Hormonelle Verhütung zu kritisieren ist ein privilegiertes First-World-Problem

Foto: Sophia Giesecke
Nimmst du die Pille? Auf diese Frage antworten die meisten Frauen in ihren Zwanzigern mit einem eindeutigen „Ja“. Verständlich, denn die Pille erleichtert uns viele Dinge. Die Einnahme ist unkompliziert und bringt zudem ein paar sehr angenehme Nebeneffekte mit sich. Doch welchen Hormoncocktail Frauen täglich zu sich nehmen & welche Neben- und Nachwirkungen auftreten können, das wird häufig zu wenig oder gar nicht thematisiert. Wir finden, es fehlt eine angemessene Informationspolitik! Diese Kluft wollen wir schließen und läuten nach ausgiebiger Recherche und Gesprächen mit Expert*innen die Themenwoche „BitterSweet“ rund um die Antibabypille ein, um dich umfassend und differenziert zu informieren.
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Die Antibabypille steht derzeit in der Kritik

Hormonelle Verhütung, insbesondere die Pille, hat in den letzten Jahren einen ziemlichen Imageschaden erlitten. Wurden Antibabypillen bis vor etwa fünf Jahren gefühlt noch wie Smarties verschrieben und geschluckt, regt sich mittlerweile bei vielen Widerstand – nicht zu unrecht! Und doch gehört auch die Kritik hinterfragt, denn der Erstauslöser war eine 2016 veröffentlichten Studie, die hormonelle Verhütung klar mit Depressionen in Verbindung bringt und die öffentliche Diskussion ordentlich angeheizt hat. Immer häufiger melden sich Stimmen zu Wort, die behaupten, die verheerenden Nebenwirkungen der Pille seien bislang von der Pharmaindustrie unter Verschluss gehalten worden.
Bei all den Nebenwirkungen, vermeintlichen Verschwörungen und fehlenden Langzeitstudien liegt die Reaktion nahe, seine angebrochene Pillenpackung zu nehmen und in die Tonne zu hauen. Auf Nimmerwiedersehen! Bevor du das aber tust, solltest du einen Blick auf das große Ganze der hormonellen Verhütung werfen. Denn obwohl man die schlechten Seiten der Pille oder anderen hormonellen Methoden wie dem Vaginalring, Verhütungspflastern und Verhütungsstäbchen, der Hormonspirale und Depot-Präparaten wie die Drei-Monats-Spritze keinesfalls herunterspielen darf, sind sie doch nur ein Teil der komplexen Wahrheit rund um Verhütungsmittel für Frauen. Denn was mindestens genauso wichtig ist, und was in der Diskussion oft unerwähnt bleibt: Die Möglichkeit der Verhütung ist ein Privileg und stellt nicht nur medizinischen Fortschritt dar.

Die Möglichkeit der Verhütung ist ein Privileg

Aber von Anfang: Ja, Teilinhalte der veröffentlichten Artikel weisen zu recht darauf hin, dass es Auswirkungen auf die Stimmung einer Person haben kann, wenn in ihren Hormonhaushalt eingegriffen wird. Zu behaupten, dass es sich bei dieser Erkenntnis um ein gut behütetes Geheimnis handelt, das jetzt erst enthüllt wurde, ist jedoch schlicht nicht wahr.
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Menschen reagieren unterschiedlich auf verschiedene chemische Zusammensetzungen: Was für die eine Person problemlos funktioniert, kann das Leben einer anderen ruinieren.

