Zeigt endlich mehr Antiheldinnen in Serien & Filmen

Wer ist eure Lieblingsfrauenfigur aus Film und Fernsehen? Serena van der Woodsen, die reiche, aber trotzdem nette und liebenswürdige Hauptfigur aus Gossip Girl? Oder mögt ihr es modischer und eine Spur romantischer und seid Fans von Carrie Bradshaw aus Sex And The City? Oder habt ihr euer Filmherz der ewig großäugigen und wunderschönen Holly Golightly aus Frühstück bei Tiffany geschenkt?
Mein Lieblingsfilmcharakter ist Amy Dunne aus Gone Girl. Sie ist eine Psychopathin, die – Achtung, Spoiler – sich selbst umbringen und ihrem Mann den „Mord“ anhängen will, weil er sich nicht mehr genug Mühe in ihrer Ehe gibt. Macht mich diese Antwort unbeliebter auf Onlinepartnerbörsen? Möglich. Lässt dieser Lieblingscharakter tief in meine Seele blicken? Ja. Aber anders als man glauben könnte.
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Ich liebe Amy Dunne nämlich nicht, weil sie eine Bösewichtin ist. Ich liebe sie, weil sie ein komplexer Frauencharakter ist.
Amy Dunne ist mehr als „nur“ eine verrückte Psychotante. Sie handelt durchdacht, kontrolliert und vorausschauend. Sie ist zielorientiert, ambitioniert und würde sogar wortwörtlich über ihre eigene Leiche gehen, wenn es denn bedeutet, umzusetzen, was sie sich in den Kopf und auf ihre To-Do-Liste gesetzt hat. Amy Dunne ist schlichtweg der feuchte Traum jedes Listenschreibers und Kontrollfreaks. Und wahrscheinlich auch jedes Personalers, der eine Managementposition zu besetzen hat.
Dadurch, dass Amy eine Bösewichtin ist, hat sie riesigen Handlungsspielraum. Während gute Frauencharaktere zum Bravsein (aka Passivsein) verdammt scheinen, kann Amy auf der gesamten Gefühlsklaviatur spielen. Sie ist durchtrieben, verführerisch, gemein, bösartig, ängstlich und klug: all das ist Amazing Amy. Und Plot-Twist: All das sind alle echten Frauen im richtigen Leben auch mal. Ohne wie das Meredith-Brooks-Lied aus den 90ern klingen zu wollen: Frauen sind Bitches, aber sie sind auch Kinder, Sünderinnen und Heilige und vieles mehr.
Sieht man sich aber die Darstellung von Frauen in Film und Fernsehen an, könnte man glauben, Frauen sind nur eines: grundgute Wesen. Wer ist das weibliche Pendant zu Hannibal Lecter? Wer ist Gordon Gekkos weibliche Entsprechung? Welche Frau ist so bösartig wie Darth Vader? Und warum ist das wichtig? Wenn Frauencharaktere als treusorgend, freundlich und lieb dargestellt werden, ist das doch toll. Frauen sollen sich doch mal freuen: Sie bekommen quasi ein blütenreines Image, da sie immer nur als „die Guten“ dargestellt werden.

Wer ist das weibliche Pendant zu Hannibal Lecter? Wer ist Gordon Gekkos weibliche Entsprechung? Welche Frau ist so bösartig wie Darth Vader? Und warum ist das wichtig?

