Erst Detoxsäfte & dann Koks?! Warum unser Lifestyle heute oft schizophren ist

Illustration: Gabriela Alford, Abbie Winters.
Gegensätze ziehen sich an? Das Bondi-Paradox klingt eher wie ein gefährlich dualistischer Lifestyle: Gemeinhin haben die Millennials – laut demographischer Kategorisierung auch Generation-Y genannt – ja den Ruf, auf alte Gepflogenheiten zu pfeifen. Nicht ohne Grund verschrien als die Generation-Me, stehen sie für ein bewusst unstetes Leben, angeführt von einer gesunden Work-Life-Balance, die die eigenen Bedürfnisse bei möglichst flexiblen Arbeitszeiten in den Vordergrund stellt, gegen gesellschaftlich auferlegten Arbeitsdruck (den macht man sich lieber selbst), für hemmungslosen Hedonismus! Im Umkehrschluss heißt das: Leistung und Lebensgenuss gehen untrennbar Hand in Hand.
Zu diesem ohnehin ausgiebig zelebrierten Lebensgenuss gesellt sich seit kurzem ein fragwürdiges Zeitgeist-Phänomen, das zwei eher ungleiche Lebensstile miteinander vereint: Das Bondi-Paradox – eine Weiterentwicklung der Drunkorexia, einer im Netz kursierenden Bewegung, die vorsätzlich gegen Essen wettert (und darauf verzichtet), um am Abend mehr Alkohol trinken zu können und gleichzeitig Kalorien zu sparen. Die von unserer Generation geforderte Work-Life-Balance wird hier beispielhaft ad absurdum geführt: Tagsüber setzt man der Gesundheit zuliebe auf Power-Yoga, Superfood und eine vegane, gluten- sowie zuckerfreie Ernährung, nachts wiederum auf Alkohol und Drogen wie Amphetamine, Koks oder MDMA. Kurzum: Selbstkasteiung und Genusssucht führen ein gefährliches Doppelleben. Die Herkunft des Begriffs Bondi-Paradox ist dabei nicht weniger possenhaft als das Phänomen selbst. Er ist zurückzuführen auf den berühmten Bondi Beach, ein Surfspot im Osten von Sydney und seit Jahren Hochburg für eben diese Gepflogenheiten. Weltweit bekannt wurde er durch das australische Comedy-Duo Bondi Hipsters, die den Lifestyle ihres Viertels in ihrer gleichnamigen YouTube-Serie ordentlich auf die Schippe nehmen.
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Selbst wer keine Drogen konsumiert, lässt am Abend auf gut deutsch gerne mal so richtig die Sau raus um danach reumütig zu detoxen und ins Fitnessstudio zu rennen

Zu dem Kampf um Individualität, berufliche Freiheit, Selbstoptimierung und Disziplin dieses Lebensstils gesellt sich nun also auch der Wunsch, auszubrechen und über die Strenge zu schlagen – von einem Extrem ins Andere. Eine Rebellion, die eigentlich keine ist, denn wogegen genau lehnen sich die Millennials auf? Vielmehr geht es um eine Art Kompensation; unter der Woche reisst man sich zusammen, dafür gibt es am Wochenende die Belohnung. Nach dem Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts. Immerhin stimulieren Alkohol und Drogen das Belohnungszentrum und machen auf die Schnelle mal eben ziemlich glücklich. Auch ein Grund für diesen widersprüchlichen Lifestyle? Das, und vielleicht der Wunsch nach mehr Autonomie – danach es anders machen zu wollen, als die Eltern es getan haben.
Zukunftsorientierte Sicherheiten spielen kaum mehr eine Rolle. Dazu passt natürlich auch am Wochenende mal leichtsinnig eine blutige Nase zu riskieren. Die extrem gesunde Lebensweise am Tag hält dagegen – und wenn nicht, naja dann eben nicht! Wovor denn Angst haben, wenn doch ohnehin keiner weiß, was morgen ist? Die Generation-Y-Jahrgänge haben sämtliche Umbrüche und Krisen mitbekommen, die sie verunsichern. Dadurch haben sie gelernt mit Ungewissheiten in der Lebensplanung zu leben, sich neuen Umgebungen anzupassen und sich möglichst viele Optionen offen zu halten – privat wie beruflich. Sie ist damit die internationalste, örtlich flexibelste und vielsprachigste Generation, die die Arbeitswelt jemals gesehen hat. Auch beim Bondi-Detox ist sich die Generation international einig. Erfolgreich sein und sein Dasein trotzdem in vollen Zügen zu genießen – ich glaube keinem von uns ist dieser Gedanke total fremd. Selbst wer keine Drogen konsumiert, lässt am Abend auf gut deutsch gerne mal so richtig die Sau raus um danach reumütig zu detoxen und ins Fitnessstudio zu rennen. Vielleicht ist Bondi das Ergebnis eines „gesellschaftlichen Zwangs“, den vorherrschenden (Schönheits-)Idealen und der anhaltenden Suche nach Identität gerecht zu werden. Der Drang, allem und jedem Trend einen Namen zu geben, ist es in jedem Fall.
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