Der Fall Vreni Frost – Müssen wir bald jedes Bild auf Instagram kennzeichnen?

Foto: Vreni Frost.
Die Bloggerin Vreni Frost ist ein alter Hase im Internet. Sie betreibt seit nunmehr neun Jahren ihren Blog Neverever und ist auch auf Instagram aktiv. Derzeitiger Followerstand: 53.000. Man kann die liebe Vreni also ohne Übertreibung eine waschechte Influencerin nennen.
Das Thema Transparenz hat bei ihr schon immer höchste Priorität. Wer ihren Blog liest und ihre Post auf Instagram anschaut, merkt schnell, dass das Kennzeichnen von Werbung für Vreni Ehrensache ist. Sowohl in redaktionellen Beiträgen als auch auf ihren Fotos können ihre Leser und Fans auf den ersten Blick und eindeutig erkennen, ob es sich um einen sogenannten „Sponsored Post” handelt oder um einen netten Schnappschuss aus ihrem Leben.
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Umso mehr hat es mich vom Hocker gehauen, als Vreni Ende März eine Abmahnung vom Verband Sozialer Wettbewerb öffentlich machte (den Artikel könnt ihr hier lesen). Der Vorwurf: Drei nicht als Werbung gekennzeichnete Instagram-Post mit Direktverlinkungen zu Marken. Der Abmahnung folgte wenige Wochen später eine Vorladung vor Gericht. Vreni und Schleichwerbung? Tatsächlich waren die Produkte, die auf den betreffenden Bildern getagged waren, selbst von Vreni gekauft worden.
Müssen wir nun also alle unsere Bilder auf Instagram als Werbung kennzeichnen, sobald eine Marke vertaggt wird? Ab wie vielen Followern ist man betroffen? Was ist, wenn doch aber gar kein Geld geflossen ist? Nach einem kurzen Panikanfall, beschloss ich, mit Vreni persönlich zu sprechen, um dieses ganze Durcheinander für euch aufzudröseln.
@vrenifrost
Vreni, du wurdest im April vom Verband Sozialer Wettbewerb abgemahnt, erzähl uns, was genau passiert ist.
Genau, ich wurde wegen drei Bildern abgemahnt, die ich auf Instagram gepostet habe. Auf den Bildern habe ich Marken direkt im Bild getaggt. Diese Beiträge sind nicht als Werbung gekennzeichnet, weil keine der getaggten Marken mich für diese Postings bezahlt hat. Der Verband Sozialer Wettbewerb glaubt dies aber nicht und wirft mir unlauteren Wettbewerb vor.
Jetzt befinde ich mich in einem absurden Rechtsverfahren, das meiner Ansicht nicht zu mehr Transparenz führt, sondern Ängste schürt und eine mediale Abstumpfung eher begünstigt als beseitigt.
Inwiefern?
Ich habe mich immer an das geltende Gesetz gehalten. Das bedeutet: Werbung ist klar vom Rest des Inhaltes zu kennzeichnen. Alles, was bezahlt wird, muss deutlich als Werbung ausgewiesen werden. So habe ich immer gehandhabt. Dass ich jetzt unter Generalverdacht gestellt werde, alle meine Bilder seien Werbung, ist schlichtweg falsch und unfair. Das kann ich schon aufgrund meines journalistischen Backgrounds nicht akzeptieren, ich kenne und befolge das Telemediengesetz und auch das Wettbewerbsrecht halte ich ein. Das ist nicht nur für mich wichtig, sondern für unsere ganze Branche. Alle, die sich medial im Internet bewegen, betrifft mein Fall. Deshalb kämpfe ich für ein Urteil - was mich schlimmstenfalls ruinieren wird. Aber mein Gerechtigkeitssinn ist nunmal sehr hoch und ich lasse mich nicht für etwas verurteilen, das Unrecht ist.
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Wie ist das Prozedere der Abmahnung?
Ich wurde vom Verband Sozialer Wettbewerb abgemahnt. Die sagen, ich werbe, ohne zu kennzeichnen. Sie wollen 178,50 Euro Abmahnkosten und eine Unterlassungserklärung. Wenn ich das zahle und unterschreibe, ist damit aber nicht alles in Ordnung. Im Gegenteil: Unterschreibe ich nämlich die Unterlassungserklärung, so muss ich alle meine Instagram-Beiträge auch rückwirkend kennzeichnen – egal ob es zehn Bilder sind oder 10.000. Das sagt der „soziale“ Verband den Abgemahnten aber nicht. Der lauert nämlich wohl darauf, dass jemand den Vertrag bricht, um dann im Einzelfall pro Verstoß bis zu mehreren tausend Euro Strafzahlung aufzufordern.
Gerade du bist eine Influencerin, die mit dem Thema sehr offen umgeht
Ich bin die Letzte, die sich gegen eine Kennzeichnungspflicht wehrt. Im Gegenteil: Ich kämpfe schon seit geraumer Zeit dafür, dass ausreichend und deutlich gekennzeichnet wird. Ich wehre mich jedoch gegen eine mediale Abstumpfung und einen Generalverdacht. Vor einem Jahr habe ich über Kennzeichnung, Transparenz und Schleichwerbung geschrieben. Eben weil es mir bei vielen Kollegen aufgestoßen ist. Ich habe sie aber nicht an den Pranger gestellt, das möchte ich auch nicht, sondern habe meinen Blog genutzt, um aufzuklären. Denn wir haben ja Regeln. Wir haben das Telemediengesetz und wir haben das Wettbewerbsrecht. Ich habe immer mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Hätte ich ein schlechtes Gewissen, dann wäre ich mit Sicherheit nicht so kampfeslustig. Ich bin aber der festen Überzeugung: ich bin im Recht.

