Eine Liebeserklärung an die Weißweinschorle

Dieser Artikel erschien zuerst bei Mit Vergnügen 
Es ist jetzt Sommer. Erstmal alles ausziehen. Mit dem Fahrrad zum See fahren, ohne Helm, wir sind jetzt unsterblich. Zwischen Mai und Oktober hat Vernunft keine Saison und wer am Wochenende weniger als 5 Kugeln Eis isst, muss nachsitzen, und zwar im Schatten. Von Luft und Liebe wird keiner satt, aber mit Wassermelone und Eiskaffee dazu geht's eigentlich. Abends dann: blaue Stunde, heiße Haut, die glänzt vom Schweiß und kleine Fliegen, die darauf kleben. Vielleicht Sand in den Schuhen und Grillsoße unter den Nägeln. Wir müssen anstoßen, schnell! Jemand redet schon vom nächsten Regen.
Wo man im Winter Bier trinkt, weil Bier immer geht oder Glühwein, weil der Gruppenzwang so groß ist und die Hoffnung, man möge endlich mal einen von der guten Sorte erwischen, auch, multipliziert sich mit steigenden Temperaturen auch die abendliche Getränkeauswahl. Was also trinken, wenn die Sonne schon tief steht?
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Bier: langweilig

Natürlich kann man auch im Sommer ein kühles Bier trinken. "Ein kühles Bier" steht syonym für eine ganze Kaskade an Sommerszenarien: rauchende Grillwurst im Abendlicht, hechelnde Hunde neben haarigen Beinen, Männer oben ohne, lachende Frauen in Ruderbooten, Bierbänke, Biergärten, Bierbäuche, Bier-Bikes. Bier ist unzuverlässig und schwerfällig, es erfrischt erst und dann wird man sehr schnell sehr blöd und müde. Nach zwei Flaschen davon hängt man satt und blubbernd im Korbstuhl, stößt noch ein wenig Schaschlik auf und wankt dann ins Bett, noch bevor sich die ersten Glühwürmchen anschalten. Leichtfüßige Sommernächte sehen anders aus. Bier wäre die einfachste, aber auch die denkbar langweiligste Wahl, wenn es darum geht, sich für das perfekte Sommergetränk zu entscheiden.

Bier ist unzuverlässig und schwerfällig, es erfrischt erst und dann wird man sehr schnell sehr blöd und müde

Aperol Spritz: eitel

Leuchtend orangerot wie eine untergehende Sonne oder fieser Hautausschlag schwappt der Aperol Spritz in bauchigen Gläsern zusammen mit Strohhalm, Orangenscheibe und Eis und wähnt sich als der unangefochtene Sieger im Wettstreit um das sommerlichste aller Getränke. Spritz klingt dem Namen nach zwar, ja, spritzig und frisch, ist aber in Wirklichkeit nur ein verkleideter Prosecco und damit ein gleich zweifach eitles Poser-Getränk. Man möchte beim Trinken nicht nur den kleinen Finger, sondern auch den kleinen Zeh abspreizen. Was seiner Beliebtheit keinen Abbruch tut, aber die ist ja nicht immer zwingend Beweis für die Qualität einer Sache.

Man möchte beim Trinken nicht nur den kleinen Finger, sondern auch den kleinen Zeh abspreizen

Gin Tonic: brutal

Im sommerlichen Überschwang und schon leicht mürbe im Kopf von Ozon und UVA klingt auch so ein abendlicher Gin Tonic ziemlich gut. Ein fataler Fehler. Gin, genauso wie Wodka und andere Sorten hochprozentiger Spirituosen, trampeln derart brachial in die laue Sommernacht, dass der zarte Zauber, den 25 Grad nach Sonnenuntergang nun einmal haben, sofort zermürbt wird von der alkoholinduzierten Erregung, die so ein mächtiger Humpen voller Gin und Tonic mit sich bringt. Sofort will man noch weiter ziehen, noch zwei bis vier weitere Gläser trinken und warum nicht eigentlich gleich noch eine Runde Schnaps für alle? Ein Longdrink ist im Sommer die 420 cl lange Zündschnur in Richtung Komplettausfall, massig, wuchtig, breitbeinig im schweren Glas. So wundervoll gut gemischte Drinks auch sind, als Begleiter für einen charmant-süffigen Sommerabend taugen sie so viel wie ein Schweinebraten vor dem Besuch in der Hüpfburg. Und es gehört eine Menge Selbstbeherrschung dazu, nach einem Gin Tonic als nächstes ein uff, viel zu vernünftiges Mineralwasser oder Apfelschorle zu bestellen.
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Ein Longdrink ist im Sommer die 420cl lange Zündschnur in Richtung Komplettausfall, massig, wuchtig, breitbeinig im schweren Glas

Weißweinschorle: perfekt

Wo wir gerade von Schorle sprechen. Es gibt eine Schorle, die alle Eigenschaften in sich vereint, die ein gutes, nein, das perfekte Sommergetränk haben muss. Süffig, erfrischend, fruchtig, aromatisch, kühlend, belebend, gerade genug benebelnd, auch in große Mengen genossen vergleichsweise katerarm, stilvoll, aber nicht überdekoriert, anpassungsfähig und fast überall zu bekommen. Die Rede ist von der Weißweinschorle. Die Weißweinschorle ist angenehm einfallslos und so verlässlich wie ein Golden Retriever. Sie sorgt für gelöste Stimmung, ohne dafür schmutzige Witze erzählen zu müssen. Sie passt gut zu jeder Art von Sommerküche, schmeckt in der Wiese, im Wald, in der Rooftop-Bar, im Club, am Strand, mit Freunden, bei Oma, auf dem Sonnendeck oder von mir aus auch im Solarium. Universell einsetzbar mit zurückhaltender Klasse – was natürlich auch ein wenig vom Wein abhängt. Wahre Someliers kämen wohl nicht auf die Idee, ihren Weißwein mit schnödem Sprudel oder sogar Eiswürfeln zu versetzen. Alle anderen aber schippern auf einer süß-säuerlichen, fein perlenden Welle Richtung Sonnenuntergang. Oder Aufgang. Oder Feierabend. Oder, naja, Arbeitsbeginn. Hey, es ist immerhin Sommer. Wir sind vorübergehend unsterblich.

Die Weißweinschorle schmeckt in der Wiese, im Wald, in der Rooftop-Bar, im Club, am Strand, mit Freunden, bei Oma, auf dem Sonnendeck oder von mir aus auch im Solarium

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