Warum ich als Berlinerin nicht mehr mit den Öffentlichen fahren will

Photographed by Angela Pham.
Berlin ist nicht nur die Hauptstadt der Deutschen, sondern auch die Hauptstadt der öffentlichen Verkehrsmittel. Kaum eine andere Stadt ist so gut mit Bussen, Bahnen und Tram-Linien vernetzt wie Berlin. Das ist zwar nicht ganz günstig (in einem Städte-Vergleich schnitt Berlin 2010 sogar von allen am teuersten ab, selbst gegenüber New York!), aber eben praktisch für Berliner und Touristen. Bis auf mich. Denn ich bin zwar Berlinerin, nutze die öffentlichen Verkehrsmittel jedoch überhaupt nicht. Nie. Stattdessen bevorzuge ich mein süßes kleines Auto, das mich perfekt und zu jeder Tages- und Nachtzeit an den Ort meiner Wünsche bringt. Mal schneller, mal langsamer, je nachdem, wie die Verkehrslage gerade ist. Warum? Weil ich Angst habe, mit dem Bus oder der U-Bahn zu fahren und mich in meinem Auto einfach sicher fühle! Warum? Weil die Gesellschaft gefühlt völlig außer Kontrolle gerät und sich unzählige Horror-Meldungen von Gewaltverbrechen in U-Bahnen, Bussen oder sonst wo häufen.
Werbung
Als ich das Video von der jungen Frau, die in einem U-Bahnhof die Treppe runtergetreten wurde, gesehen habe, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich konnte kaum hingucken! Das hätte ich sein können. Oder meine Mutter. Oder meine Schwester. Oder meine Freundin. Gleich nach dem Schock hatte ich jedoch ein großes Fragezeichen vor Augen. Ein wütendes Fragezeichen. Warum zur Hölle macht man so etwas? Was geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Was zur Hölle hat man davon, eine wehrlose junge Frau so zu verletzen? Sie hat sich zwar „nur“ den Arm gebrochen, aber das hätte auch tödlich enden können. Ganz zu schweigen von dem Schock ihres Lebens.
Für diese sinnlose Tat fehlt mir (ich weiß ich bin nicht die Einzige) jedes Verständnis. Leider ist es kein Einzelfall. 2014 gab es laut Polizei-Statistik allein in Berlin 40.736 Fälle von Körperverletzung, 2991 Sexualstraftaten und 5697 Raubdelikte. Wie viele davon wohl in öffentlichen Verkehrsmitteln verübt wurden? Fraglich. Für mich reicht jedoch allein der U-Bahn-Treter, um Bussen und Bahnen auch zukünftig fern zu bleiben. Koste es was es wolle!
Darüber kann man jetzt lachen und sich seinen Teil denken, zum Beispiel, dass einem selbst so etwas ja nicht passiert (das denkt doch jeder, oder?) oder das es völlig überdramatisiert ist, vor allem, weil im Auto ja auch einiges passieren kann, doch ich will es lieber nicht darauf ankommen lassen. Nicht, wenn ich die Möglichkeit habe, anders von A nach B zu kommen. Der fehlende Respekt untereinander und das mangelnde Recht- und Unrecht-Bewusstsein in unserer heutigen Gesellschaft geben mir einfach so ein ungutes Gefühl, dass ich lieber mit dem Auto fahre und den täglichen Stau in Kauf nehme. Selbst wenn ich dann bei jeder Party auf Alkohol verzichten muss.
Das meine Angst mich von der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel abhält, ist trotzdem tragisch. Ich finde es auch nicht toll, mit dem Gefühl in einer Großstadt zu leben, dass mir oder meinen Lieben etwas passieren könnte. Dieses Gefühl hatte ich nicht mal nachts um 12 in London, wo ich bereits sechs Monate gelebt und ausschließlich die Öffis benutzt habe! Dabei könnte doch alles so einfach sein: Menschen könnten friedlich miteinander leben und voneinander profitieren. Aber wo ist die gute Kinderstube geblieben? Wo ist der Respekt für seine Mitmenschen geblieben? Wo ist das Herz geblieben? Sind einige Menschen wirklich zu verrohten, gewalttätigen Dummköpfen mutiert, die für einen schlechten Scherz, pure Unzufriedenheit oder einfach nur aus Aggressivität wirklich Leben riskieren? Momentan sieht es ganz danach aus. Ich habe allerdings nicht vor, das nächstes Opfer zu werden.
Werbung

Mehr aus Seele

Watch

R29 Originals

Jetzt Ansehen
Fashion
Der Weg des Styles von der Subkultur auf die Weltbühne
Jetzt Ansehen
Queer Voices
Mitglieder der LGBTQIA-Community wenden sich in bewegend ehrlichen Briefen an ihr jüngeres Ich
Jetzt Ansehen
Lifestyle
5 Tage, 1 Experiment – Lifestyle-Redakteurin Lucie Fink stellt ihr Leben 5 Tage am Stück auf den Kopf!
Jetzt Ansehen
Musik
Frech und unkonventionell Musikerinnen.