Alle, die sich medial im Internet bewegen, betrifft mein Fall. Deshalb kämpfe ich für ein Urteil - was mich schlimmstenfalls ruinieren wird.

Wie ist das Feedback deiner Leser*innen?
Das ist krass. Meine Instagram Follower teilen zu 99 Prozent meine Ansichten und finden die Abmahnung absurd. Die User sind doch nicht dumm, die wissen, wie der Hase läuft. Die wissen, dass Influencer Werbung posten und stören sich auch nicht an einer Kennzeichnung als Werbung. Man folgt doch gerade Lifestyle-Influencern, weil man inspiriert werden und neue Brands sowie Produkte kennenlernen möchte.
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Wie hast du auf die Abmahnung reagiert?
Öffentlich. Ich habe einen Blogpost geschrieben, in dem ich erkläre, warum diese Abmahnung absurd ist. Daraufhin habe ich so viele Zuschriften von Kollegen bekommen, die sich teilweise seit Monaten schon in Verfahren gegen den VSW befinden und bereits mehrere tausend Euro los sind. Ich werde weiterhin öffentlich für mein Recht einstehen und für das meiner Kollegen. So ein Verfahren wünsche ich niemandem. Gemeinsam mit meinem Anwalt habe ich dem Verband erklärt, dass es sich bei dem Taggen von Brands um eine redaktionelle Serviceleistung handelt und dass ich die Unterlassungserklärung nicht unterschreiben werde. Das Prinzip von Social Media liegt für mich darin, sich zu vernetzen. Deswegen bin ich doch auf Instagram: weil ich inspiriert werden will. Ich will immer neue Netze spannen und über immer neue Ankerpunkte einfach coole Produkte und Menschen finden. Das sieht der VSW jedoch anders und deshalb trudelte wenige Wochen später eine Terminladung zur mündlichen Verhandlung ein.
Was ist die genaue Anklage?
Der Verband Sozialer Wettbewerb möchte, ich zitiere, „den Erlass einer einstweilige Verfügung, der Dringlichkeit halber ohne mündliche Verhandlung.” Mein Anwalt hat jedoch um eine mündliche Verhandlung gebeten, weshalb das Ganze nun am Donnerstag vor Gericht beurteilt wird.

„Hey, warum bist du hier?“ - „Dreifacher Mord. Du?“ - „Direkttags auf Instagram.“

Was sind die Konsequenzen, wenn du das Verfahren verlierst?
Die genauen Konsequenzen kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen. Ich kann nur so viel sagen, dass ich für mein Recht einstehen werde und eine solche Unterlassungserklärung in meinem Falle nicht mit meiner Vorstellung von Gerechtigkeit vereinbar ist. Wenn ich etwas falsch gemacht hätte, dann würde ich es unterschreiben und in Zukunft besser machen. Aber ich habe nicht gegen das Gesetz gehandelt. Sollte das jedoch ein Gericht nun anders beurteilen, dann ist das ein Schlag ins Gesicht für die ganze Online-Medienbranche und wird zu noch mehr Unsicherheit führen.
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Wir haben es hier also mit einer Art Präzedenzfall für Abmahnungen zu tun?
Es gibt bereits einige Urteile, jedoch muss jeder Fall für sich beurteilt werden. Das macht es auch so schwierig, hier eine einheitliche Regelung zu finden. In meinem Falle geht es um die Beurteilung von Direkttags im Bild. Mein Fall könnte hier auf jeden Fall wegweisend sein. Deshalb ist er mir auch so wichtig.
Worauf kann es schlimmstenfalls hinauslaufen?
Auf meinen persönlichen Ruin und eine Abmahnwelle, die sich gewaschen hat. Wenn ich tatsächlich eine Strafe bekomme, zahle ich nicht, sondern nehme die Option der Ordnungshaft. Das wird dann lustig, wenn ich mich mit den anderen Insassen über unsere Vergehen austausche: „Hey, warum bist du hier?“ - „Dreifacher Mord. Du?“ - „Direkttags auf Instagram.“
Danke, Vreni, für das Interview. Der Gerichtstermin ist für morgen Früh, zehn Uhr angesetzt. Danach werden wir mit Sicherheit wissen, wie es hier weiter gehen wird.
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