Den Sex & The City-Lifestyle aufzugeben, war die beste Entscheidung meines Lebens

Foto: Katherine Kovalova/EyeEm.
Vor vier Jahren zog ich nach London. 830 Dates und 1.000 Networking-Partys später ist bei mir einfach die Luft raus. Ich war jeden Samstag mit meinen Freundinnen brunchen und habe mehr Cocktails getrunken, als meine Leber zugeben will. Eine Zeit lang konnte ich dieses schnelle, aufregende Leben genießen, aber über kurz oder lang ist das Leuchten in meinen Augen erloschen. Irgendwann stellte ich fest, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.
Ich wollte auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen und habe mir den Stress schöngeredet. Ich arbeitete als Showbiz-Journalistin und kam teilweise erst um 3 Uhr morgens von Partys nach Hause – musste aber um 6 Uhr schon wieder in der Redaktion sein. Obwohl ich mich praktisch pausenlos im Delirium befand, weil ich entweder noch angetrunken oder schon verkatert war, fiel es mir mit der Zeit immer leichter, durchzupowern. Um mit der Ellbogenmentalität klarzukommen, die in der Branche üblich ist, trank ich (zu viel) Alkohol bei Arbeitsevents. Jede Nacht verfolgte ich Celebritys auf Schritt und Tritt und ging jeder noch so kleinen Spur nach, um am nächsten Morgen Exklusivberichte abliefern zu können. Auf mir lastete ein enorm hoher Druck.
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Ähnlich wie bei den Frauen von SATC hatte ich eine Affäre nach der anderen – wie in einer verschrobenen Offline-Version von Tinder.

Schöngeredet habe ich mir auch mein Liebesleben: Immer, wenn mir ein Mann sagte, er sei nicht bereit für eine ernsthafte Beziehung, dachte ich, er wäre vielleicht mein Mr Big. Londoner Beziehungen bedeuteten für mich Schmerz, nicht Liebe. Ähnlich wie bei den Frauen von SATC hatte ich eine Affäre nach der anderen – wie in einer verschrobenen Offline-Version von Tinder. Ich datete Ärzte, Anwälte, CEOs, Wissenschaftler, Bänker und natürlich auch immer mal wieder den ganz normalen Großstadt-Wichser.
Ich erinnere mich daran, wie ich in einem für die Showbiz-Welt seltenen Moment der Klarheit und Echtheit eine A-Promi-Schauspielerin beim Opening eines High-End-Restaurants interviewte. Es war laut und der Raum war voller Poser und Wichtigtuer. Ein paar Drinks später schüttete ich ihr unverblümt mein Herz aus – unangenehm –, weil in meinem Liebesleben mal wieder alles schiefging. Allerdings gab sie mir den besten Beziehungstipp, den ich jemals bekommen habe: „Du solltest mit jemandem zusammen sein, in dessen Gegenwart du dich gut fühlst – nicht schlecht. Schmetterlinge im Bauch sind nämlich nicht immer ein gutes Zeichen, also such' nicht nach ihnen. Meistens stehen sie nicht für Verliebtheit, sondern für Ängste und Sorgen, die du hast, weil du nicht weißt, ob die andere Person deine Gefühle erwidert. Schmetterlinge sorgen nicht dafür, dass du dich sicher und geliebt fühlst, sondern beunruhigt oder panisch“. Mit diesem Ratschlag traf sie voll ins Schwarze. Ich hatte keine Lust mehr auf stürmische Romanzen und Hals-über-Kopf-Geschichten, die genauso schnell wieder vorbei sind, wie sie anfangen.
Freund*innen, die meine Social-Media-Posts sahen, meinten ständig zu mir, ich hätte unglaubliches Glück. Und ich war auch sehr dankbar für die Möglichkeiten, die sich mir boten. Aber „gesegnet“ fühlte ich mich nicht – auch, wenn das alle von mir erwarteten. Stattdessen fühlte ich mich einfach nur ausgelaugt.
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Mein Leben glich einer abgespeckten Version von Der Teufel trägt Prada. Ich schlief zu wenig, trank zu viel Alkohol, arbeitete oft für tyrannische Redakteure und hatte, dank der Millennial-Datingkultur, praktisch pausenlos Liebeskummer. Meine Angststörung wurde schlimmer und ging einfach nicht weg – egal wie viel Champagner ich trank oder zu wie vielen Award-Shows ich ging. Mit jedem Tag, der verging, brachte mir dieses Leben weniger Freunde. Ich fand es irgendwann einfach nur noch oberflächlich. Ich wollte meine Zeit nicht mehr mit Influencern verbringen, die hunderte von Selfies in verschiedenen Lichtverhältnissen und aus unterschiedlichen Perspektiven machten. Ich konnte und wollte bei all dem nicht mehr mithalten. In der Theorie schien mein Leben glamourös, nur leider steckte die Realität voller Erschöpfung, Herzschmerz und Angst.

