Julie Golightly über die Berlinale, Zauberkräfte und Göttinnen

Es gibt manchmal so Dinge, vor denen man sich fürchtet. Für die man Zauberkräfte bräuchte und dann hat man aber grade keine auf Vorrat. Ich hatte zum Beispiel ziemlichen Bammel vor meiner ersten Geburt. Ich dachte dann aber, irgendwie wird es schon hinhauen, wie auch immer. Währenddessen dachte ich dann, halt, stopp, zurück, ich habe mich geirrt, das hier scheint eine Sackgasse zu sein. Hinterher dachte ich, auch gut, dass es jetzt geschafft ist. Denke ich immer noch.
Vor der Berlinale hab ich mich auch ein bisschen gefürchtet. Abends Premieren, Empfänge, Partys, frühmorgens die Kinder, dann den ganzen Tag im Kino rumrennen, eine Berlinalereihe betreuen und Filme moderieren, den Regisseuren und Regisseurinnen nach dem Film Fragen stellen, ununterbrochen Filme. Filme über unsere sehr zerbrechliche Welt. Über Ignoranz. Und kleine Möglichkeiten. Ich muss mich um die Teams kümmern. Bloß nicht andauernd Namen verwechseln. Dann alles auf englisch. Eigentlich alles toll. Ich schlafe nur eben auch sehr gerne. Und die Aussicht auf zehn bettarme Tage gruselt mich.
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Am Abend düse ich nach Hause, wo mein Vater die Stellung hält und zu viel Salz im Essen versenkt. Die Kinder haben auch so einiges versenkt, in der Badewanne. Ich finde noch eine brauchbare gute Nachtgeschichte in meinem Gehirn, das war bestimmt die allerletzte, die ich jemals hinbekomme, denke ich, bevor es nochmal in die Nacht geht. Ich nehme den Müll mit nach unten. In der rechten Hand den Schlüssel. Zum Glück landet der Müll in der Tonne und nicht mit mir im Taxi. So geht das also über eine Woche. Meine Tochter hat mir vor dem einschlafen ein Bild gegeben. „Das bist Du und Koko.“ Sagt sie. Koko ist meine beste Freundin. Auf dem Bild sieht man zwei Frauen mit vielen Haaren und Kleidern, eine der Frauen ist sehr rund. Darunter steht in dicker blauer Schrift: GÖTTENIN. Göttenin? Ich brauche eine Weile, bis ich es verstehe. Ich küsse sie und gehe, meine Tochter bringt ihre Puppe ins Bett.
Ich kenne ja viele Göttinnen. Eine davon ist Koko. Also Claudia Lehmann. Mit ihr war ich beim Female Film Cocktail. Wir sehen einen Dokumentarfilm über ehemalige IS-Sklavinnen. Uns ist schwindelig. Ein Mädchen in dem Film ist erst 16 und hat schon drei Kinder. Durch Vergewaltigungen. Koko ist hochschwanger. Eigentlich kurz vor dem Platzen. Sie hat grade ihren Film fertiggedreht. Konzept, Regie, Produktion, alles. Unsere Kinder werfen wir uns gegenseitig zu, wenn wir arbeiten. Oder nehmen sie auch mal mit. Koko sieht so aus wie immer, nur eben mit Kugel. Sie ist so schön an diesem Abend in den dicken schwarzen Stiefeln und den schwarzen Kleidern , die sie immer trägt. Sie wuselt auch genauso herum wie immer. Raucht halt mal nicht. Sie kommt wieder angeflitzt. „Hier reden alle von Nobodys doll? Was soll das sein? Verstehe ich nicht.“ Sie verstand auch nicht den Lehrer ihrer Schule, der sie vor dem Abitur fragte, was sie denn so machen wolle in ihrem Leben. Sie antwortete „Physik.“ Da sagte er „Oh, wir wollen hier auch einen Kurs machen, FRAUEN UND TECHNIK.“ Ich weiß nicht mehr, ob sie ihm eine gescheuert hat oder es nur wollte. Sie verstand ihn einfach nicht. Sie erzählt jetzt mal wieder von ihrem Lieblingsfilm. AMAZONIEN. Den hat zufällig mein Bruder gemacht. Mit mir. AMAZONIEN spielt im Jahr 2045 oder so. Die Welt wird schon eine längere Zeit von Frauen beherrscht. Ich spiele die Oberamazone, die sehr viel Arbeit hat. Man lebt in Afrika, Deutschland ist inzwischen ein Entwicklungsland, nur noch einige alte Menschen hausen dort. Meine Mutter hat eine von ihnen gespielt, auf ihrem Pferd, sie redete polnisch. Die Kinder werden seit langem komplett von Männern ausgetragen und aufgezogen. Das ist ihre alleinige und einzige Aufgabe. Koko schaut mich erschöpft an. Hält ihren riesigen Bauch fest. Sie sagt „Amazonien war ein ganz schön toller Film. Genau das bräuchte ich jetzt! Ich weiß nämlich nicht genau, wie ich das alles schaffen soll!“ Ich bekomme eine SMS von einem befreundeten Regisseur. Er schreibt: „Berlinale Frage: hast Du schon einmal mit einem Regisseur geschlafen, um eine Rolle zu bekommen?“ Ich antworte: „Ich spiele doch die Rolle nur, damit ich hinterher mit dem Regisseur/der Regisseurin schlafen kann.“ Er: „Aha.“ Ich: „Ich möchte momentan mit Tom Röhler und Doris Krebitz schlafen. Muss ich jetzt wirklich vorher bei ihnen spielen?“ Er: „Opfer müssen gebracht werden, Schätzchen. Höschen hoch und Text lernen!“ Ich: „Oh Gott, werde ich jetzt wirklich auf meine Rolle als ernsthafte Schauspielerin reduziert?“
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Jetzt ist es zehn Tage später, die Berlinale ist merkwürdigerweise überlebt. Womöglich war es zu spannend, um umzukippen. Die Kinder und ich sind etwas angeschlagen, aber das Bett steht ja noch. Wir schaffen zusammen ja eine ganze Menge. Vielleicht muss man nicht immer wissen, wo die Zauberkräfte herkommen, wenn man einfach weiß, dass sie immer für uns da sind.
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