Wieso ich manchmal keinen Bock mehr habe auf Instagram abzuhängen

Instagram ist inzwischen fest in der Hand von sogenannten Influencern, die sich wiederum fest in Beziehungen mit bezahlten Kooperationspartnern befinden. Vieles von dem, was wir tagtäglich bewundernd ansehen, ist nichts weiter als eine geschönte, gut vergütete Version der Wirklichkeit, die wir wiederum im Privaten versuchen mit unseren Accounts nachzubilden. Unbezahlt, versteht sich. Damit sollten wir allerdings aufpassen. Nicht zuletzt, weil wir uns sonst am Ende alle zu sehr ähneln!
Ich bin im Allgemeinen eher so ein semitoller Mensch, optisch wie auch charakterlich. Ich bin zwar nicht besonders entstellt, aber die Natur hat es mit mir leider auch nicht so gut gemeint, dass mich Menschen unfassbar gerne anschauen. Da hilft auch kein kaschierendes Make-Up oder schmeichelnde Kleidung von der Stange, die ohnehin nicht gut sitzt, weil mein Booty enorm und meine Arme schmal wie Essstäbchen sind (praktisch im Restaurant).
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Meine Wohnung ist zimmerweise leicht ranzig. Das Wohnzimmer kann ich allerdings guten Gewissens auf Instagram vorzeigen, was ich folglich auch oft tue. In der Küche gibt es die Ecke mit den hübschen Kaffeemaschinen und dem fancy Kühlschrank, die ich nicht verstecken muss. Allerdings ist hinter dem Herd die Wand verschimmelt und am Türrahmen befinden sich kleine braune Flecken, von denen ich vermute, dass sie vom Hund des Vorbesitzers im Rahmen eines Magendarminfekts dorthin gesprüht worden sind.
Im Schlafzimmer hängen noch die löchrigen Rollos der Vormieters, die grün-graue Feuchtigkeitsflecken haben. Erstens habe ich keinen blassen Schimmer wie man Rollos austauscht und zweitens besitze ich ja zwei andere, hervorragende Zimmer, die ich guten Gewissens vorzeigen kann. Weiß ja niemand. Sieht man ja auf Instagram nicht. Ebenso wie die Haarknäule unter dem Bett, oder die Zahnpastaflecken auf dem Boden, weil ich abends manchmal zu faul bin beim Zähneputzen noch zu stehen. Schwere Beine, nennt man das. Meine Fußgelenke sehen selbst in Sneakern immer adipös aus und quillen seitlich leicht über, als würde es keine Begrenzung zwischen meinem Körper und der Unendlichkeit geben.
Wenn ich mehr als zwei Mal in der Woche etwas Unvernünftiges (Eggs Benedict) esse, wiege ich direkt einige Kilo mehr und lagere tonnenweise Wasser in meine baumstammartigen Beine ein. Meinen Fotos sieht man das nicht unbedingt an. Aber wieso eigentlich nicht?
Vertusche ich mit Absicht und unter Vorsatz mein “wahres Ich” oder habe ich möglicherweise unbewusst verinnerlicht, welcher soziale Code von mir erwartet und welches Verhalten von Followern belohnt wird? Warum habe ich feministische Literatur fotografiert? Möchte ich dafür bewundert werden? Und was erschreckt mich eigentlich so sehr an dem Gedanken needy nach Anerkennung zu sein? Welche Motivation steckt dahinter, wenn ich die neueste Ben & Jerry’s Sorte in die Kamera halte, aber unterschlage, dass ich mich den ganzen Abend schlecht gefühlt habe, weil ich das Eis tatsächlich komplett gegessen habe? Es ist schwierig mit mir und Instagram.
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Chia Pudding Bowl ❤️ Of course with my lovely essential oils peppermint and tangerine!