Ich bin zwar immer noch ein großer Fan von SATC, aber es ist eine Sache, die Serie zu feiern und eine andere, selbst diesen Lifestyle zu leben.

Ich bin zwar immer noch ein großer Fan von SATC, aber es ist eine Sache, die Serie zu feiern und eine andere, selbst diesen Lifestyle zu leben. Wie sich herausstellte, ist es nämlich gar nicht möglich, alles im Griff zu haben – ich konnte meinen Job, mein Sozialleben und mein Liebesleben nicht unter einen Hut bringen.
Also ließ ich mein altes Leben hinter mir und zog zurück in meine Heimatstadt: Liverpool. Und ich könnte gar nicht glücklicher sein! Ich arbeite als Freelance-Journalistin und schreibe Geschichten und Artikel, die mir am Herzen liegen. Meine Arbeit erfüllt mich und ich kann endlich wieder mehr Quality-Time mit meiner Familie und meinen Freund*innen verbringen. Ich muss nicht mehr jede Sekunde meiner Wochenenden durchplanen, um mich mit so vielen Menschen treffen zu können wie irgend möglich. In London war immer alles durchgetaktet: Erst traf ich mich auf einen Kaffee mit einem Freund, dann ging’s zum Lunch mit einer Bekannten, nachmittags traf ich wieder andere Leute und abends musste ich zu einer Geburtstagsparty. Das gesellschaftliche Leben Londons wird durch die hektische, FOMO-Kultur angetrieben. In Liverpool ist das ganz anders. Hier kann ich mir Zeit für meine Freunde und Freundinnen nehmen. Wir müssen nicht mehr krampfhaft versuchen, alles, was im letzten Monat in unseren Leben passiert ist, in zehn Minuten zusammenzufassen. Wir stressen uns nicht mehr, sondern genießen einfach den Moment. Meine Freund*innen sind nicht mehr nur ein Punkt auf meiner To-do-Liste. Sie sind wieder ein Teil meines Lebens – und ich ein Teil von ihrem.
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Das Leben in Liverpool ist wundervoll. Keine endlosen Schlangen vor Restaurants, keine maßlos übertriebenen Preise, keine überfüllten Öffis, kein Druck. Ich kann sogar Geld sparen, um mir mein erstes Haus zu kaufen! Davon konnte ich in London nur träumen. Außerdem sind die Leute hier nicht so oberflächig, geldgetrieben und egoistisch. Sie nehmen sich einfach nicht zu ernst. Die erste Frage, die dir in London gestellt wird, lautet „Was machst du beruflich?“. In Liverpool kommt das Thema Arbeit erst viel später im Gespräch auf – nicht, weil es niemanden interessiert, sondern, weil die Prioritäten hier anders sind.
Seit ich nicht mehr in London lebe, hat sich auch mein psychischer Zustand massiv verbessert. Die Uhren ticken hier langsamer – und ich liebe es! Ich muss mich nicht mehr vierteilen. Der SATC-Lifestyle war so voll, ablenkend und zeitraubend. Durch ihn musste ich auf Dinge verzichten, die mir eigentlich wichtig waren, wie Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir am meisten bedeuten. Jetzt kann ich meine Freundschaften hegen und pflegen – sie blühen geradezu auf. Ich muss meine Kapazitäten nicht für unbeständige Dinge verschwenden, die mir eigentlich egal sind.
Ich hatte keine Lust mehr auf einen Lifestyle, der auf Instagram „erfolgreich“ wirkt, mich hinter verschlossenen Türen aber völlig ausnimmt. Ich wollte mehr, ich wollte ein Leben nach meinen eigenen Regeln – und das kann ich nur jedem und jeder empfehlen!
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