Wenn aber fiktionale Frauen vor allem gut sind, dann zeigen sie nur eine Seite ihrer Persönlichkeit und auch nur eine Art von Handlungen als „normal“. Getreu dem Motto „Monkey See, Monkey Do“ gilt nämlich: Bilder in den Medien haben Vorbildcharakter. Haben Frauen nur „positive“ Vorbilder, werden ihnen negative Emotionen und Handlungen abgesprochen und als „unnormal“ angesehen.
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In einer perfekten Welt wäre das unproblematisch, würden wir uns doch immer moralisch richtig und durchdacht verhalten. Aber in der harten, bitteren Realität kommt es vor, dass man sich moralisch fragwürdig, wenn nicht sogar falsch verhält. Weil es der Moment erfordert, weil es einem Ziel dient oder schlichtweg, weil man sich nicht anders zu helfen weiß. Ohne weibliche Charaktere in den Medien, die auch mal etwas „Schlechtes“ machen, fehlt es Frauen aber an Vorbildern, wenn es darum geht, auch mal nicht gut und nett zu sein.
Ein Typ macht dich nachts in der U-Bahn an? Bloß nicht unhöflich sein. Lieber mit einem Lächeln und sehr höflich klar machen, dass du kein Interesse hast. Beim Vorstellungsgespräch sagt man dir, dass man bei der Bezahlung „leider gar nichts machen kann“ und das mickrige Gehalt gesetzt ist? Lieber annehmen und nicht rumdiskutieren, sonst glauben die noch, du bist eine Zicke. Du hast keine Lust auf Sex, aber dein Freund möchte unbedingt? Naja, mach halt schnell, dann musst du das nicht ausdiskutieren. Wenn alles, was von „gut sein“ abweicht, nicht nur schlecht, sondern einfach außerhalb der Norm ist, dann ist es für Frauen buchstäblich undenkbar, dass es andere Verhaltensmöglichkeiten als „gut sein“ gibt. Dass die Antwort auf eine Beleidigung kein Lächeln ist. Dass man sich manchmal die Hände schmutzig machen muss, um es später besser zu haben. Dass „Nein“ ein ganzer Satz ist.
Und nicht nur die Frauen denken nicht daran, dass sie andere Seiten als „nett“ und „gut“ haben. Auch die Gesellschaft glaubt, dass das übergeordnete Ziel als Frau ist, ein guter Mensch zu sein. Nur scheinbar ehrt das Frauen, denn irgendwann braucht man jemanden, der kaltschnäuzig, berechnend, ambitioniert oder einfach nur ein „harter Brocken“ ist. Solche Aufgaben will man Frauen nicht zumuten, sie sind schließlich die Guten. Und naja, man weiß ja auch nicht, ob die das so hinkriegen, mit dem knallhart sein. Sie sind doch immer so lieb und nett. Blöd nur, dass die spannenden Aufgaben, die gut bezahlten Jobs, die großen Abenteuer es oft erfordern, dass man ein „harter Brocken“ ist.
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Frauen müssen nicht „männlicher“ wirken, um ernstgenommen zu werden. Frauencharaktere in Serien und Filmen müssen realistischere Frauenbilder zeigen, damit niemand mehr von einer Frau überrascht ist, die auch mal die harte Tour fährt.

Das hier ist kein Aufruf, ein Arschloch zu sein oder sich wie eine Psychopathin à la Amy Dunne zu verhalten und jemanden umzubringen. Es ist schon gar keiner dieser Texte, die Frauen erklären, dass sie bestimmte männliche Verhaltensweisen übernehmen müssen, um im Job ernstgenommen zu werden. Frauen müssen nicht „männlicher“ wirken, um ernstgenommen zu werden. Frauencharaktere in Serien und Filmen müssen realistischere Frauenbilder zeigen, damit niemand mehr von einer Frau überrascht ist, die auch mal die harte Tour fährt.
Denn die Wahrheit ist – und ich kann wirklich nicht glauben, dass ich das in 2017 noch schreiben muss – dass jede Frau eine böse Frau ist. Jede von uns hat ihre schlechten, miesen Seiten. Uns als Engel oder gute Seelen darzustellen ist kein Kompliment, es ist eine Lüge, die schwerwiegende Konsequenzen hat. Sie verhindert, dass Frauen und Mädchen Rollen in der Gesellschaft einnehmen, die unbequeme Meinungen erfordern. Sie verhindert, dass Frauen und Mädchen in Familien und Partnerschaften ihre Meinung kundtun, weil sie Angst davor haben, keine „gute“ Mutter, keine „gute“ Tochter, kein „gutes“ Mädchen zu sein. Kurzum: Die idealisierte Darstellung von Frauencharakteren in Serien und Filmen stellt Frauen auf ein Podest und verhindert so, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe miteinander diskutieren und arbeiten können.
Es gibt diesen alten Witz: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überallhin. Es bleibt zu hoffen, dass „überallhin“ bald auch Kino, Serien und Fernsehen einschließt.
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