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Wir sind alle so unglaublich langweilig geworden, so sehr, dass unsere schönsten Seiten mit einem Filter fast identisch erscheinen und wir, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, auch noch diejenigen Hashtags benutzen, die unsere reproduzierbaren Fotos einem Haufen anderer, gleichgeschalteter Fotos zuordnen, die sich dann bestenfalls noch im Datum des Uploads unterscheiden. Jeder Avocadotoast hat irgendwo einen identischen Zwilling. Jeder Plant Hanger in Neonfarben über einem Acapulco Chair hat einen Doppelgänger. Es gibt mich da draußen vermutlich tausendfach. Seit Instagram weiß ich es.
Jeder Avocadotoast hat irgendwo einen identischen Zwilling. Jeder Plant Hanger in Neonfarben über einem Acapulco Chair hat einen Doppelgänger. Es gibt mich da draußen vermutlich tausendfach. Seit Instagram weiß ich es.
Ich falle unter die Kategorie der Micro Influencer. Das bedeutet, ich habe gerade mal knapp über 10.000 Follower auf Instagram. Eine Zahl, die seit Monaten stagniert, weil ich mich weigere Hashtags wie #rainyday #cozy #happymom #latteart #inspiration #healthy #detox #brunchwithfriends #yummy #delicious #familylife #hygge #postyogaglow oder #mondaymotivation zu benutzen. Der Kategorisierungswahn verflacht Lebensentwürfe und die Möglichkeiten sich auszudrücken. Wir reduzieren uns auf ein paar Punkte, die für die Peer-Group einen Distinktionsgewinn bedeuten, dabei natürlich immer bemüht etwas besser oder als erster zu machen. Wir tragen Acne Jeans, essen fleissig weiter Shakshuka und planen unseren Tokyotrip in unserem Bulletjournal. Irgendwo verdient jemand Geld mit uns, aber davon bekommen wir nichts mit, weil wir es ausblenden wollen.
Das wirklich Gruselige daran ist: Die Zeit, die wir auf Instagram verbringen, ist bei den meisten ein nicht unwesentlicher Bestandteil ihres Tages. Ich hänge in der Regel geschlagene dreißig Minuten täglich mit den Stories und Instapics der anderen rum und lasse mich berieseln. Die anderen sind meine Freunde, Bekannte, Blogger und natürlich auch Influencer. Darunter also nicht nur Menschen, die den Lifestyle der Influencer adaptieren, sondern auch jene Menschen, die aktiv Marketing betreiben und teilweise sogar davon leben können. Wobei sich die Höhe der Vergütung nach der Anzahl der Follower und der Interaktionsdichte von Likes und Kommentaren richtet. Im schlimmsten Fall bekommen sie von Kooperationspartnern nur ein paar bunte Socken mit Spiegeleimotiv zugeschickt, um sie zu posten und dürfen diese danach behalten. Im besten Fall haben sie aber über 1.000.000 Follower und lassen sich ein Foto mit einem ungenießbaren Proteinshake mit 15.000 Euro vergüten. Wie der Wettlauf um Anerkennung und Geld die Plattform verändert hat, weiß auch Anika Meier.
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Besonders perfide, denn die Instagram Fotos der Influencer wirken wie Schnappschüsse aus dem Alltag, sind aber ein gut durchdachtes Produkt, das vom Konzept über den Aufbau, bis hin zur Reichweitenanalyse ordentlich entzaubert wurde. Tragisch, denn insbesondere während meiner Depression im vergangenen Jahr, verbrachte ich Stunden vor Instagram, um mir ununterbrochen die Leben und Chia Bowls der anderen anzusehen und dabei richtig wütend zu werden, weil ich nur Müsli im Haus hatte. Ein bisschen Neid auf so ein schönes Leben, gepaart mit Wut und Selbsthass auf meine Mittelmäßigkeit. Völlig unnötig, wie sich inzwischen rausstellte. Die bestellten Steingut-Teller, die ich bei meiner Lieblingsinfluencerin gesehen habe, konnte ich glücklicherweise zurückschicken. Die 500 Gramm Packung Organic Matcha Tee für fünfzig Euro, die nach alter Hose schmeckte, leider nicht.

I raided the mini bar for some breakfast in bed.

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Eine Studie der Universität Köln fand heraus, dass Neid eine natürliche Reaktion ist, die spontan bei gefühlter Unterlegenheit abläuft. Das wirklich Tragische scheint zu sein, dass diese Reaktion auch immer dann stattfindet, wenn der Grund für die Unterlegenheit keine nennenswerte Bedeutung für das Selbstbild hat. Hier wird das Beispiel genannt, dass man vielleicht selbst gerade erst aus dem Urlaub zurückkommt und trotzdem Neid gegenüber jemandem empfindet, der ein Urlaubsfoto vom Strand postet. Das Potential für Marketing dürfte damit klar sein. Unsere Rolle als Nutzer auch. Völlig unnötig im Grunde.

#breakfast at 3 pm. #foodporn #foodie #eatwhatyoulove #abouttherealstruggle #chocolate #chocolatecake

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An für sich hat ein bisschen Perfektionismus natürlich noch niemandem geschadet. Schwierig wird es aber dann, wenn alle ständig nur ihr bestes Gesicht zeigen und keiner darüber spricht woran er gerade scheitert. Wenn man vor lauter Interiortraum den Menschen nicht mehr wahrnimmt, der darin lebt. Bei mir schafft es zum Beispiel im Schnitt nur jedes zwanzigste Selfie auf Instagram, weil ich auf den anderen zu doppelkinnig, großporig, schwitzig, glänzend, trocken, rotäugig, schielend, gelbzähnig oder strähnig aussehe. Ich bin also in der Regel gar nicht so “schön”, sondern nur 1/20 der Zeit und selbst das ist relativ, denn wenn ich nicht special aussehe, verbringe ich auch keine Zeitdamit mit Selfies machen. Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich also damit noch hässlicher zu sein als auf meinen Fotos. Oder ich sitze in den unfotogenen Zimmern meiner Wohnung und tue nicht beneidenswerte Dinge wie Rechnungen schreiben, Mückenstiche aufkratzen oder Toast mit Leberwurst essen.
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Fast schon wie eine Therapie wirkt da neben all den perfektionistischen Accounts das Projekt RealStruggle der Schriftstellerin Kathrin Wessling: Eine Sammlung von Fotos aus dem wahren Leben. Statt Milchschaumkunst und Yogaposen von speckfreien Menschen, findet man hier das wahre Leben: Trockene Lippen, heruntergefallene Weinflaschen und wenig fotogene Brötchen mit Eszet Schnitten.
Am Ende bleibt nur der kleine Trost ein Mensch zu sein und kein “überzeugungsstarker, markenbewusster Multiplikator”, auch wenn dessen Wohnung etwas mehr “hyggellig” ist. Und genau dieses Menschsein sollten wir wieder mehr zeigen und bei anderen bewusst liken, auch wenn sie vielleicht vergessen haben für das Foto aufzuräumen.