Dass Angstzustände, Stimmungsschwankungen und Depressionen negative Nebeneffekte der Pille sein können, ist schon lange bekannt. Zumal die Verbindung zwischen Depressionen und hormoneller Empfängnisverhütung nicht so simpel ist, wie es für einige Leute scheint, die nun behaupten: „Wer die Pille nimmt, wird depressiv.“ Nein, so einfach ist es nicht. Das Zusammenspiel diverser Hormone im Körper ist eine verdammt komplexe Angelegenheit. So reagieren Menschen unterschiedlich auf verschiedene chemische Zusammensetzungen: Was für die eine Person problemlos funktioniert, kann das Leben einer anderen buchstäblich ruinieren. Wenn du das Gefühl hast, dass deine hormonelle Verhütungsmethode dein emotionales Befinden negativ beeinträchtigt, solltest du ein Präparat mit einer anderen Zusammensetzung oder eine nicht-hormonelle Methode wie die Spirale ausprobieren. Wenn du keine emotionalen Auswirkungen bemerkst – und auch sonst keine Erscheinungen, die deine Gesundheit oder deinen Alltag spürbar beeinträchtigen –, solltest du ob der vielen Negativschlagzeilen nicht unnötig in Panik geraten, denn nochmal: In keiner der Studien wurde bisher herausgefunden, dass hormonelle Verhütung unmittelbar zu Depressionen führt.
Außerdem sei gesagt, dass man einer einzelnen Studie nicht leichtfertig so viel Bedeutung beimessen sollte. Ja, die Forscher*innen haben einen Zusammenhang zwischen hormoneller Empfängnisverhütung und dem Gebrauch von Antidepressiva herausgefunden, doch müssen auch die Ergebnisse einer jeden Studie und Statistik differenziert betrachtet werden. Bei der Durchführung der besagten Studie wurde beispielsweise eine sehr homogene Versuchsgruppe untersucht. Alle Teilnehmerinnen waren dänische Frauen. Dass die Forscher*innen Daten von über einer Million Frauen aus zwei Jahrzehnten ausgewertet haben, ist einerseits aussagekräftig, bedeutet aber auch, dass Auswertungen von Pillennutzerinnen in das Ergebnis geflossen sind, deren Präparate längst nicht mehr auf dem Markt sind. Wie die meisten Medikamente, werden auch hormonelle Verhütungsmittel konstant weiterentwickelt. Heutige Pillen mit denen von vor zwanzig Jahren gleichzusetzen, ist irreführend.
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Studien zu hormonellen und nicht-hormonellen Verhütungsmethoden müssen in umfassendem Maße weiterhin durchgeführt werden, um potentielle Nutzerinnen über mögliche Nebenwirkungen noch differenzierter aufklären zu können.

Die Pille hat das Leben vieler Frauen von Grund auf verändert

Wer, wie ich, mit einem leichten Zugang zu einer großen Auswahl an Verhütungsmethoden sowie zu legalen und somit einigermaßen sicheren Abtreibungen aufgewachsen ist, der mag nicht komplett nachvollziehen können, welche unglaubliche Freiheit die Einführung der Pille für Frauen bedeutet hat. Das erste Mal konnten sie selbst entscheiden, ob und wann sie Kinder haben möchten, ohne dabei auf Sex verzichten zu müssen. Das hat die Leben vieler Frauen von Grund auf verändert. Bevor es hormonelle Verhütung gab, war eine Frau, die ihre (Hetero-)Sexualität entdecken wollte, ohne dabei schwanger zu werden, komplett von der Bereitschaft ihres männlichen Partners, Kondome zu benutzen, abhängig oder musste sich auf unsichere Optionen wie die Temperaturmethode einlassen. Mit der Einführung der hormonellen Empfängnisverhütung wurde Frauen die Kontrolle über ihr Leben zuteil, und zwar in einem Maße, das vorher nicht vorhanden war.

Mit der Einführung der hormonellen Empfängnisverhütung wurde Frauen die Kontrolle über ihr Leben zuteil, und zwar in einem Maße, das vorher nicht vorhanden war.

Leute, die behaupten, der gleiche Effekt hätte auch erzielt werden können, indem man allen die hormonfreie Spirale zugänglich gemacht hätte, kann man nur sagen: Jein. Genau wie hormonelle Verhütung ist auch die Kupferspirale nicht für alle Menschen geeignet. Starke Blutungen und heftige Krämpfe können negative Nebeneffekte sein und nicht jede Frau findet es toll, ein Verhütungsmittel zu nehmen, das von einem Arzt oder einer Ärztin eingesetzt und herausgenommen werden muss.

Wir nehmen nur noch die negativen Seiten der Pille wahr

Wir scheinen die Freiheit der Empfängnisverhütung als derart selbstverständlich anzusehen, dass wir nur noch die negativen Seiten wahrnehmen. In einigen Artikeln wird zu recht betont, dass die Pille mit großer Wahrscheinlichkeit auch eher eine Erfindung des Patriarchats war, um Männer vor den Negativfolgen zu verschonen. Dass die Pille jedoch auch Schwangerschaften verhindert, sexuelle Freiheit bedeutet und für manche Frauen sogar heilende Wirkung hat, wird hier völlig ausgeklammert. Ganz zu schweigen von all den positiven Nebeneffekten wie etwa planbare Perioden, reinere Haut, eine größere Libido und bei manchen Frauen sogar eine Minderung depressiver Verstimmungen.
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