vorstandsposition mit einer Frau besetzt. Beratung, Wertpapierhandel und Aktienanalyse – das sind in dieser Welt hauptsächlich die Jobs für die Frauen.

Laut der aktuellen Studie „Women in Financial Services im Auftrag des Managementunternehmens Oliver Wyman ist Deutschland im internationalen Vergleich ziemlich rückschrittlich, was den Frauenanteil in den Führungspositionen im Finanzsektor betrifft. „Die größten deutschen Finanzunternehmen zählen zu den Instituten, die im internationalen Vergleich ohne Dynamik im Mittelfeld feststecken, während Länder wie Großbritannien, die USA, Polen, Italien, die Niederlande und Österreich zu den Aufsteigern zählen“, sagt Astrid Jäkel, Leiterin der Studie.

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Ohne spürbare Veränderungen wird laut Hochrechnungen weltweit erst 2048 ein Frauenanteil von 30 Prozent in den Vorständen erreicht sein

Woran liegt das? Sind die traditionellen Geschlechterrollen immer noch in den Köpfen der Vorstände und sehen die für Frauen oft eher die Mutterrolle oder eben eine Teilzeittätigkeit, statt der ambitionierten Steil-Karriere an der Spitze?

„In Deutschland hat das sicherlich historisch gewachsene Gründe. Ich finde, dass unser Land ein wunderbares Land ist, aber bei Umsetzungen bzw. Vorreiterrollen hinken wir immer etwas zurück. Der deutsche Pragmatismus hat mehr das Abwägen und weniger das Machen im Fokus. Wir brauchen aber mehr Macher und Macherinnen in der Debatte rund um Frauen und deren Karriereoptionen”, sagt Tijen Onaran, sie ist Gründerin und Vorsitzende von Women in Digital e.V. (kurz #WIDI) und widmet sich unter dem Hashtag #FinanceIsFemale dem Thema „Frauen und Finanzen - the next big thing?”. Am 15. November findet dazu in Frankfurt ein WIDIEvent mit Paneldiskussion statt. Wir haben vorab mit der Initiatorin über die notwendigen Veränderungen im Finanzsektor und den Status-Quo in der Wirtschaft gesprochen.

Tijen, warum widmet sich WIDI mit dem nächsten Event dem Thema „Frauen und Finanzen"?
Das Thema lag uns deshalb am Herzen, weil wir gesehen haben, dass es in der WIDI Community einige Frauen aus dem Finanzsektor gibt, die einen spannenden Weg und eine inspirierende Geschichte mitbringen. Diesen Lebenswegen möchten wir zu Sichtbarkeit verhelfen und Vorbilder schaffen, die den Finanzsektor greifbarer und nahbarer machen. Zudem ist die Finanzbranche derzeit an einem spannenden Punkt: die Fintech-Szene stellt einige etablierte Geschäftsmodelle auf den Kopf und mitunter sind es auch Frauen, die als Gründerinnen oder Entscheiderinnen in den Unternehmen, in der Branche tätig, aber tendenziell nicht auf „Frauen-Events“ zu finden sind. Diesen Aspekt fanden wir spannend und das Projekt „WIDIEvent Frauen & Finanzen“ war geboren!
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Foto: Urban Zintel
Wie erklärst du dir den langsamen Wachstum des Frauenanteils in den Führungspositionen der Finanzwelt?
So lange ist das Thema „mehr Frauen in Führungspositionen“ noch gar nicht auf der Agenda. Wenn wir heute Initiativen für den Nachwuchs, ob an Schulen oder Kindergärten, schaffen, die insbesondere junge Mädchen schon für bspw. den Finanzsektor oder auch MINT-Berufe begeistern sollen, werden wir nicht direkt morgen die Veränderung sehen. Eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Entwicklung braucht viel Zeit, Geduld und vor allem: Mentoren und Vorbilder!

Die Reduktion auf Frau oder Mann in einem Job jenseits der inhaltlichen Arbeit suggeriert immer wieder, dass es etwas Besonderes sein muss

Tijen Onaran

Wie könnten es Politik und Gesellschaft einfacher machen für Frauen mit Karriereambitionen?

Indem das Thema „Frauenförderung“ nicht als Frauen-Thema, sondern als gesamtgesellschaftliches Thema betrachtet wird. Ein diverses Team ist der Wettbewerbsgarant schlechthin. Zudem glaube ich fest daran, dass wir in der Debattenkultur rund um Diversität eine pragmatischere und weniger empörungsbehaftete Tonalität brauchen. Ich möchte nicht, dass die Generation nach mir mit dem Bewusstsein aufwächst, dass Frau-Sein an sich ein Manko ist. Wir brauchen mehr Investments in Mentoringprogramme, in die Förderung von Zukunftsskills wie IT-Kenntnisse für Kids und in Weiterbildungsprogramme – allerdings vor allem für Lehrerinnen und Lehrer, die dem Nachwuchs die Vielfalt der Berufswelt mit all ihren Facetten aufzeigen und greifbar machen.

Mit welchem Stereotyp sind Frauen in Vorständen an sich heute noch behaftet?

Dass ihnen immer noch solche Fragen gestellt werden. Die Reduktion auf Frau oder Mann in einem Job jenseits der inhaltlichen Arbeit suggeriert immer wieder, dass es etwas Besonderes sein muss. Das ist es aber nicht. Egal ob Mann oder Frau – der Job kann gut oder schlecht gemacht werden – was nicht am Geschlecht liegt, sondern an der Eignung und den Fähigkeiten der Person.

Auf welche Aspekte des Panels und Gesprächspartner freust du dich am meisten?
Ich freue mich besonders darauf, den unterschiedlichen Stories der Frauen zu lauschen. Das Panel an sich ist so bunt wie unsere Community: wir haben mit Nora Beckershaus, Managing Director von Refinery29 ein klasse Role Model aus dem Journalismus. Sie hat zum einen selbst eine spannende Geschichte, zum anderen bringt sie einen analytischen Blick auf die Entwicklungen im Finanzsektor hinsichtlich Frauen mit. Mit Salome Preiswerk, der Gründerin von Whitebox haben wir eine Frau, die derzeit den Anlagen-Sektor revolutioniert und sicherlich ein Portfolio an Geschichten aus dem Finanzsektor im Gepäck hat. Zudem haben wir mit Birgit Storz, Managerin bei der Commerzbank, und Johanna Weber als Head of Media Relations bei Munich RE, zwei Frauen die auf eine erfolgreiche Karriere in Konzernen zurückblicken können und tolle Vorbilder sind. Und: mit Dagmar Nedbal von Mastercard und Petra Justenvoven von PwC inspirierende Keynote-Speakerinnen, die uns aufzeigen wie ihr Weg war und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielte!

#FinanceIsFemale. Frauen und Finanzen - the next big thing?
15.November 2016, 10-14Uhr Frankfurt a.M., pwc Tower 185
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